Analyse

Zukunftsperspektiven des Limmattals: Wer den Wandel nicht gestaltet, wird überrollt

Bettina Hamilton-Irvine
Die Limmattalbahn – hier die Baustelle an der Zürcherstrasse in Schlieren – wird dazu beitragen, dass der öffentliche Raum hierarchisiert wird.

Die Limmattalbahn – hier die Baustelle an der Zürcherstrasse in Schlieren – wird dazu beitragen, dass der öffentliche Raum hierarchisiert wird.

Kurz vor den Wahlen vom 4. März ist ein guter Moment, sich Gedanken darüber zu machen, in welche Richtung sich das Limmattal entwickeln soll. Eine Analyse von Bettina Hamilton-Irvine.

Wo soll das Limmattal in vier Jahren stehen? Und welche Weichen können wir bis dann stellen, damit das Limmattal in zwanzig oder dreissig Jahren eine prosperierende, attraktive Region ist, in der unsere Kinder gerne und noch besser leben? Eine Region, die den Wandel, der bereits im Gang ist, nicht einfach über sich hat ergehen lassen, sondern ihn mitgestaltet und positiv genutzt hat, um die Region vorwärts zu bringen? Jetzt, kurz vor den Wahlen, ist ein guter Moment, um sich solche Fragen zu stellen. Denn am 4. März wählen Dietikon, Schlieren und Urdorf die Politikerinnen und Politiker, die in den nächsten vier Jahren die Entwicklung des Limmattals entscheidend mitprägen werden, am 15. April die restlichen Gemeinden des Bezirks.

Klar ist: Das Limmattal braucht Politiker und Politikerinnen, die mutig sind und auch nicht davor zurückschrecken, sich zu exponieren. Die nicht nur bereit sind, sich für die Region zu engagieren, sondern auch an eine positive Entwicklung glauben und die Kraft und Weitsicht haben, diese aktiv zu planen. Männer und Frauen, welche die Ängste der Bevölkerung vor Veränderung zwar ernst nehmen, sich in ihren Entscheidungen aber nicht von Angst leiten lassen. Sondern von Zuversicht.

Eine Rückkehr ist nicht möglich

Denn das Limmattal steht an einem Wendepunkt. Mitten in einem komplexen Veränderungsprozess – fast so wie ein Teenager, mit dem ganz viel gleichzeitig passiert. Ob es seine Chancen nun nutzt und würdevoll zu einem starken, gesunden Erwachsenen heranreift oder sich gegen die Entwicklung sträubt, hat viel damit zu tun, welche Personen in den nächsten Jahren welche Weichen stellen werden. Fest steht: Zurückkehren zu seiner Kindheit kann das Limmattal genauso wenig wie der Teenager.

In den letzten Jahren ist der Teenager – um noch einen Moment lang beim Bild zu bleiben – wohl tatsächlich etwas schnell gewachsen. Daraus resultieren gewisse Wachstumsschmerzen und eine diffuse Angst, sich zu schnell verändert zu haben, nicht mehr genau zu wissen, wer man ist. Furcht vor Identitätsverlust ist die Folge, und vor noch mehr Veränderung – denn davon gab es doch gerade schon genügend. Können wir die Veränderungen nicht stoppen oder zumindest pausieren? Uns ist gerade etwas schwindlig.

Aber nein: Das ist weder möglich noch wünschenswert. Denn Leben heisst Veränderung. Und die Entwicklung, die im Limmattal schon seit vielen Jahren im Gang ist, lässt sich nicht aufhalten. Sie birgt enormes Potenzial. Denn noch in den 1980er-Jahren, nach dem Zerfall der Industrie, befand sich das Limmattal in einer Art Schockstarre, stagnierte, fühlte sich ungeliebt und vernachlässigt vom Kanton. Es war keine begehrte Wohngegend, wurde brutal verspottet als «Mülleimer des Kantons» oder «Ruhrpott der Schweiz». Mit dem Aufleben der Konjunktur nach der Jahrtausendwende setzte im Limmattal ein Bauboom ein, wie ihn die Region seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte. Nicht zufällig: Als logische Weiterführung der bereits weitgehend verbauten Stadt Zürich war der Bezirk Dietikon begehrte Wohnlage. Alles drängte ins Limmattal. Und die Städte und Gemeinden begrüssten diese Entwicklung, förderten sie auch. Nicht zuletzt erhofften sie sich von den Neuzuzügern eine Aufbesserung ihrer Steuerkraft und eine bessere Bevölkerungsdurchmischung.

Dass beides bisher nur bedingt geschehen ist, ist noch kein Grund, zu verzagen. Denn grosse Umwälzungen brauchen Zeit und Geduld. Dass diese nicht immer einfach aufzubringen ist und dass Wachstum auch beunruhigen kann, ist mehr als verständlich. Doch die Lösung kann nicht sein, zu versuchen, in alte Zeiten zurückzukehren. Denn neue Wohnungen werden gebaut, Neuzuzüger werden kommen, und die Zunahme der Arbeitsplätze sowie der Mehrverkehr sind gleichermassen eine Realität – letzteres hat nicht zuletzt mit unserem veränderten Mobilitätsverhalten zu tun. Nun zu versuchen, diesen Entwicklungen mit Verweigerung zu begegnen, bringt nichts. Das beste Beispiel dazu ist die Limmattalbahn: Sie wird als Symbol der Veränderung bekämpft und als eine ihrer Ursachen hingestellt, während sie bloss die unaufhaltsame Entwicklung in geordnete Bahnen lenkt. Stellen wir hingegen die nötige Infrastruktur nicht zur Verfügung und gestalten den Wandel nicht mit, wird er uns einfach überrollen. Und das kann niemand wollen.

Urbanisierung bringt Nähe

Die Urbanisierung könnte durchaus die grösste Chance für das Limmattal sein, wie Politgeograf Michael Hermann schon 2013 in einem Interview mit der Limmattaler Zeitung gesagt hat. Denn die Region sei – zumindest teilweise – bereits verstädtert, habe jedoch erst die erste Stufe davon erreicht, sagte er: Sie ist dicht, verkehrsreich, kaum mehr dörflich. Doch die zweite Stufe der Urbanisierung, mit der eine Stadt wieder anziehender wird, steht noch bevor. Dabei entstehen laut Hermann in den Quartieren wieder kleinräumige Strukturen mit netten Läden, kleinen Cafés, Gewerbebetrieben.

Die Limmattalbahn trägt einerseits dazu bei, dass der Raum hierarchisiert wird, und andererseits, dass die Leute wieder vermehrt zu Fuss unterwegs sind, was entschleunigend wirkt. Familien ziehen zu, Eltern schliessen sich zusammen, Quartiervereine bilden sich, die Quartiere entwickeln eine eigene, fast dörfliche Identität. Sie leben auf. Und damit lebt die ganze Region auf, die davon profitiert. Darauf können wir uns freuen. Und darauf sollten wir hinsteuern, statt die Veränderung zu bekämpfen.

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Bettina Hamilton-Irvine

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