Rückfallgefahr

Expertenurteile hängen nicht nur von Tatsachen ab

Verwahren oder nicht: Bei der Einschätzung der Gefährlichkeit eines Täters sind sich Experten oft uneinig.

Verwahren oder nicht: Bei der Einschätzung der Gefährlichkeit eines Täters sind sich Experten oft uneinig.

Therapeuten des Zürcher Justizvollzugs nahmen sich eines Gewaltverbrechers an, der laut externen Experten gar nicht therapierbar ist. Der Fall zeigt, wie verschieden jene Prognosen ausfallen können, von denen Verwahrungen abhängen.

Der Psychiatrisch-Psychologische Dienst des Zürcher Justizvollzugs (PPD) steht nicht unter dem Verdacht, übermässig nachsichtig mit Kriminellen zu sein. Im Gegenteil. Unter der Ägide von Chefarzt Frank Urbaniok gilt ihm der Schutz der Bevölkerung vor Wiederholungstätern als oberste Priorität. Der PPD analysiert deshalb stets akribisch das Rückfallrisiko, bevor ein Täter mit Vollzugslockerungen rechnen darf. Kritik an seiner Arbeit kommt daher normalerweise fast nur aus der Ecke von Gefangenen, die beklagen, sie würden quasi auf Vorrat zu lange weggesperrt.

Umso bemerkenswerter ist ein Fall, der unlängst vor Bundesgericht verhandelt wurde. Denn diesmal war alles anders: Die Leute vom PPD mussten sich von Psychiatern und Juristen den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten zu unkritisch die Sichtweise des Täters übernommen – und diesem eine zu günstige Prognose gestellt. Das wirft ein Schlaglicht auf die umstrittene Treffsicherheit jener Vorhersagen, die in der Strafjustiz heute eine Schlüsselrolle spielen.

Auf den ersten Blick scheint der Fall eindeutig zu sein: Im August 2006 beging Marco Schmid*, ein damals 24-jähriger Schweizer, vor einem Pub in Kloten eine verstörende Tat. Es fing damit an, dass er einen ihm völlig unbekannten Mann anfeindete. Ein Freund des Angepöbelten, der mit dem Auto vorbeifuhr, hielt an und forderte Schmid auf, sofort aufzuhören. Da wandte sich dieser dem Autofahrer zu und schlug ihm ins Gesicht. Kurz darauf kam es zu einer Schlägerei zwischen den beiden. Der Autofahrer wurde dabei schwer getroffen und ging zu Boden. Schmid zückte ein Taschenmesser, setzte sich auf sein bewusstloses Opfer und schnitt ihm die Kehle auf. Die Wunde war 15 Zentimeter lang und 4 Zentimeter tief; nur dank einer raschen Notoperation überlebte der Mann den Angriff.

Bei Schmid diagnostizierte ein vom Gericht aufgebotener Psychiater später eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Sprich: Er schert sich weder um gesellschaftliche Normen noch um die Empfindungen seiner Mitmenschen. «Nur schwer behandelbar», hiess es im Gutachten. Die Richter hielten sich daran und zogen das Fazit: «Wer seinen Weg kreuzt, lebt gefährlich.» Sie beschlossen, Schmid zu verwahren, um die Allgemeinheit vor ihm zu schützen.

Ein Urteil, gegen das sich der heute 31-Jährige mit seinem Anwalt über Jahre hinweg durch alle Instanzen wehrte. Zuletzt auch vor Bundesgericht, aber stets erfolglos. Er hatte anstelle der Verwahrung die sogenannte «kleine Verwahrung» verlangt: Eine Therapie in einer geschlossenen Anstalt, die zwar ebenfalls lebenslang dauern kann, dies je nach Verlauf aber nicht muss.

Das stärkste Argument von Schmid: Er konnte sich auf Experten des PPD berufen. Denn diese hatten ihn während seiner Zeit in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies längst in ein Therapieprogramm aufgenommen. Sie hatten bei ihm also just jene Voraussetzungen für eine Therapierbarkeit gesehen, die ihm der Gerichtspsychiater absprach. Mehr noch: In einem Therapiebericht beurteilten sie seine Rückfallgefahr anders als dieser nicht mit «deutlich», sondern nur mit «moderat».

Vor Gericht half dies Schmid nichts, da dort das Urteil eines externen Gutachters mehr zählt als das eines Therapeuten. Letzterer gilt wegen der Nähe zum Patienten generell als befangen. Ein zweiter externer Gutachter ging 2011 noch weiter und zerpflückte im Zug der Gerichtsverfahren die Arbeit der PPD-Therapeuten richtiggehend. Diese hätten sich von Schmid manipulieren lassen und ihm eine verdrehte Version seiner Tat abgekauft, wonach er nur aus Notwehr gehandelt habe. Trotzdem hielten die PPD-Leute im folgenden Jahr an ihrer Linie fest.

Ihr zweiter Bericht fiel dann sogar noch wohlwollender aus als der erste – was das Zürcher Obergericht mit Unverständnis quittierte. Das Bundesgericht doppelte nach mit Tadel: Eine strafrechtliche Therapie müsse die Tat behandeln, wie sie tatsächlich vorgefallen sei, sonst bestärke sie am Ende das kriminelle Verhalten des Täters noch.

Auf die Kritik angesprochen, versucht das Amt für Justizvollzug, die Diskrepanz zwischen den verschiedenen Einschätzungen zu relativieren. Das «deutliche» Rückfallrisiko, auf das die externen Gutachter kamen, entspreche der Risikokategorie 7 von 9, das «moderate» der PPD-Leute der Kategorie 5 – «somit liegen die Beurteilungen nicht weit auseinander.» Den Vorwurf, die eigenen Experten hätten sich manipulieren lassen, weist das Amt klar zurück. Die Therapeuten seien zwar auf die Sicht des Täters eingegangen und hätten sie wiedergegeben, aber nicht übernommen.

Das wirft die Frage auf, ob womöglich die externen Gutachter daneben lagen. Ob sie sich also zu weit zum Fenster hinausgelehnt haben mit ihrer pessimistischen Prognose, die für die Richter letztlich ausschlaggebend war. Zumal sich der zweite Gutachter laut einem Zeugen vor Gericht plötzlich nicht mehr ganz sicher war, dass Schmid wirklich nicht therapierbar sei. Beantworten lässt sie sich nicht.

Sicher ist nur: Widersprüche wie in diesem Fall dürften jene bestärken, die davor warnen, Risikoprognosen für Straftäter als harte Währung zu missverstehen. Genau das mache aber die heutige Strafjustiz, sagen skeptische Rechtsanwälte. Obwohl die Wissenschaft mit Aussagen zur Zukunft überfordert sei, verlange die Sicherheitsgesellschaft ihr das ab. Also würden externe Psychiater hinzugezogen, die aufgrund weniger Gespräche mit den Tätern ihre Gutachten abgeben müssten, denen die Richter dann folgen.

Bei so viel Verantwortung liege es auf der Hand, dass diese Experten sich hüten, bei Zweifeln eine optimistische Rückfallprognose abzugeben. Umgekehrt könnten jene Fachleute, deren Urteil vor Gericht wenig zählt – in diesem Fall jene des PPD – sich etwas Zuversicht leisten. Anders sieht es das Amt für Justizvollzug: Es gebe «keine Hinweise» auf solche Mechanismen.

* Name geändert

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