An der Ostwand der Kapellenvorhalle im Ritterhaus Bubikon wächst etwas Merkwürdiges. Für einen Laien sehen die rötlich und grün-schwarzen Verfärbungen aus wie Schimmel. Doch es handelt sich um etwas anderes, wie zwei Bauphysiker kürzlich herausgefunden haben.

Im Ritterhaus finden seit geraumer Zeit Sanierungs- und Restaurationsarbeiten statt, die von der kantonalen Denkmalpflege begleitet werden. «Bei einem über 800 Jahre alten Gebäude ist das ein längerer und komplexer Prozess», sagt Markus Pfanner, Sprecher der Baudirektion. Momentan werde die zweite Sanierungsetappe realisiert. Diese umfasse im Wesentlichen die Ost- und Nordfassade.

An feuchte Standorte angepasst

Karim Ghazi Wakili und Thomas Stahl vom Institut für angewandte Bauphysik (IABP) wurden in diesem Zusammenhang beauftragt, dem mysteriösen Verfärbungen an einer Wand in der Vorhalle der Kapelle auf den Grund zu gehen und herauszufinden, wie man ihn künftig vermeiden kann.

Dank mikrobiologischen Untersuchungen war schnell klar, dass es sich um die Blaualge Gloeocapsa atrata Kützing handelt. «Diese Blaualge ist an Standorte angepasst, die immer wieder feucht sind», sagt Stahl. Zwar könne sie auch Trockenzeiten überstehen, für das Wachstum brauche die Alge aber flüssiges Wasser.

Das Ritterhaus gilt heute mit seinem Museum als überregional bekannte Begegnungsstätte. zvg/Ritterhaus Bubikon

Das Ritterhaus gilt heute mit seinem Museum als überregional bekannte Begegnungsstätte. zvg/Ritterhaus Bubikon

Die Analyse der klimatischen Bedingungen erklärten denn auch, weshalb sich die Alge an dieser Wand derart wohl fühlt: Die Luft ausserhalb der Halle ist wärmer und feuchter als jene in der Halle. «Da die Wandöffnungen nur mit Gitter verschlossen sind, kann die Luft ungehindert hineinströmen», so Ghazi Wakili. Beim Vorbeistreichen an den kalten Mauern kühlt die feuchte Luft ab und hinterlässt darauf die für die Algen überlebenswichtigen Wassertröpfchen.

Die zwei Bauphysiker fanden heraus, dass der Befall nachlässt, sobald die Aussenluft nur unter bestimmten Bedingungen in die Vorhalle gelassen wird: Wenn die absolute Feuchtigkeit der Aussenluft tiefer ist als die absolute Feuchtigkeit der Innenluft. Somit erhalten die Algen keine Feuchtigkeit.

«Nach Abschluss unserer Arbeit haben wir der Leitung des Ritterhauses empfohlen, die Fenster fix zu verschliessen und den installierten Ventilator gezielt einzusetzen», sagt Ghazi Wakili. Dies stoppe das Wachstum der Blaualge. Obwohl die Kapelle uralt ist, hat sich der Algenbefall erst in den Jahren verstärkt gezeigt. Dies liegt an unterschiedlichen baulichen Situationen, die andere klimatische Bedingungen hervorrufen.

Klimatisch kritische Phase

Museumsleiterin Daniela Tracht sagt: «Wir freuen uns sehr, dass wir nun endlich wissen, worum es sich bei dem Befall handelt und werden die notwendigen Massnahmen auf jeden Fall umsetzen.»

Die Messungen in der Vorhalle haben von Februar bis Juni stattgefunden. «Dies ist klimatisch die kritische Phase», sagt Stahl. Der Algenbefall tritt vor allem im Frühjahr auf, wenn die dicken Mauern noch kalt sind. «Dann ist die Aussenluft warm und hat einen hohen Feuchtigkeitsgehalt.»

Die Arbeit der zwei Bauphysiker im Ritterhaus ist aber wohl noch nicht beendet: Bei den Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass auch eine Wand innerhalb der Kapelle vom Algenbefall betroffen ist – und zwar genau jene mit den Wandmalereien.

Die Kapelle gehört zum ältesten Kern der gesamten Anlage. Sie wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts errichtet. Die Wandmalereien im Innenraum sind zum grössten Teil um 1210 entstanden und zählen zu den am besten erhaltenen Gemälden ihrer Art in der Deutschschweiz.

«Wir haben auf den schönen Bildern ein wenig Blaualge und vor allem rötliche Algen gefunden», sagt Stahl. Beim rosafarbenen Belag hätten sie unter dem Mikroskop zudem grosse Mengen an Bakterienkolonien entdeckt. Die zwei Bauphysiker hoffen, dass sie nun auch den Auftrag für diese Analysen erhalten. Ghazi Wakili: «Die Arbeit in historischen Gebäuden ist für uns extrem spannend. Jedes alte Haus hat seine eigene Geschichte – auch physikalisch.» Man müsse den Hintergrund verstehen, die Vergangenheit kennen, die Materialen untersuchen, bevor man irgendetwas tun könne.

Als Experten an Denkmaltagen

Tracht sagt: «Natürlich möchten wir auch die Wand in der Kapelle und die historischen Wandmalereien darauf vor den Algen schützen.» Die Entscheidung, den Auftrag zu erteilen, liege aber nicht in ihrer Verantwortung. Dieses Wochenende werden Ghazi Wakili und Stahl aber auf jeden Fall noch im Ritterhaus verbringen. Sie fungieren im Rahmen der Europäischen Denkmaltage als Experten.

«In diesem Jahr haben wir das Thema der Denkmaltage zum Anlass genommen, die Untersuchungen zu klimatischen Verhältnissen zu thematisieren», so Tracht. Die Bauphysiker werden die aussgewöhnlichen Anforderungen, die in einem historischen Gebäude gelten, vor Ort erläutern.