Achziger-Bewegung

Zürichs Jugendunruhen und die Folgen: «Aus einer alten Stadt wurde eine junge Stadt»

«Wir gingen gegen die vereiste Gesellschaft auf die Strasse», sagt Richard Wolff.

«Wir gingen gegen die vereiste Gesellschaft auf die Strasse», sagt Richard Wolff.

Mit dem Opernhauskrawall begannen vor 40 Jahren die Zürcher Jugendunruhen. Der heutige AL-Stadtrat Richard Wolff war damals als junger Student dabei. Im Interview spricht er über die Achtziger-Bewegung und den Kampf um Freiräume heute.

Zürich in der Nacht auf den 31. Mai 1980: Die «Opernhauskrawalle» markieren den Beginn der Jugendunruhen.

Zürich in der Nacht auf den 31. Mai 1980: Die «Opernhauskrawalle» markieren den Beginn der Jugendunruhen.

Am 30. Mai 1980 besuchten Sie das legendäre Bob-Marley-Konzert im Zürcher Hallenstadion. Am gleichen Abend brach der Opernhauskrawall aus. Wie haben Sie diesen Abend in Erinnerung?

Richard Wolff: Wir hatten uns schon lange extrem auf das Konzert gefreut und waren glücklich, dass wir Tickets für das ausverkaufte Konzert hatten.  Ich war damals seit Jahren ein Bob-Marley-Fan, war auch in der Karibik gewesen und hatte dort schon diese Musik gehört. Es war für mich ein wichtiges und schönes Konzert, an das ich zusammen mit Freunden und Freundinnen gegangen bin. Nach dem Konzert wollten wir zu jemanden nach Hause gehen. Auf dem Parkplatz vor dem Hallenstadion rannte jemand herum und rief: «Kommt alle in die Stadt, es ist Demo.» Wir hatten keine Lust darauf und wollten eher in einer ruhigeren Stimmung noch das Konzert nachhallen lassen. Erst am nächsten Tag erfuhren wir, was beim Opernhaus gelaufen war. Danach wurden die meisten meiner Kollegen ein Teil dieser Bewegung.

Die Zürcher Jugendbewegung von 1980 demonstrierte in der Folge immer wieder. Waren Sie meistens dabei?

Wir sind an viele Demos der Bewegung gegangen und haben gewissermassen nachgeholt, was wir an jenem 30. Mai verpasst hatten. Das war wichtig. Es ging um die Rote Fabrik, dann auch um das Autonome Jugendzentrum (AJZ) – und überhaupt gegen das «Packeis», wie es sinnbildlich hiess.

Was war damit gemeint?

Wir gingen gegen die vereiste, verknöcherte Gesellschaft, die Zürich damals war, auf die Strasse. Und zeigten: Es gibt noch andere Bedürfnisse, Wünsche und Ziele. Erstaunlich war, wie viele Gleichgesinnte da plötzlich waren. Das wussten wir vorher nicht. Wir hatten uns in verschiedenen Klüngeln bewegt. Ganz viele dieser Klüngel kamen dann zusammen: Studenten, Punks, Kulturmenschen – alle möglichen Lager.

Sie waren damals 22 Jahre alt und studierten Ethnologie.

Ethnologie war mein Schwerpunkt, Themen wie: Dritte Welt, globale Gerechtigkeit, globale Kultur – das waren meine Ideale. Man lebte das auch in seinem Freundeskreis. Und plötzlich kamen die verschiedensten Gruppen zusammen.

Wie wirkte sich das aus?

Wir merkten: Wir sind viele. Wir haben vielleicht sogar Einfluss. Und wir können etwas verändern. Das war das Schöne daran, die vielen Kontakte, Energien und Ressourcen, die da zusammenkamen. Und neue Sachen entstehen liessen: In den Medien, in der Politik, auch in der alternativen Wirtschaft, in der Gastroszene zum Beispiel. All diese Geschichten, die damals anfingen, haben dazu beigetragen, aus Zürich eine andere Stadt zu machen.

Was zog Sie an, in der Bewegung mitzumachen, als Student, der primär Dritte-Welt-Politik im Kopf hatte?

Als Jugendlicher lebte ich in Venezuela. Als ich mit 14 Jahren in die Schweiz zurückkam, war es ein Kulturschock, diese Enge zu erleben - diese psychische Enge. Das Normierte. Alles war reglementiert und festgefahren. Es gab fast keinen Spielraum nach links und nach rechts. Das hat mich bedrückt. Es war auch die Zeit, als die letzten Treffpunkte und Klubs für Jugendliche ohne Geld schlossen. Das Polyfoyer an der ETH war für mich so ein Ort, wo man Leute treffen und tanzen konnte. Alles ging zu. Alles wurde verboten. Mich hat am meisten bewegt, dass es in Zürich so viele andere gab, die das auch nicht gut fanden.

War das Erlebnis Demo eine Art selbsterhaltendes Momentum?

Ja, aber nicht als Selbstzweck. Sondern mit dem Ziel, ein anderes Lebensgefühl auszudrücken. Autonomie war ein wichtiges Wort, selber machen. Weniger harsche Rahmenbedingungen zu haben, die Fesseln zu sprengen. Das war meine Motivation. Und wir merkten relativ schnell, dass in Zürich Veränderungen möglich sind, als das AJZ aufging. Das war ein beglückendes Gefühl. Vorher hatte man als Jugendlicher immer das Gefühl, man werde nicht richtig ernst genommen.

Warum?

Der damalige Stadtpräsident Sigmund Widmer stellte etwa in Frage, ob Rockmusik überhaupt Kultur sei. Jugendkultur galt als minderwertig. Das hat sich geändert.

An den Demos fetzte es auf beiden Seiten: Die Polizei griff hart durch, Demonstranten warfen Steine. Was haben Sie dabei punkto Gewalt für Erfahrungen gemacht?

Ich habe mich nie an Gewaltaktionen beteiligt. Aber an den Demos passierte rundherum alles Mögliche. Die Gewalt war beängstigend. Ich bin jeweils auf sichere Distanz gegangen, wenn es wirklich losging. Das war lebensbedrohlich, elementar, existenziell: die Gewalt, das Tränengas, die Atemnot. Und es machte einen wütend, schürte Aggressionen.

Wie haben sich die Aggressionen bei Ihnen ausgedrückt?

Indem ich fand: Ich gehe weiterhin an Demos, lasse mich nicht verdrängen aus dem öffentlichen Raum. Die Anliegen, für die wir auf die Strasse gingen, waren berechtigt.

Haben Sie auch Steine geworfen?

Nein. Das fand ich übertrieben. Und unverantwortlich, auch ein Polizist ist schliesslich ein Mensch.

War das Ihre Haltung? Vor langer Zeit sagten Sie in einem Interview, es sei damals auch «gegen die Bullen, gegen den Stadtrat» gegangen.

Das war 1980 die Stimmung – und die Sprache: Wir standen gegen die städtische Politik auf. Und die Polizei stand in der Mitte, sie wurde eingesetzt, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Aber das Problem war eigentlich die sture Politik, nicht in erster Linie die Polizei. Erst unter Druck war die Politik zu Konzessionen bereit…

…und zwar relativ schnell. Hat Sie das überrascht?

Ja, sehr. Plötzlich erklärte sich die Stadt bereit, die Rote Fabrik zu öffnen, nachdem jahrelang trotz Volksabstimmung für ein Kulturzentrum in der Roten Fabrik nichts passiert war. Die Demonstrationen brachten eine öffentliche Debatte in Gang, in der sich auch Leute engagierten, die nicht demonstrierten. Künstler und Politiker unterstützten den Ruf nach Freiräumen. Freiräume sind immer ein Thema.

Wir kommen darauf zurück. Wenn Sie jetzt, nach 40 Jahren, auf die Achzigerbewegung zurückblicken: Was hats gebracht?

Die Bewegung hat Zürich zu einer anderen Stadt gemacht. Vorher war es die Stadt der Gnome, wie es eine englische Zeitung nannte, also der emsig schaffenden Wirtschaftskreise, die stark dominierten. Danach wurde Zürich zu einer stark kulturell geprägten Stadt. Aus einer alten Stadt wurde eine junge Stadt. Vorher war sie von den Alten beherrscht, nachher kamen die Jungen zu ihrer Stimme und ihren Rechten.

Was waren die Schattenseiten der Bewegung?

Es gab auch viele Opfer. 1981/82 nahm die Repression zu. Das AJZ wurde geschlossen. Viele gingen seelisch daran zu Grunde. Die ganze Drogenszene, die Zürich jahrelang prägte, muss man auch in diesem Kontext sehen. Das hatte mit enttäuschten Hoffnungen zu tun.

Was nahmen Sie aus der Bewegung mit?

Statt der Ethnologie, die in die Ferne schaute, konnte ich mit der Geografie auf Zürich schauen. Zürich wurde mein Studienthema. Zusammen mit anderen Studierenden habe ich mich stark mit der Stadtentwicklung auseinandergesetzt. Partizipation und Autonomie als Ideale einer möglichen Stadtentwicklung wurden dabei wichtige Themen.

Wie hat die Bewegung Sie als Politiker geprägt?

Sie hat mich politisiert. Gemeinderat wurde ich aber erst viel später, mit 53 Jahren. Ich war ausserparlamentarische Opposition, engagierte mich in Bürgerinitiativen, Verbänden, Bewegungen, Quartiergruppen, beim Verkehrs Club der Schweiz und im Mieterverband sowie als Dozent an der Hochschule. Das war mein Gebiet: Forschen, Vermitteln und Kampagnen organisieren, immer mit sozialen und ökologischen Anliegen.

Welche Fehler hat die Bewegung gemacht?

Das Positive überwiegt. Vielleicht hätte man sich mehr darum bemühen müssen, die Drogenszene aus dem AJZ herauszuhalten. Aber man wollte möglichst inklusiv sein und niemanden ausschliessen. Vielleicht hat man daraus gelernt, dass man auch innerhalb eines AJZ oder einer Hausbesetzung Grenzen setzen muss.

Hätten Sie zur Zeit der Bewegung je gedacht, dass Sie einmal Stadtrat würden, anfangs gar Polizeivorsteher?

Nein, selbst als ich Jahrzehnte später zur AL ging und Gemeinderat wurde. Man ging 2010 nicht zur AL mit der Absicht, Stadtrat zu werden. Da hätte man sich eine andere Partei aussuchen müssen. Das hat sich so ergeben.

Was hat sich mehr verändert, dass sich das so ergeben konnte: die Stadt oder Sie?

Die Stadt hat sich verändert. Eine neue Kultur hat eine Mehrheit bekommen, eine Kultur der Offenheit und Toleranz, des Ermöglichens. Und die hat mich gewählt. Aber es war knapp. Und ich habe mich verändert, indem ich sagte: Ich mache das. Aber ich musste über 50 werden, um diese Verantwortung zu übernehmen und mich so in ein Gremium einzufügen.

Der Kampf um Freiräume war 1980 das grosse Thema. Wo sehen Sie heute Bedarf an Freiräumen?

Wir hatten gerade letztes Wochenende so einen Fall, mit dem Ende der Besetzung des Juchareals. Das war auch ein Kampf für Freiräume.

Können Sie den nachvollziehen – oder unterstützen?

Schwierige Frage für mich als Mitglied des Stadtrats. Ich kann es als Bürger mit meiner Geschichte nachvollziehen, dass es auch heute darum geht, Nischen zu finden, in denen Experimente möglich sind, Ansätze für ein nicht-kommerzielles Zusammenleben. Das muss nicht zwingend ein besetzter Raum sein. Aber andere Räume gibt es fast nicht. Daher ist es nachvollziehbar, dass man solche Orte sucht.

Gibt es andere Freiräume, für die Sie sich als Politiker einsetzen?

Mir gefallen alle Freiräume, in denen die Leute fair miteinander umgehen und die Nachbarschaft respektieren. Wenn solche Ansätze vorhanden sind, unterstütze ich das - solange es sich mit den Rahmenbedingungen verträgt, die wir haben.

Ein Beispiel?

Die Zwischennutzung der Stadionbrache im Hardturmareal finde ich ein spannendes soziales und ökologisches Biotop.

Bedauern Sie es, wenn dort das geplante Stadion gebaut wird?

Wenn es die Absicht der Mehrheit der Leute ist, dass dort ein Stadion entsteht, muss man das respektieren. Man kann nur hoffen, dass es wieder neue Orte gibt, wo solche Formen des Zusammenlebens möglich sind.

Meistgesehen

Artboard 1