Zürich
«Ich muss noch ein paarmal ernten, um einen Gewinn zu haben»: Zu Besuch in der Hanfplantage

Michael Müller pflanzt CBD-Hanf in einer Fabrikhalle im Zürcher Oberland an. Nun wurde erstmals geerntet.

Sibylle Egloff
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Erntezeit in der Hanfanlage in Steg: Insgesamt werden rund fünf Kilo CBD-Hanfblüten geerntet.

Erntezeit in der Hanfanlage in Steg: Insgesamt werden rund fünf Kilo CBD-Hanfblüten geerntet.

Seraina Boner

Ein süsslicher Duft steigt einem in die Nase, wenn man die 200 Quadratmeter grosse Halle betritt. «I Want to Break Free» von Queen erklingt aus den Boxen. Zwei grosse Tische stehen beim Eingang. Auf ihnen liegen haufenweise abgeschnittene Pflanzen. Drum herum stehen und sitzen vier Personen. Sie alle tragen Haarnetze, Handschuhe und blaue Overalls. Die einen entfernen die Blütenstände vom Stängel, andere schneiden mit einer Schere kleinere Blättchen von den Knospen.

Bei näherem Betrachten zeigt sich, dass das grüne Gewächs für den süsslichen Duft im Raum sorgt. Es sind Hanfpflanzen, die hier präpariert werden. In Michael Müllers Indoor-Hanfanlage im Fischenthaler Ortsteil Steg ist Erntezeit. Vor drei Monaten gründete er sein Geschäft Megalone und pflanzte 245 Hanfpflanzen an. Die Blüten verkauft er als Ersatztabak an Hanfshops.

Fischenthal hat einen schlechten Ruf, was illegalen Hanfanbau betrifft. Mehrmals wurden in den letzten Jahren in der Gemeinde Indoor-Anlagen von der Polizei entdeckt und aufgehoben. Die Betreiber wurden wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz verhaftet. Der letzte Fall, der öffentlich wurde, passierte 2013 in Steg. Die Anlage eines damals 27-Jährigen, der 1000 Pflanzen kultivierte, flog auf.

CBD-Hanf

Davon wird man nicht high. In der Hanfpflanze finden sich über 80 Cannabinoide und über 400 andere Wirkstoffe. Die wichtigsten Cannabinoide sind das berauschende Tetrahydrocannabinol (THC) und das nicht berauschende Cannabidiol (CBD), das zudem die psychotrope Wirkung des THC vermindert. CBD-Hanf unterliegt nicht dem Betäubungsmittelgesetz und kann an immer mehr Verkaufsstellen legal gekauft werden. red

Illegal ist das, was Müller macht, nicht. «Ich erzeuge nur Hanf, der keine berauschende Wirkung hat.» Die CBD-Hanfblüten, die er produziert, enthalten weniger als ein Prozent THC und sind daher legal verkäuflich. Zudem hat er die Anlage bei der Polizei gemeldet.

Von den 245 Pflanzen haben sich 238 gut entwickelt. Das schwarze, 18 Quadratmeter grosse Zelt, in dem der Hanf wächst, ist geöffnet. Das Licht ist gedämpft, Ventilatoren treiben die süssliche Luft aus der Halle. Die Pflanzen sind 1,2 bis 1,4 Meter hoch und voll mit klebrigen Blüten.

Gewinn ist noch Wunschdenken

Müller trägt die einzelnen Töpfchen mit den Pflanzen aus dem Zelt und schneidet die ganze Pflanze über der Erde ab. Danach bringt er sie zum Tisch. Jede Pflanze ist mit einem Bändchen versehen. Darauf stehen die Rasse und der Standort im Zelt. Müller notiert die Zahlen in einer Liste. «Ich will damit überprüfen, wie ertragsreich die Rasse ist. Und an welchem Standort, ob direkt unter der Lampe oder dazwischen, sich der Hanf besser entwickelt.» Der 35-Jährige überlässt nichts dem Zufall. «So kann ich den Ertrag optimieren und habe eine Kontrolle.»

Vom Ertrag der Blüten hängt auch der finanzielle Erfolg des Geschäfts ab. Müller rechnet mit einem Ertrag von 100 Gramm Hanf pro Pflanze. «Das ist mehr als super. Im Durchschnitt erzeugt eine Pflanze 25 Gramm Hanf.» Das Ziel sei, fünf Kilogramm reine, getrocknete Hanfblüten zu ernten. «Wenn es so weitergeht, packen wirs. Dann geht mein Businessplan auf», sagt Müller, der in Turbenthal lebt.

Für diese Menge kann er rund 20 000 Franken verlangen. Abnehmer ist der Hanfshop Hempner in Fislisbach. «Zum regulären Preis im Handel kommen 8 Prozent Mehrwertsteuer und 25 Prozent Tabaksteuer hinzu», sagt Müller. Seine Kosten seien mit den 20 000 Franken aber noch lange nicht gedeckt. «Ich habe jährlich nur für die Beleuchtung in den Zelten Ausgaben von 10 000 Franken.» Hinzu kämen die Ausgaben für die ganze Anlage von 40 000 Franken sowie der Lohn für seine Erntehelfer. «Ich muss noch ein paarmal ernten, um einen Gewinn zu haben.»

«Ich arbeite lieber mit Menschen»

Unterstützt wird Müller bei der Ernte von seiner Cousine und seiner Mutter sowie von einheimischen Helfern, die für 30 Franken in der Stunde an diesen beiden Erntetagen arbeiten. «Es ist mir wichtig, dass die Bevölkerung in der Region auch etwas von meinem Geschäft hat.» Müller dachte da auch an Hausfrauen aus der Region, die sich etwas dazuverdienen wollen. Das Gute ist: «Es braucht keine Vorkenntnisse.»

Drei junge Männer packen bei dieser Ernte mit an. «Insgesamt haben sich fünf Personen gemeldet. Zwei Hausfrauen aus Tann und Wald sind derzeit aber in den Ferien. Sie kommen im Herbst bei der nächsten Ernte zu ihrem Einsatz», sagt Müller.

Für einen der Stundenlöhner kommt die Arbeit wie gerufen. «Ich bin zurzeit arbeitslos, wohne im selben Gebäude und habe einen Arbeitsweg von einer Minute», sagt Kim Rechsteiner. Er habe nicht lange überlegen müssen, als er von der neuen Hanfanlage in Steg gehört habe. Da der 26-Jährige so nah wohnt, wurde er von Müller zu seinem Stellvertreter ernannt. «Er macht seine Sache gut, und ich bin froh, wenn er nach dem Rechten schauen kann. Ich selbst brauche immer eine halbe Stunde von Turbenthal hierher», sagt Müller, der Teilzeit als Logistiker in Winterthur arbeitet.

Für Rechsteiner ist die Hanfanlage ein Glücksfall. Er habe lange temporär gearbeitet und sich Sorgen um seine Zukunft gemacht. «Seit ich den Job habe, kann ich wieder gut schlafen in der Nacht.» Er sei zuversichtlich, dass Müller ihn bald fest anstellen könne.

Das ist das Ziel des Hanfbauers: Er will Angestellte haben. «Wie viele, entscheiden der Markt und die Nachfrage.» Ein maschineller Betrieb sei zwar günstiger. «Ich arbeite aber lieber mit Menschen zusammen und schaffe so Arbeitsstellen.» Überdies sei auch die Qualität der Blüten besser als in einem rein maschinellen Betrieb.

Eric Wetzel aus Bauma gehört auch zu den Erntehelfern. Der Elektriker führte in der Anlage diverse Arbeiten durch. Er installierte für Müller beispielsweise eine Alarmanlage. «Da ich mich für Anbau und Vertrieb von CBD-Hanf interessiere, habe ich Michael meine Hilfe beim Ernten angeboten», sagt der 25-Jährige.

Kiffen tue er nicht. Das CBD-Hanf habe er einmal ausprobiert. Bei der Arbeit sei viel Konzentration gefordert. «Man muss aufpassen, dass man nicht zu viel abschneidet, sonst führt das zu Verlusten.» Er will Müller weiterhin helfen, wenn dieser Unterstützung braucht. Auch er kann sich vorstellen, künftig fest in dem Geschäft einzusteigen, wenn es genug zu tun gibt. «Die Arbeit bereitet mir Freude. Es ist ein neuer Industriezweig, der Zukunft hat.»

Saure Witwe muss noch wachsen

Im zweiten schwarzen Zelt wächst Hanf der Rasse «Sour Widow». «Diese ist sehr beliebt, weil sie genügsam ist und einfach zu kultivieren», sagt Müller. Die Blüten der 200 Pflanzen werden Mitte September geerntet. Und auch danach sieht es nicht schlecht aus mit Müllers Geschäft. «Ich habe zwei Interessenten. Einen Hanfshop in Hinwil und einen Privatkiosk in Bauma.» Es gebe noch einige Abklärungen zu machen. «Wir verhandeln noch darüber, ob ich die Blüten abpacke oder ob das der Abnehmer selbst macht» – ein wichtiger Entscheid, denn wer abpackt, muss Tabaksteuern entrichten.

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