Zürich

«Zurich Tattoo» abgesagt – geht die halbe Million der Stadt nun flöten?

Stadtpolizisten haben sich privat mit der Umpositionierung des Polizeimusik-Festivals zum «Zurich Tattoo» übernommen. Die Stadt gab ihnen ein Darlehen, um den Anlass zu retten. Die Ausgabe 2015 wurde nun abgesagt. Ist das Geld nun futsch?

Die Zürcher Polizisten wollten es den Basler Tambouren so richtig zeigen: Aus dem traditionellen, aber etwas angestaubten Zürcher Polizeimusik-Festival sollte ein schmissiges «Zurich Tattoo» werden. Auch der Veranstalter-Verein änderte 2007 seinen Namen von «policemusicfestival.ch» in «Zurich Tattoo Productions». Nun, mit dem neuen Namen, wollten die Organisatoren aus Kreisen der Zürcher Stadtpolizei an den grossen Erfolg des Basler Originals «Basel Tattoo» anknüpfen.

Das ging gründlich schief. Aus der Jubiläumsausgabe des Anlasses im Jahr 2010 resultierte ein so massiver Verlust, dass der Verein Zurich Tattoo Productions vom Konkurs bedroht war. Die Stadt Zürich unternahm alles, um den Verein ihrer Stadtpolizisten vor der Pleite zu retten und gewährte ein Darlehen von über einer halben Million Franken. Dies mit der Auflage, das Festival weiterzuführen, in die Gewinnzone zu bringen und das Darlehen zurückzuzahlen.  

Von der Fast-Pleite ins nächste Desaster

Das hat André Beck, Vereinspräsident und gleichzeitig Chef der Interventionseinheit Skorpion der Stapo Zürich, auch versucht. Mit Elan machte er sich an die Organisation des Zurich Tattoo 2013. Musikalisch sei es ein grosser Erfolg gewesen, sagt Beck. Nur finanziell leider nicht. Jeder dritte Platz blieb leer, nur 12'000 Menschen interessierten sich für das Openair-Militärmusikspektakel auf dem Schulhof Liguster in Zürich-Oerlikon. Am Ende blieben wieder Verluste von fast 200'000 Franken. Der über das städtische Darlehen finanzierte Verein und die Basler Produktionsfirma Act Entertainment standen für den Verlust gerade. 

Unter normalen Umständen würde jeder Festival-Organisator spätestens jetzt die Notbremse ziehen und auf eine möglicherweise weiterhin erfolglose Weiterführung des Polizeimusikfestivals verzichten. Das konnten Chef-Skorpion Beck und seine Stadtpolizisten aber nicht. Denn ihr Verein hat eine Darlehensrechnung mit der Stadt offen.

(Quelle: Youtube / actnewsch)

Zurich Tattoo 2013 Trailer

Chef-Skorpion bittet, Stadt gewährt

Für die Ausgabe 2015 reichte Beck bei seiner Arbeitgeberin, der Stadt Zürich, erneut ein Gesuch um Bewilligung des Anlasses ein. Diese erhielt er. Und nicht bloss die. Im offensichtlichen Bestreben, das Zurich Tattoo 2015 profitabel zu machen, stellte die Stadt Zürich dem Verein Zurich Tattoo zusätzlich «Eigenleistungen der Stadt» im Umfang von rund 60'000 Franken in Aussicht, wie es im Bewilligungsschreiben vom 3. September 2014 heisst, das watson vorliegt. 

Die Aufstellung der Gratisdienstleistungen für das Zurich Tattoo liest sich wie die Weihnachtswunsch-Liste eines Event-Organisators: 

  • Personelle Unterstützung durch das Polizeidepartement
  • Elite-Zivilschutzkompanie von Schutz & Rettung für Auf- und Abbau der Event-Infrastruktur
  • Strom gratis
  • Parkplätze gratis
  • Erlaubnis zum Abbrennen pyrotechnischen Materials
  • Reinigung und Abfallentsorgung gratis
  • Signalisationsmaterial und Condecta-Gitter gratis
  • Benützung Bürkliplatz und Bahnhofstrasse für Eröffnungszeremonie

Abschreiben oder auf Teufel komm raus unterstützen

Das Dilemma ist offensichtlich: Macht das Festival keinen Gewinn, muss die Stadt eine halbe Million Steuerfranken abschreiben. Also unterstützt die Stadt das Zurich Tattoo, obwohl der Anlass eigentlich zu unbedeutend ist, um in den Genuss solch umfangreicher Unterstützung seitens des Steuerzahlers zu kommen. Von ähnlichen städtischen Dienstleistungen profitieren sonst nur Grossanlässe wie die Streetparade (rund eine Million Besucher) oder das Zürifest (rund zwei Millionen Besucher).

Elite Zivilschützer und Fernsehmoderator Marco Schwab: «Ich bin sicher nicht dem Militärdienst entkommen, um dann ein Polizeimusikfestival zu unterstützen.»

Elite Zivilschützer und Fernsehmoderator Marco Schwab: «Ich bin sicher nicht dem Militärdienst entkommen, um dann ein Polizeimusikfestival zu unterstützen.»

Doch der Stadtrat macht keinen Hehl aus seinen Absichten. Es liege in der Kompetenz des Stadtrats, Gratisdienstleistungen zu sprechen, auch wenn der Anlass nicht als A-Anlass (mehrtätige Grossveranstaltung mit mindestens überregionaler Ausstrahlung) qualifiziert sei, heisst es weiter in der Bewilligung für die Zurich Tattoo-Ausgabe 2015. Und der Stadtrat gibt freimütig an, er wolle «die auch in wirtschaftlicher Hinsicht erfolgreiche Fortführung des beliebten Zürcher Traditionsanlasses ermöglichen, und die Voraussetzungen schaffen, damit der Verein aus dem Veranstaltungserlös das städtische Darlehen von Fr. 500'000 bis 2035 ratenweise zurückzahlen kann». 

Ausgabe 2015 abgesagt

Daraus wird – zumindest in diesem Jahr – aber wieder nichts. Unbemerkt von der Öffentlichkeit stoppte Chef-Skorpion André Beck Ende 2014 die Vorbereitungen für das Zurich Tattoo 2015. «Ich habe 16 Monate vergebens gearbeitet», sagt André Beck und schiebt den schwarzen Peter der neu an Bord geholten Eventagentur Carré Event AG zu: «Die Agentur hat ihre Aufgaben so lange nicht an die Hand genommen, bis es zu spät war, Marketing und Sponsoring noch rechtzeitig aufzugleisen», sagt Beck. Die Bands hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits gebucht. 

Das lässt Carré Event-CEO Reto Caviezel nicht auf sich sitzen: «Wir sind gar nie wirklich in das Projekt eingestiegen. Wir haben lediglich geprüft, ob wir über unsere Kanäle allenfalls Sponsorenpartner für das Projekt finden könnten», sagt Caviezel. Leider seien trotz rund 20 Gesprächen von keiner einzigen Seite positive Signale gekommen. «Der Anlass ist super, aus unserer Sicht aber zur Zeit einfach nicht finanzierbar», sagt der Eventmanager von «Art on Ice». 

Um den Darlehensvertrag mit der Stadt und die halbe Million Franken, die die Stadtpolizisten der Stadt noch schulden, kümmert sich Beck derweil herzlich wenig: «Momentan evaluieren wir, ob das Zürich Tattoo nur für 2015 ausfällt oder ganz stirbt», sagt er.

Stadt Zürich weiss von nichts

Die Darlehensgeberin weiss offenbar noch nichts von ihrem Glück: «Wir haben einen gültigen Darlehensvertrag und bis jetzt keine Anzeichen erhalten, dass der Verein Zürich Tattoo Productions das Darlehen nicht zurückzahlen kann», schreibt der Sprecher des Polizeidepartements Reto Casanova auf Anfrage. Ob es überhaupt abgesagt sei, müsse man bei Herrn Beck erfragen. 

Das hingegen ist nicht nötig. Die aufgebotenen Zivilschützer sind bereits Ende Januar abbestellt worden. Darunter die Kompanie von Fernsehmoderator und Produzent Marco Schwab. Anfang Jahr erhielt er einen Brief von Schutz & Rettung: «Der Anlass Zürich Tattoo 2015 wird definitiv nicht durchgeführt», stand darin. 

Absage des Anlasses bedeutet Absage des Zivilschutzeinsatzes für das «Zurich Tattoo»-Festival.

Absage des Anlasses bedeutet Absage des Zivilschutzeinsatzes für das «Zurich Tattoo»-Festival.

Schwab kann sich seine Freude nicht verkneifen: «Ich bin sicher nicht dem Militärdienst entkommen, um dann ein Polizeimusikfestival zu unterstützen», sagt er. 

Und: «Es hört sich ein bisschen nach Vetternwirtschaft zwischen Stapo und Schutz & Rettung an, dass ein so kleines Festival Unterstützung von Zivilschützern kriegt.» 

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