Zoo Zürich
Ethnologin kritisiert makelloses Image des Masoala-Nationalparks

Die Masoalahalle des Zoos Zürich kennt jeder. Weniger bekannt ist der Masoala-Nationalpark in Madagaskar. Die Ethnologin Eva Keller übt Kritik am Zoo: Er setze sich zu wenig für die Menschen ein, die wegen des Parks in Bedrängnis geraten.

Anna Wepfer
Drucken
Teilen
Das Bewirtschaften der Felder ist für die Kleinbauern auf Masoala mit viel beschwerlicher Handarbeit verbunden.

Das Bewirtschaften der Felder ist für die Kleinbauern auf Masoala mit viel beschwerlicher Handarbeit verbunden.

pd

Bevor der Zoo Zürich vor zehn Jahren seine Masoala-Halle eröffnete, war die gleichnamige Halbinsel Madagaskars den wenigsten ein Begriff. Seit aber auf dem Zürichberg die Lemuren herumturnen, ist Masoala ein Publikumsschlager. Der tropische Regenwald unter der Zookuppel hat seit 2003 mehr als zehn Millionen Besucher angelockt.

Damit ist auch der grosse Bruder der Masoala-Halle ins öffentliche Bewusstsein gerückt: der Masoala-Nationalpark im Nordosten Madagaskars. Er gilt als Naturreservat mit einer Flora und Fauna, die in ihrer Vielfalt weltweit einzigartig ist.

Der Zoo Zürich unterstützt den 2100 Quadratkilometer grossen Nationalpark jährlich mit 130 000 bis 150 000 Franken, um die wertvollen Wälder vor der Abholzung zu bewahren. Dieses Engagement kommt auch dem Zoo selbst zugute, denn es hat ihm in den vergangenen Jahren eine Menge Good-News-Schlagzeilen beschert.

Zoo-Direktor Alex Rübel Laut Madagaskarexpertin Eva Keller schadet der Masoala-Park der örtlichen Bevölkerung. Haben Sie bei Ihrem Prestigeprojekt zu wenig an die Menschen gedacht? Alex Rübel: Grundsätzlich finde ich es gut, wenn man untersucht, wie sich der Park auf die Menschen auswirkt. Der Park entzieht ihr aber kein Land, sondern verhindert, dass weiter gerodet wird. Es gibt eine Pufferzone am Rand des Parks, welche die Bauern nutzen können. Sie dürfen sie aber nicht abholzen. Wenn die Bauern nicht roden dürfen, können sie ihr Hauptnahrungsmittel Reis nicht mehr anbauen. Die Bauern auf Madagaskar arbeiten zum Teil immer noch nach der «slash and burn»-Methode. So wird die gerodete Fläche nach sieben Jahren unfruchtbar und es muss weiter gerodet werden. Der madagassische Staat hat schon lange realisiert, dass die Bauern langfristig verarmen, wenn sie nicht auf bewässerten Reis umstellen, der einen bis zu fünffachen Ertrag bringt. In den Hügeln ist Reisanbau so nicht möglich. Die Menschen dort verlieren ihre Existenz-Grundlage. Letztlich ist der neue Umgang mit Land ein Kulturwandel, den die Madagassen durchmachen müssen. Nur so können sie die Existenzgrundlage langfristig erhalten und verbessern. Sie müssen lernen, mit dem Wald zu leben. Deshalb investieren wir einen grossen Teil unseres Geldes in die Schulung der Bevölkerung. Ist es nicht bevormundend, als Europäer den Madagassen den Kulturwandel vorzuschreiben? Der Kulturwandel ist hart. Aber nicht wir diktieren ihn, sondern die Tatsache, dass bald kein Wald mehr da ist. Ich kann nachvollziehen, dass das für den Bauern am Waldrand unverständlich ist. Er hatte nie Gelegenheit, eine Schule zu besuchen und die Situation über die Grenzen seines Dorfes hinaus zu verstehen. Gerade deshalb ist es so wichtig, diesen Menschen Bildung zu ermöglichen. Eva Keller schlägt vor, den Park an den Rändern etwas zu verkleinern. Kein gangbarer Weg? Das wäre vielleicht eine kurzfristige Lösung. Gelöst wäre das Problem damit aber nicht, sondern höchstens um zehn Jahre verschoben. (awe)

Zoo-Direktor Alex Rübel Laut Madagaskarexpertin Eva Keller schadet der Masoala-Park der örtlichen Bevölkerung. Haben Sie bei Ihrem Prestigeprojekt zu wenig an die Menschen gedacht? Alex Rübel: Grundsätzlich finde ich es gut, wenn man untersucht, wie sich der Park auf die Menschen auswirkt. Der Park entzieht ihr aber kein Land, sondern verhindert, dass weiter gerodet wird. Es gibt eine Pufferzone am Rand des Parks, welche die Bauern nutzen können. Sie dürfen sie aber nicht abholzen. Wenn die Bauern nicht roden dürfen, können sie ihr Hauptnahrungsmittel Reis nicht mehr anbauen. Die Bauern auf Madagaskar arbeiten zum Teil immer noch nach der «slash and burn»-Methode. So wird die gerodete Fläche nach sieben Jahren unfruchtbar und es muss weiter gerodet werden. Der madagassische Staat hat schon lange realisiert, dass die Bauern langfristig verarmen, wenn sie nicht auf bewässerten Reis umstellen, der einen bis zu fünffachen Ertrag bringt. In den Hügeln ist Reisanbau so nicht möglich. Die Menschen dort verlieren ihre Existenz-Grundlage. Letztlich ist der neue Umgang mit Land ein Kulturwandel, den die Madagassen durchmachen müssen. Nur so können sie die Existenzgrundlage langfristig erhalten und verbessern. Sie müssen lernen, mit dem Wald zu leben. Deshalb investieren wir einen grossen Teil unseres Geldes in die Schulung der Bevölkerung. Ist es nicht bevormundend, als Europäer den Madagassen den Kulturwandel vorzuschreiben? Der Kulturwandel ist hart. Aber nicht wir diktieren ihn, sondern die Tatsache, dass bald kein Wald mehr da ist. Ich kann nachvollziehen, dass das für den Bauern am Waldrand unverständlich ist. Er hatte nie Gelegenheit, eine Schule zu besuchen und die Situation über die Grenzen seines Dorfes hinaus zu verstehen. Gerade deshalb ist es so wichtig, diesen Menschen Bildung zu ermöglichen. Eva Keller schlägt vor, den Park an den Rändern etwas zu verkleinern. Kein gangbarer Weg? Das wäre vielleicht eine kurzfristige Lösung. Gelöst wäre das Problem damit aber nicht, sondern höchstens um zehn Jahre verschoben. (awe)

«Menschen kommen zu kurz»

Diese positive Darstellung findet die Winterthurer Ethnologin Eva Keller jedoch zu einseitig. Sie kritisiert das makellose Image des madagassischen Nationalparks. Den Fokus richtet sie nicht auf Tiere und Pflanzen, sondern auf die Menschen, die an den Rändern des Parks leben.

Seit 1998 hat Keller insgesamt fast drei Jahre bei Familien in der Region gewohnt. Sie sagt: «Was dort passiert, ist eine Verletzung der Menschenrechte. Die Bevölkerung kommt zu kurz, weil ihre Rechte dem Naturschutz untergeordnet werden.» Am Rande des Nationalparks leben Bauern in sehr einfachen Verhältnissen.

Sie haben meist kaum Schulbildung, waren selten weiter als in der nächstgelegenen Stadt und leben hauptsächlich vom Reis, den sie auf kleinen Feldern für ihre Familie anpflanzen. Die Felder gehören ihnen gemäss traditionellem Recht. Oft ist das Land seit Generationen im Besitz einer Familie. Das gilt auch für Waldstücke, die derzeit nicht bebaut werden, aber Reserveland darstellen für künftige Generationen.

Problematisch ist laut Keller, dass diese Besitzverhältnisse nie schriftlich festgehalten wurden. Denn nach offiziellem madagassischem Recht gehört alles bewaldete Land dem Staat. Traditionelle Abmachungen prallen hier auf institutionelles Recht. Als 1997 der Masoala-Nationalpark gegründet wurde, erklärte die Regierung einen grossen Teil des Landes zur Schutzzone. Betroffen sind auch Gebiete Dutzender Familien in mehreren Dörfern. «Die Parkgrenzen wurden ohne echte Rücksprache mit der Bevölkerung festgelegt», kritisiert Keller.

Das Problem: der Reis

Und sie weiss von einer ganzen Anzahl Fällen, in denen die Bauern für ihre Verluste vom Staat nicht oder nur sehr dürftig entschädigt wurden. Seither ist die Nutzung vieler Felder stark eingeschränkt. Insbesondere dürfen die Bauern ihr Hauptnahrungsmittel, den Reis, nicht mehr anbauen.

Denn damit Reis in den hügeligen Regenwaldgegenden gedeiht, muss das Land zuvor mit Feuer gerodet werden. Und das ist innerhalb der Parkgrenzen strikte verboten. Das Problem: Reis ist nicht nur das wichtigste Nahrungsmittel dieser Menschen, er ist gewissermassen auch ein Statussymbol. «In dieser Kultur bedeutet Reis zu haben, ein kultivierter Mensch zu sein», sagt Eva Keller. Keinen Reis zu haben, sei deshalb aus Sicht der Bauern schlimmer, als nicht zur Schule gehen zu können.

«Wir müssen den Blickwinkel dieser Menschen verstehen, um die Auswirkungen des Parks einzuschätzen», sagt die Ethnologin. Aus diesem Grund stellt sie ihre Forschungsarbeiten zu Madagaskar heute und morgen an der Zürcher Wissenschaftsmesse «Scientifica» aus.

Die Messe steht unter dem Motto «Risiko». Keller geht es darum, zu zeigen, dass die Wahrnehmung von Risiken immer subjektiv und kulturell geprägt ist. «Aus westlicher Sicht besteht das Risiko auf Masoala darin, dass eine einzigartige Landschaft der Brandrodung zum Opfer fällt», sagt sie. «Aus Sicht der örtlichen Bevölkerung besteht das Risiko jedoch darin, kein würdiges Leben führen zu können und zu wenige Nahrung zu haben.»

«Der Zoo Zürich muss handeln»

Für Keller gibt es deshalb nur eine Lösung: «Die Parkgrenzen müssen neu verhandelt werden.» Es brauche nicht viel, um den Einheimischen wieder Zugang zu ihren Feldern zu ermöglichen, die Grenze müsste vielleicht um zwei, drei Kilometer verschoben werden.

Taten verlangt sie hier vor allem vom Zoo Zürich. Als einer der grössten Geldgeber des Parks sei er in der Position, um den Betreibern Bedingungen zu stellen. «Ich fordere, dass der Zoo sein Gewicht gegenüber der madagassischen Regierung und den Partnern vor Ort nutzt, um den Nationalpark menschenfreundlicher zu machen», sagt sie. Bisher hätten die verunsicherten Einheimischen nämlich das Gefühl, die westlichen Geldgeber kümmerten sich mehr um Lemuren als um Menschen.

Scientifica 2013: Die Zürcher Wissenschaftsmesse «Scientifica» findet heute und morgen an der ETH und an der Uni Zürich statt. Sie steht dieses Jahr unter dem Motto «Risiko: Was wir wann wagen». www.scientifica.ch

Aktuelle Nachrichten