Zwei Damen aus Dubai sitzen draussen vor dem Café unter dem Sonnendach. Regen fliesst darüber, tropft auf das Kopfsteinpflaster, rinnt die Gasse im Zürcher Niederdorf hinab. Die Damen wollen rauchen, sonst hätten sie sich längst ins warme Café verzogen. Vor ihnen steht ein Zitronenküchlein, genau jenes, welches sie auf Instagram gesehen haben. So läuft das heute: Die Empfehlung für das Café und die Patisserie nach dem Weihnachtsshopping holt man sich auf Instagram.

In der Schweiz ist das Zürcher Café Schober auch ohne Instagram vielen ein Begriff. Kein Wunder wurde im September gross berichtet, als bekannt wurde, dass der Pächter Michel Péclard den Vertrag Ende Februar 2019 nicht erneuern wird. Zürich ohne den Schober? Der Stadt würde etwas fehlen.

Also setzen wir uns an diesem Abend ins Café und bestellen die heisse Schoggi, deren geheimes Rezept im Besitz der Erbengemeinschaft Schober ist. Die schwere, weisse Porzellantasse wärmt die Hände. 7.50 Franken kosten die drei Deziliter flüssige Nostalgie.

An der Decke Weihnachtsdekoration, auf einem Schrank ein Weihnachtsmann, im Schaufenster ein Lebkuchenhaus und auf den Tresen seltsame Figuren aus der Kolonialzeit Frankreichs. Schober-Schoggi und Schober-Atmosphäre – ist es wirklich das letzte Mal?

Ist so ein Café nicht rentabel?

Schon vor zehn Jahren schreckte Zürich auf, als die Confiserie Teuscher die Pacht im Schober aufgab. Gilt jetzt ernst? Ist es tatsächlich nicht mehr möglich mit den heutigen Personalkosten und einem grossen Angebot handgefertigter Patisserie ein Edel-Café rentabel zu führen?

Möglich. Aber der Schober bleibt. Noch-Pächter Michel Péclard setzt sich hinzu, gestrickter, grauer Kapuzenpullover, sagt, doch, eine Anschlusslösung sei gefunden, lacht. Aber zuerst muss er seine Geschichte zum Schober loswerden. «Der Schober war die grösste Weiterbildung meines Lebens», sagt er. «Nach meiner Scheidung aber auch die grösste Niederlage.»

Das Restaurant Pumpstation an der Seepromenade, Fischers Fritz im Camping am anderen Ufer, die Milchbar beim Paradeplatz, das Rooftop-Restaurant an der Bahnhofstrasse… halb Zürich speist bei Péclard. Aber hier im Schober deutet er nach zehn Jahren um sich und sagt: «Ich bin das nicht. Schuster bleib bei deinen Leisten.» Das Edel-Café hat er nicht geschafft und schliesst mit einem Verlust von zwei Millionen Franken. «Zwei Chischte!», sagt er. Frustriert sei er, dass er es nicht geschafft habe. Natürlich sei er zuerst ein Greenhorn gewesen und habe von Patisserie keine Ahnung gehabt.

Aber auch als er die Köstlichkeiten nicht mehr aus Frankreich liefern liess, sondern eigene Patissière anstellte, besserte sich die Bilanz nicht. Grosse Umsätze, nie Gewinn. Vielleicht fehlte die reiche Zürcher Laufkundschaft oder eine eigene Schoggimarke wie Teuscher sie aufbauen konnte. Péclard gibt auch der Erbengemeinschaft die Schuld, die ihm im Mietpreis nicht entgegen gekommen sei. Dies wies Mitbesitzer Roland Guggisberg stets zurück. Der Preis sei fair, aber die Bedingungen sicher nicht einfach, sagte er im September gegenüber der NZZ.

Zuerst war Péclard Feuer und Flamme für den Schober, eine Institution mit Renommee, die noch in seinem Portfolio fehlte. Ein Haus aus dem 13. Jahrhundert mit einer Geschäftstradition, die 1848 mit «Eberle’s Süsskramladen» begann und ab 1874 von Theodor Schober geführt wurde, dessen Namen noch immer an der Ladentüre steht.

Péclard engagierte Bühnenbildner um das Café einzurichten. Die handgestempelte Tapete mit dem Mesopotamien-Motiv im obersten Raum habe ihn 50 000 Franken gekostet. Der Erfolgsdruck war gross. «Übernimm mal einen Schober und mach en Seich – dann bringt dich Zürich um», sagt er. Er ist stolz auf seine Ideen, zum Beispiel, dass der Raum mit den roten Plüschsesseln und goldenen Stuhlbeinen der beliebteste geworden ist, trotz Opposition der Vermieter.

«Das weckt Emotionen aus der Kindheit, wir werden gerne erinnert an die Zeit, als wir noch keine Krankenkasse bezahlen mussten. Und wer wollte damals nicht Prinzessin oder König sein?» Er sei jedenfalls Kind geblieben. Und doch: «Noch stolzer wäre ich, wenn ich nicht so viel Geld verloren hätte.» Bereuen tut ers nicht, aber machen würde er es nie wieder. «Ich habe viel gelitten in dem Laden hier.»

Im nächsten Moment strahlt er. Erzählt von den neuen handgemachten Pralinees zweier Schwestern in den 20ern, die im Kreis 4 ihr Geschäft aufgebaut hätten und deren «Löwenküsse» er jetzt verkauft. Ein Löwenkuss mit Biberli-Crunch, einer mit Mandarinen-Lebkuchen-Füllung, dann wollen wir es wissen: Wer wird der Nachfolger? «Eine soziale Institution», sagt Péclard. Tags darauf schickt er ein Mail: Es ist die Zürcher Stiftung Arbeitskette, die schon sechs Restaurants führt, darunter die berühmte «Alpenrose».

Geschäftsführer Alain L’Allemand sagt, sie hätten sich im September sofort bei den Eigentümern gemeldet, als publik wurde, dass Péclard geht. «Uns fehlte noch ein traditionelles Café», erklärt er. Die Stiftung bietet IV-Bezügern Ausbildungsplätze an, damit sie danach rentenbefreit ins Erwerbsleben starten können. Deshalb sei eine breite Palette an Gastro-Einrichtungen wichtig. Und noch wichtiger für die ehemaligen IV-Bezüger: der Name. «Wenn man vorweisen kann, dass man in einem bekannten Betrieb die Ausbildung gemacht hat, dann bekommt man eher eine Stelle», sagt L’Allemand.

Gute Bedingungen für Nachfolger

Die Stiftung wurde mit den Vermietern schnell einig, sie sind ihr offenbar entgegenkommen: Der Mietpreis, an welcher Péclard zu nagen hatte, wird kleiner sein. L’Allemand sagt jedenfalls, er betrachte ihn als «sehr fair». Péclard seinerseits überlasse das Inventar zu einem sehr guten Preis. «Das freut uns sehr.»

Rund 18 nicht beeinträchtige Angestellte, 6 Auszubildende und 6 IV-Rentner werden ab März im Schober arbeiten. Am 28. Februar gibt Péclard den Betrieb ab, eine bis zwei Wochen später solls schon wieder heisse Schoggi geben. Das sind gute Neuigkeiten für die Schober-Stammkunden. Manche kommen täglich, manche wöchentlich, seit Jahrzehnten teilweise. Das jetzige Schober-Personal weiss längst, wie sie ihren morgendlichen Kaffee gerne möchten.

Richtig eng zwischen Tischen und Einkaufstaschen wird’s hier meist erst nachmittags. Neuerdings ist auch die Treppe oft besetzt, wenn die Jungen vor der Dekoration Instagram-Selfies schiessen.