Analyse

Der Pöstchenjäger-Jäger schiesst los

SVP-Ständeratskandidat Roger Köppel greift an.

SVP-Ständeratskandidat Roger Köppel greift an.

SVP-Ständeratskandidat Roger Köppel greift seine Konkurrenten Daniel Jostisch (SP) und Ruedi Noser (FDP) wegen Pöstchenjägerei an. Der Schuss könnte nach hinten losgehen. Die Analyse unseres Zürich-Redaktors.

Roger Köppels Chancen, als Zürcher Ständerat gewählt zu werden, stehen eher schlecht. Dies bestätigte einen Monat vor dem Wahltag kürzlich eine Umfrage des «Tages-Anzeigers». Demnach dürfte Daniel Jositsch (SP) es schon im ersten Wahlgang am 20. Oktober schaffen; Ruedi Noser (FDP) dann voraussichtlich im zweiten am 17. November. Die beiden Bisherigen haben klar die Nase vorn vor dem SVP-Kandidaten Köppel. Wenn, dann könnte eher GLP-Kandidatin Tiana Moser Nosers Wiederwahl gefährden, falls sie im erwarteten zweiten Wahlgang die links-grünen Stimmen sowie einige aus der Mitte und aus dem liberalen Lager auf sich vereint. Köppel hingegen dürfte es, wenn nicht noch Entscheidendes passiert, so ergehen, wie den letzten paar Zürcher SVP-Kandidaten vor ihm: Ausserhalb der SVP-Basis holt er kaum Stimmen. Somit ist er nicht mehrheitsfähig.

Vor diesem Hintergrund versandte Köppel am Montagnachmittag kurzfristig eine Einladung zu einer Medienkonferenz, die gestern in Zürich stattfand. Eine «persönliche Erklärung» zu seinem Ständeratswahlkampf wolle er abgeben, kündigte Köppel an. Das weckte Erwartungen: So kurzfristig anberaumte Medienkonferenzen mit «persönlichen Erklärungen» handeln meistens von Rücktritten. Doch Köppel trat nicht zurück, weder aus dem Nationalrat, noch aus dem Ständeratswahlkampf. Wäre auch seltsam gewesen, da er seit April als Ständeratskandidat durch alle 162 Zürcher Gemeinden tourt.

Nein, Köppel trat an, um anzugreifen: Jositsch und Noser seien Pöstchenjäger, schoss er los. Sie hätten als Ständeräte je 22 angeblich lukrative Pöstchen in Verwaltungsräten und ähnlichen Gremien angehäuft. So werde das Schweizer System der Milizpolitiker untergraben. Er hingegen habe nebst seinem Nationalratssitz lediglich den Posten als «Weltwoche»-Verleger und -Chefredaktor. Beruflich verdiene er 279 995 Franken pro Jahr, als Nationalrat komme ein «Brutto-Umsatz» von 100 000 Franken pro Jahr hinzu. Nun verlangt Köppel, dass auch Noser und Jositsch ihre Einkommen offen legen.

Darin erschöpfte sich seine «persönliche Erklärung». Man kann Pöstchenjägerei durchaus kritisieren. Sie kommt bei Vertretern vieler Parteien vor, auch in der SVP, wie Köppel einräumte. Aber wenn, dann sollte man sich glaubwürdig dagegen einsetzen. Köppel, der seit vier Jahren im Nationalrat sitzt, hätte die Möglichkeit gehabt, einen Vorstoss einzureichen, damit Parlamentarier all ihre Einkommen offenlegen, wie er es nun fordert. Er tat es nicht. Und auf die Transparenzinitiative angesprochen, die die Offenlegung der Parteien- und Wahlkampffinanzierung fordert, sagte er, er habe sich noch nicht näher damit befasst. Auch als «Weltwoche»-Chefredaktor wäre es ihm längst möglich gewesen, das Thema Pöstchenjäger vermehrt anzusprechen. Doch ausser einer vor vier Jahren von ihm publizierten Geschichte hatte er nichts vorzuweisen.

Fazit: Es geht dem Pöstchenjäger-Jäger wohl primär darum, kurz vor den Wahlen die Konkurrenz anzuschwärzen. Das nennt man Wahlkampf und ist nichts allzu Besonderes. Aber es wirkt unglaubwürdig, da nicht auf nachhaltige Wirkung angelegt. Der Schuss könnte nach hinten losgehen.

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