Urteilsfähigkeit
Kesb wehrt sich gegen Vorsorgeauftrag: Angehörige handeln nicht immer im Sinne der Betroffenen

2017 hat die Kesb Stadt Zürich mehr Massnahmen zum Kindesschutz angeordnet als im Vorjahr. Bei den Erwachsenen waren es weniger. Es gibt Instrumente, um einen Eingriff der Kesb vorzubeugen – dazu gehört der Vorsorgeauftrag.

Katrin Oller
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Die Kesb wehrt sich gegen die Initative: Gehe es nach der Initiative sei nicht sichergestellt, dass die Angehörigen auch wirklich im Sinne der Betroffenen handelten, sagte Michael Allgäuer, Leiter der Kesb Stadt Zürich.

Die Kesb wehrt sich gegen die Initative: Gehe es nach der Initiative sei nicht sichergestellt, dass die Angehörigen auch wirklich im Sinne der Betroffenen handelten, sagte Michael Allgäuer, Leiter der Kesb Stadt Zürich.

Keystone

Jetzt ist das mediale Scheinwerferlicht wieder auf die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) gerichtet. Eine Initiative, die vor einer Woche präsentiert wurde, will ihnen Kompetenzen entziehen. Bei einer Urteilsunfähigkeit sollen automatisch Familienangehörige dafür verantwortlich sein, die Angelegenheiten des Betroffenen zu regeln. Die Kesb wehren sich dagegen: Gehe es nach der Initiative sei nicht sichergestellt, dass die Angehörigen auch wirklich im Sinne der Betroffenen handelten, sagte Michael Allgäuer, Leiter der Kesb Stadt Zürich, gestern vor den Medien. Vielleicht habe man gar keinen Kontakt zueinander. Heute überprüft die Kesb, ob die designierten Personen in der Lage sind, die Aufgabe zu übernehmen.

Vertrauenspersonen überprüfen

Es gibt mehrere Instrumente, um zu regeln, dass die Angelegenheiten im eigenen Sinne besorgt werden, sollte man urteilsunfähig werden. Eines davon ist der Vorsorgeauftrag. Im handgeschriebenen oder öffentlich beurkundeten Dokument kann man eine Vertrauensperson definieren, die sich um einen selber, das Vermögen und alle rechtlichen Angelegenheiten kümmern soll. Der Vorsorgeauftrag kann bei der Kesb hinterlegt werden. Sobald man urteilsunfähig wird, überprüft die Kesb, ob der Vorsorgeauftrag gültig und die eingesetzten Personen geeignet sind.

«Die Kesb verzichtet auf ein Eingreifen, solange eine andere Lösung mit Hilfe der Familie und privaten oder öffentlichen Diensten möglich ist.»

- Michael Allgäuer, Leiter der Kesb Stadt Zürich

Das ist nicht immer leicht, wie das Beispiel der betagten Frau E. zeigt. Frau E. hatte in einer ersten Version des Vorsorgeauftrags ihre ältere Tochter als Vertrauensperson eingesetzt. Später setzte sie ein neues Dokument auf, worin unter anderem ihre jüngere Tochter vorgesehen war. Als sie ins Pflegeheim kam, war unklar, welches Dokument gilt. Die Kesb stellte mit Hilfe der Hausärztin fest, dass Frau E. beim Aufsetzen der zweiten Version noch urteilsfähig war. Also war diese Version gültig.

Die Schwestern waren aber derart zerstritten, dass die vorgesehenen Vertrauenspersonen den Auftrag nicht annahmen, um den Konflikt nicht weiter zu befeuern. Die Kesb setzte schliesslich einen Berufsbeistand ein. 2017 waren 182 Vorsorgeaufträge bei der Kesb Stadt Zürich hinterlegt. 30 wurden validiert.

Rückgang über fünf Jahre

Weiter präsentierte Allgäuer die Jahreszahlen der Kesb Stadt Zürich: Die angeordneten Massnahmen bei Kindern sind 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 71 auf 422 gestiegen. 67 Kinder wurden in Pflegefamilien oder Institutionen fremdplatziert. Das sind 13 mehr als im Vorjahr. Bei den Erwachsenen sinken die Zahlen von 504 auf 486. Es sei normal, dass sie stark schwankten, sagt Allgäuer. Vor allem bei den Platzierungen schnellten die Zahlen in die Höhe, sobald Familien mit mehreren Kindern betroffen seien.

Wird die Bevölkerungszunahme berücksichtigt, zeigt sich über die letzten fünf Jahre ein leichter Rückgang aller Schutzmassnahmen und Platzierungen. Allgäuer führt dies darauf zurück, dass die Kesb auf ein Eingreifen verzichte, solange eine andere Lösung mit Hilfe der Familie und privaten oder öffentlichen Diensten möglich sei.

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