Konkurrenzdruck
Schweizer Gemüse von ennet der Grenze: Zürcher Gemüsebauern rebellieren

Der Unterstammer Bio-Betrieb Rathgeb baut Suisse Garantie-Gemüse auch ennet der Grenze an. Die Mehrheit der Zürcher Gemüsebauern will dies stoppen – in der Branche ist von Neid gegenüber dem Grossbetrieb die Rede.

Markus Brupbacher
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Coop ist der Grossabnehmer von Suisse-Garantie-Gemüse. Dieses soll künftig nicht mehr ennet der Grenze angepflanzt werden dürfen.

Coop ist der Grossabnehmer von Suisse-Garantie-Gemüse. Dieses soll künftig nicht mehr ennet der Grenze angepflanzt werden dürfen.

Martin Ruetschi

Unter den Schweizer Gemüsebauern schwelt seit längerem ein Konflikt. Im April kam es dann an der Delegiertenversammlung des Verbandes Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP) zum Eklat.

So folgte die Mehrheit der Delegierten einem Antrag, wonach Gemüse, das im grenznahen Ausland angebaut wird, nicht länger als schweizerisch gelten soll. Das in den sogenannten Grenzzonen angebaute Gemüse dürfte damit nicht mehr mit dem Suisse Garantie-Logo verkauft werden.

Darüber wird aber letztlich die Inhaberin der Marke, die Agro-Marketing Suisse (AMS), entscheiden.

Produkte müssen gentechfrei sein

Ob Gemüse, Obst, Getreide, Fleisch, Milch oder Fisch: Auch bei Suisse-Garantie-Produkten aus Grenzzonen muss der ökologische Leistungsnachweis erbracht werden. Der Produktionsbetrieb muss in der Schweiz liegen, und auch die Verarbeitung hat in der Schweiz zu erfolgen. Schliesslich müssen die Produkte gentechfrei sein. Voraussichtlich noch in diesem Jahr wird der Bundesrat die Ausführungsbestimmungen zur sogenannten Swissness-Vorlage fertig ausarbeiten. Dabei geht es auch um die Kriterien für die Schweizer Herkunft. Im Verordnungsentwurf schreibt der Bundesrat, dass Lebensmittel, die Schweizer Bauern im grenznahen Ausland produzieren, weiterhin als schweizerisch gelten sollen. Die zehn Kilometer breiten Grenzzonen will er jedoch auf Flächen beschränken, die seit dem 1. Mai 1984 ohne Unterbruch von Schweizer Bauern bewirtschaftet werden. Der Schaffhauser Regierungsrat aber will auch Flächen berücksichtigen, die seit dem 1. Januar 2014 von Schweizer Bauern bewirtschaftet werden. Diese Meinung teilt der Bauernverband. Der Verband Schweizerischer Gemüseproduzenten hingegen will, dass Gemüse aus Grenzzonen überhaupt nicht mehr als schweizerisch gilt. Die Inhaberin der Marke Suisse Garantie, die Agro-Marketing Suisse, wird den Entscheid des Bundesrates abwarten und dann entscheiden. Dass sie bei landwirtschaftlichen Produkten eine Insellösung anstreben wird, ist allerdings wenig wahrscheinlich. Denn dies würde die Produktionsabläufe verkomplizieren. Man stelle sich folgende Situation vor: Ein Mähdrescher erntet einem Schweizer Landwirt auf beiden Seiten der Landesgrenze Weizen. Dieser müsste neu in separaten Anhängern abtransportiert und in getrennten Silos gesammelt werden, je nachdem, ob es sich um Suisse Garantie-Getreide handelt oder eben nicht mehr. (mab)

Die Grenzzonen sind in Verträgen mit den Nachbarstaaten geregelt und umfassen einen zehn Kilometer breiten Streifen beidseits der Landesgrenze.

Gemüse, das ennet der Grenze angebaut wird, darf zwar zollfrei in die Schweiz eingeführt werden und die Marke Suisse Garantie tragen. Es untersteht aber «sehr strengen, zertifizierten Kontrollen», betont Urs Schneider, Präsident von AMS.

Angst vor mehr Konkurrenz

Diese Marke gibt es bereits seit 2003. Und von Beginn an richtete sie sich nach den Grenzzonen-Verträgen, die teils schon seit vielen Jahrzehnten existieren. Doch warum will die Mehrheit der Schweizer Gemüseproduzenten ausgerechnet jetzt eine Verschärfung?

Die Urheberin des Verschärfungsantrags bietet einen Hinweis – die Zürcher Sektion. So hört man, meist hinter vorgehaltener Hand, dieser Antrag gelte dem grössten Betrieb in der Sektion, Rathgeb Bio aus Unterstammheim.

Der grösste Bio-Gemüseproduzent der Schweiz war bis vor Kurzem der einzige Produzent im Kanton Zürich mit Pachtland in Deutschland.

Kein deutsches Land bewirtschaftet Korrodi Gemüse von Gütighausen in der Gemeinde Thalheim an der Thur. Ruedi Korrodi spricht sich auch für die Verschärfung aus.

Die Konsumenten verstünden es kaum, wenn in Deutschland Suisse Garantie-Gemüse angebaut wird, meint er. «Es ist eigentlich ein deutsches Produkt, das eingebürgert wird.»

Auf die Frage, ob sich die erwünschte Verschärfung denn gegen Rathgeb richte, antwortet Korrodi: «Nicht unbedingt.» Aber es gehe schon ein wenig darum, «die Konkurrenz zurückzubinden».

So befürchtet er ganz allgemein, dass der Konkurrenzdruck weiter zunimmt, wenn noch mehr Schweizer Bauern im Ausland Gemüse anbauen und zugleich vom Schweizer Markt profitieren.

Bloss Boden und Wasser

Der etwas günstigere Pachtzins in Deutschland sei im Vergleich zu den relativ hohen Produktionskosten bei Gemüse unbedeutend, sagt hingegen Walter Koch, Projektleiter bei Rathgeb.

Und auch das Personal, die Gemüsesetzlinge, die Nährstoffe und weitere Hilfsmittel stammen aus der Schweiz, betont Koch. «Das gesamte Personal ist in Unterstammheim angestellt.» Das einzige, was aus Deutschland stamme, sei der Boden und das Wasser.

Seit 2001 pachtet der Unterstammer Betrieb auf dem Hittisheimer Hof in der deutschen Gemeinde Rielasingen-Worblingen rund 60 Hektaren Land für den Anbau von Biogemüse und -kartoffeln.

Diese Fläche habe sich seither praktisch nicht verändert, sagt Koch. Der Hof liegt rund drei Kilometer vom Zollübergang Ramsen in Schaffhauser entfernt, am Fusse des Schienerbergs, nördlich von Stein am Rhein.

Sowohl diese Anbaufläche im grenznahen Ausland als auch das Betriebszentrum von Rathgeb in Unterstammheim liegen vom Zoll Ramsen aus betrachtet innerhalb des Zehn-Kilometer-Radius, den die Grenzzonen-Regelung vorschreibt.

«Peinlich genaue» Kontrollen

In Unterstammheim bewirtschaftet der Betrieb zwischen 40 und 50 Hektaren, insgesamt sind es rund 300. Rathgebs bauen ihre Kulturen seit 1994 nach den Richtlinien von Bio Suisse (Knospe) an.

Die Standards sowohl von Bio Suisse als auch von Suisse Garantie gelten ennet der Grenze genauso. So gehen die Kontrolleure regelmässig über die Grenze. Die Kontrollen am Zoll seien ebenfalls «peinlich genau», sagt Koch.

Zudem müsse diesem bereits im Frühjahr gemeldet werden, wie viel von welchem Gemüse auf welcher Parzelle in Deutschland angebaut werde. Wenn man witterungsbedingt kurzfristig etwas anderes anbauen sollte als geplant, sei es sehr aufwendig, dies vom Zoll bewilligen zu lassen.

Vorgängig nicht angehört

Dass ausgerechnet die Zürcher Sektion für eine Verschärfung der Suisse Garantie-Regelung ist, kommt wohl nicht von ungefähr. «Das hat sehr wahrscheinlich mit Neid zu tun, aber niemand gibt dies zu», sagt Koch.

Rathgebs seien über den «scharfen Antrag» vom Vorstand weder vorgängig informiert noch deswegen angehört worden. «Obschon dieser genau weiss, dass das grösste Mitglied damit empfindlich getroffen würde.»

Schützenhilfe erhalten die Rathgebs von Hans Bürki, Gemüsebauer aus Riehen im Kanton Basel-Stadt. Sein kleiner Betrieb bewirtschaftet auch Flächen auf deutschem Boden und beliefert zu über 90 Prozent die Region Basel.

Umgekehrt versuchten grosse Zürcher Betriebe, in die Städte Genf, Bern oder Basel zu expandieren, sagt Bürki. «Da sind sie froh, wenn sie unliebsame Konkurrenz ausschalten können.»

Rathgeb habe sehr viel Erfolg und sei daher vielen Produzenten ein Dorn im Auge. Der Verschärfungsantrag der Zürcher Sektion sei eine «Retourkutsche Richtung Rathgeb», glaubt Bürki.

«Aber das sagt natürlich kein Zürcher zu uns.» Man spreche von einer angeblichen Täuschung der Konsumenten, die Hintergründe der erhofften
Verschärfung seien aber eben ganz andere.

Ausnahme für Liechtenstein?

Walter Koch bezeichnet die Hardliner als «wenig konsequent». So möchten diese zwar die Grenzzonen von Suisse Garantie ausschliessen, nicht aber das Fürstentum Liechtenstein, notabene ein Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR).

Weshalb sie ausgerechnet diese Ausnahme machen wollen, dafür gibt es einen denkbaren Grund: Der Liechtensteiner Lebensmittelhersteller Hilcona, der die Schweiz mit Suisse Garantie-Produkten beliefert.

Er gehört mehrheitlich dem Schweizer Fleischverarbeiter Bell, ein Tochterunternehmen von Coop – dem Grossabnehmer von Suisse Garantie-Gemüse.

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