Chronologie

Fall Carlos: Das ist bis zum Gerichtstermin alles passiert

«Carlos» muss heute Freitag am Bezirksgericht Dietikon antraben.

«Carlos» muss heute Freitag am Bezirksgericht Dietikon antraben.

Seit dem ersten Doku-Film über Carlos Ende August 2013 bis zum Gerichtstermin vor dem Bezirksgericht Dietikon. Das geschah alles im Fall Carlos.

25. August 2013: Am Sonntagabend strahlt das SRF den Dokumentarfilm «Der Jugendanwalt» aus. Es wird Hansueli Gürber porträtiert, der für seine unkonventionellen (oder mutigen) Methoden bekannt ist. Im Film verweist er auf die Arbeit mit einem mehrfach straffällig gewordenen Jugendlichen, der sich nun dank eines Sondersettings mit einer intensiven Betreuung und Thaiboxtraining seit mehr als einem Jahr bewährt. Der junge Mann, damals 17-jährig, wird «Carlos» genannt.

27. August 2013: Die Dienstagsausgabe des «Blicks» erscheint mit der Schlagzeile «Sozial-Wahn» auf der Frontseite. Die monatlichen Kosten von 22 000 Franken für das Sondersetting werden kritisiert. 

28. August 2013: Andere Medien greifen den Fall auf: Dass ein «Gewaltstraftäter» staatlich verordnetes Thaibox-Training erhalten soll, stösst auf Kritik. Der «Blick» schreibt derweil an diesem Mittwoch, dass «alles noch viel teurer» sei: «Aus 22 000 Franken werden plötzlich 29 000 Franken.»

29. August 2013: Der Fall dominiert weiterhin die Schlagzeilen. Bei «Blick» und «20 Minuten» hatte sich am Vortag der junge Mann gemeldet, den «Carlos» zwei Jahre zuvor mit einem Messer niedergestochen hat. Die Pendlerzeitung titelt: «Er wird verwöhnt – ich leide mein Leben lang». Wegen dieses Messerstichs war «Carlos» zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden; das Sondersetting war die Folge dieser Verurteilung.

30. August 2013: «Carlos» wird am Freitag in der Stadt Zürich verhaftet und kommt ins Bezirksgefängnis Dietikon. Er hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen – er hatte sich während des Sondersettings mehr als ein Jahr lang bewährt. Die Verhaftung bezeichnet die Oberjugendanwaltschaft als «Rückversetzung»; sie begründet diese damit, dass der junge Mann wegen des Medienrummels geschützt werden müsse.

1. September 2013: Die Tonalität bleibt in den Sonntagsmedien dieselbe – «Carlos» werde vom Staat verwöhnt, wenn er nur genügend laut schreie oder sich renitent verhalte (Rindfleisch! Luxus-Deo!).

6. September 2013: An diesem Freitag, knapp zwei Wochen nach dem TV-Film, wird im Zürcher Walcheturm die erste Medienkonferenz zum Fall «Carlos» durchgeführt. Justizdirektor Martin Graf (Grüne) spricht sich gegen «Luxus und Nice-To-Haves» in einem Sondersetting aus. Er stuft die Kosten als zu hoch ein («einen solchen Vertrag hätte ich nicht unterschrieben»). Er meint aber auch, dass man nicht vergessen dürfe, wie hoch der Betreuungsaufwand in solchen Einzelfällen sei.

19 November 2013: «Carlos» wird vom Bezirksgefängnis Dietikon in die geschlossene Abteilung des Massnahmenzentrums Uitikon überstellt. In den Wochen zuvor war versucht worden, ein neues, günstigeres Sondersetting aufzubauen.

28. November 2013: Die Zürcher Regierung hält auf eine Anfrage der CVP fest, dass beim nun 18-Jährigen rund 20 Einweisungen in verschiedene Institutionen nichts gebracht hätten. Erst mit dem im Sommer 2012 verordneten Sondersetting sei es gelungen, bei «Carlos» über ein Jahr Stabilität und Verlässlichkeit zu erzeugen. Die Kosten seien hoch gewesen, aber vertretbar. Justizdirektor Graf verteidigt an diesem Donnerstag den Entscheid der Jugendanwaltschaft, «Carlos» nach Uitikon zu verlegen. Sobald er vom geschlossenen in den offenen Vollzug wechsle, bestehe die Hoffnung, dass er dort eine Berufslehre abschliessen könne.

10. Februar 2014: «Carlos» spritzt im Massnahmenzentrum «nicht näher bekannte Flüssigkeiten» um sich, wie es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. «Carlos» Disziplinarzelle muss «einer Extrareinigung» unterzogen werden. In den Wochen zuvor hatte «Carlos» zudem seine Zellen mehrmals unter Wasser gesetzt sowie (unter anderem) den Waschtisch verbogen und ein Loch in die Gipsdecke geschlagen. Der angerichtete Sachschaden in fünf Fällen beläuft sich auf insgesamt 8903.60 Franken.

18. Februar 2014: Das Bundesgericht heisst eine Beschwerde von «Carlos» gut und kritisiert die Zürcher Behörden scharf. Da sich der junge Mann während des Sondersettings bewährt habe und er keine Schuld an dessen abrupten Abbruch habe, bestünde keine Veranlassung, ihn inhaftiert zu halten. Das Bundesgericht spricht von «Willkür» und ordnet innert maximal zehn Tagen die Freilassung aus der vorsorglichen geschlossenen Unterbringung an.

28. Februar 2014: Die Zürcher Justizdirektion teilt mit, dass «Carlos» aus Uitikon entlassen werde und wieder in ein (günstigeres) Sondersetting komme.

19. Juni 2014: Die Oberstaatsanwaltschaft erklärt in einer Medienmitteilung das Sondersetting für beendet. Man sei aufgrund des bisherigen Verlaufs der Schutzmassnahmen zum Schluss gelangt, dass «das Sondersetting keine erzieherischen oder therapeutischen Wirkungen mehr entfaltet». Das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimme nicht mehr.

28. Oktober 2014: «Carlos» soll an der Langstrasse ein Messer gezückt und damit einen Mann bedroht haben. Der Angegriffene hat sich in einen Hinterhof zurückgezogen und mit einer Eisenstange und einem Pfefferspray bewaffnet. «Carlos» rennt vor der heranrückenden Polizei davon, wird aber sogleich festgenommen und in Untersuchungshaft gesetzt. Die Staatsanwaltschaft taxiert dies als «Drohung» und «Hinderung einer Amtshandlung».

12. April 2015: Der Zürcher Justizdirektor Martin Graf wird nach vier Jahren nicht mehr in den Regierungsrat gewählt. Der Fall «Carlos» gilt als einer der Gründe.

21. April 2015: Das Zürcher Obergericht ordnet die sofortige Freilassung von «Carlos» aus der Untersuchungshaft an. Dessen Verhalten habe sich in den vergangenen Monaten «explizit positiv» verbessert. Zudem brachte das Obergericht gewisse Vorbehalte an der Anklage an: Als «Carlos» den Mann angegriffen habe, sei dieser so «mutig aufgetreten», dass zumindest die Frage aufkommen könne, ob er wirklich in «Angst und Schrecken» versetzt war. Dies wäre eine Voraussetzung dafür, dass der Tatbestand der Drohung erfüllt wäre.

28. August 2015: «Carlos», der seit vier Monaten auf freiem Fuss ist und seither nicht mehr in die Medien geraten war, muss sich vor dem Bezirksgericht Dietikon wegen den Vorfällen an der Langstrasse (Drohung und Hinderung einer Amtshandlung) und im Massanhmenzentrum Uitikon (Sachbeschädigung) verantworten. Das Bezirksgericht spricht ihn teilweise schuldig. (og) 

Carlos kommt trotz Schuldspruch frei – das sagt der Staatsanwalt

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