Man hätte es ob des Dauerregens ahnen können: Die Verbrennung des Bööggs zog sich diesmal schier endlos lange hin. Sogar die Rekordmarke von 40 Minuten aus dem Jahr 1970 fiel, ehe das Zürcher Wintersymbol auf dem Sechseläutenplatz gestern seinen alljährlichen Feuertod starb. Doch der Reihe nach.

Sie konnten einem leidtun, die Zünfter in ihren historischen Kostümen, über die viele durchsichtige Plastik-Pelerinen gezogen hatten. Dicke Tropfen fielen vom Himmel, als um 15 Uhr der Sechseläutenumzug begann — und der Regen hörte nicht auf. Doch gleich zu Beginn verbreitete die Gastzunft zu Safran aus Luzern Fasnachtsstimmung: Mit tierischen Masken und Guggenmusik machten sie dem unter Linken als schon lange Bonzenfasnacht verschrienen Sechseläuten auf ihre Art alle Ehre.

Auch sonst gabs ein paar Neuerungen an Zürichs ältester Strassenparade: Erstmals war der Sechseläutenmarsch aus Dudelsäcken zu hören. Die Davidsons’s Mains & District Pipe Band aus Edinburgh blies in die Säcke und entlockte ihnen den eigens für sie neu arrangierten Marsch. Die Schotten marschierten bei der Zunft zu den Drei Königen mit. Initiiert hatte dies Peter Müller-McDougall, seines Zeichens Honorar-General-Konsul der Schweiz in Edinburgh.

Hier fällt der Kopf vom Böögg

Hier fällt der Kopf vom Böögg

Zürich - 18.4.16 - Sechseläuten: Der Kopf des Bööggs explodiert dieses Jahr nicht in der Luft, sondern fällt zu Boden.

Neu gestaltete sich auch der Umgang mit den Tieren: Nach dem Tod eines Pferdes im letzten Jahr wurden diesmal für Pferde spezielle Gesundheitschecks durchgeführt. Zudem mussten Reiter neu über ein Brevet verfügen und die 0,5-Promille-Grenze strikt einhalten. Und: Erstmals liess die Zunft zur Schiffleuten von ihrem Brauch ab, tote Fische ins Publikum zu werfen. Die Zürcher Berufsfischer hatten Mühe damit, «uns Fische zu geben, die sie verkaufen könnten», gab Zunftmeister Peter Neuenschwander dem «Tages-Anzeiger» zu Protokoll. Stattdessen gabs diesmal Schoggifischli fürs Volk.

Wie immer marschierte auch dieses Jahr viel Prominenz mit. Von Stadtrat Filippo Leuteneggers Hut schwappte Regen auf die Bahnhofstrasse, als er ihn dem zu Tausenden erschienenen Publikum entgegenschwenkte, flankiert von alt Bundesrätin Ruth Metzler. Auch Rockstar Chris von Rohr, wie meistens mit Kopftuch und schwarzer Lederhose, gab sich in den Reihen der Zürcher Zünfter die Ehre.

Rekord-Böögg geht in die Geschichte ein

Rekord-Böögg geht in die Geschichte ein

Der Böögg liess sich dieses Jahr soviel Zeit wie noch nie: Zuerst kullert der Kopf zu Boden und erst nach 43:34 Minuten knallte es schlussendlich.

Stelldichein der Prominenz

Ranghöchster Politiker auf den Gästelisten der Zünfte waren Bundesrat Ueli Maurer, Nationalratspräsidentin Christa Markwalder und Ständeratspräsident Raphaël Comte; vom Zürcher Regierungsrat waren Silvia Steiner (CVP), Markus Kägi (SVP), Ernst Stocker (SVP), Mario Fehr (SP), Jacqueline Fehr (SP) sowie Carmen Walker Späh (FDP) unter den Ehrengästen, Letztere auf Einladung der «Frauenzunft»-Gesellschaft zu Fraumünster; zudem die beiden Zürcher Ständeräte Daniel Jositsch (SP) und Ruedi Noser (FDP). Die Wirtschaft war mit CS-Chef Tidjane Thiam prominent vertreten, das Showbusiness mit Ex-Miss-Schweiz Christa Rigozzi, der Sport mit Fussballtrainer-Legende Gilbert Gress, um nur einige zu nennen. Noch-Armeechef André Blattmann hatte mit seinem feldgrauen Regenmantel wohl das passendste Kleidungsstück an diesem nasskalten Nachmittag.

Ab sechs Uhr abends gab sich die Prominenz auf dem Sechseläutenplatz ein Stelldichein, während der Scheiterhaufen, auf dem der Böögg thronte, mit Brandbeschleuniger entflammt wurde. Auch nach fast einer halben Stunde war der Böögg noch weit davon entfernt, vollends zu explodieren. Nach und nach sprengte es dem stilisierten Schneemann alle Körperteile weg, bis nur noch der Kopf auf einer Stange hing. Schliesslich fiel der Kopf von der Stange. Der erlösende Knall seiner Explosion war erst eine gefühlte Ewigkeit später zu hören: 43 Minuten und 34 Sekunden hat die Böögg-Verbrennung diesmal gedauert. Der Sommer droht nasskalt zu werden, wenn es nach der Sechseläuten-Mythologie geht. Doch meistens lügt der Böögg.

Promis am Sechseläuten

Promis am Sechseläuten

Nicht nur Zünfter und Zuschauer wurden am Sechseläuten auf ihre Wetterfestigkeit geprüft. Auch prominente Gäste trotzten dem Regen.

Der Böögg stellt Sommerprognosen

Gemäss Volksweisheit wird der Sommer umso schöner, je rascher der Böögg explodiert. Aus den letzten fünf Jahren hebt sich 2014 mit einer Verbrennungsdauer von sieben Minuten und 23 Sekunden hervor. Damit sollte sich ein besonders schöner Sommer ankündigen, liegt die durchschnittliche Verbrennungsdauer doch bei fast 17 Minuten. Gerade dieser Sommer war jedoch von kalten regnerischen Tagen getrübt und kommt nur auf eine Anzahl Sommertage von 26.

Hingegen im Jahr 2015 liess sich der Böögg besonders lange Zeit, bis er explodierte, wodurch uns ein miserabler Sommer erwartet hätte. Mit einer Anzahl Sommertagen von 54 lag dies jedoch weit über dem durchschnittlichen Mittel von 29,8 Tagen.

Best of Böögg 2010-2015

Best of Böögg 2010-2015

So gewaltig donnerte es in den vergangenen 5 Jahren, als sich der Winter in Rauch auflöste. Da konnten sich auch die Kommentatoren kaum auf ihren Stühlen halten.

Entgegen des Böögg-Aberglaubens hängt die Brennzeit vielmehr vom Aufbau des Scheiterhaufens, der Feuchtigkeit des verwendeten Holzes und dem jeweiligen Wetter am Tag des Sechseläutens ab. Obwohl die Sommerprognose des Bööggs wissenschaftlich nicht gestützt werden kann, findet das Zürcher Orakel dennoch viel Begeisterung. 

Aus Wasser werde Wein

Der neue Brunnen auf dem Münsterhof wurde am Montagmittag anlässlich des Sechseläutens eingeweiht: Statt Wasser sprudelt Wein. Hinter dem Projekt stehen die historischen Zünfte zur Meisen und zur Waag, die am Münsterhof beheimatet sind. (mts/sm)

Sechseläuten: Aus Wasser werde Wein

Sechseläuten: Aus Wasser werde Wein

Zürich - 18.4.16 - Ganz selten kommt aus dem neuen Brunnen auf dem Münsterhof nicht Wasser, sondern Wein. Heute zum Sechseläuten wurde das erste Mal Weisswein ausgeschenkt. Stadtrat Filippo Leutenegger weihte den Weinbrunnen ein und feierte mit Zunftmitgliedern das Sechseläuten.