Zürich
Der Babyboom kostet viel Geld

Der anhaltende Babyboom in Zürich führt zu einer steigenden Nachfrage für neue Schulhäuser und Erweiterungen. Dafür sind über 700 Millionen Franken nötig.

Florian Niedermann
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5191 Kinder mit Wohnort Zürich wurden letztes Jahr geboren. Wegen der steigenden Geburtenrate musste die Stadt bereits ihre Schulraumplanung revidieren.

5191 Kinder mit Wohnort Zürich wurden letztes Jahr geboren. Wegen der steigenden Geburtenrate musste die Stadt bereits ihre Schulraumplanung revidieren.

Keystone

Eigentlich ist es ja eine erfreuliche Nachricht, die der Zürcher Stadtrat gestern verkünden konnte: Ende 2015 zählte die Stadt 410 404 Einwohner und damit 5621 mehr als im Vorjahr. Dieses Wachstum ist nicht zuletzt einem wahren Babyboom zu verdanken.

Die Geburtenrate stieg seit der Jahrtausendwende um 45 Prozent. Allein letztes Jahr kamen 5191 Kinder mit Wohnort in Zürich zur Welt. Der Boom hat für die Stadt jedoch auch kostspielige Folgen.

Dies zeigt sich insbesondere beim Schulraum. Bereits 2012 kündigte Hochbauvorstand André Odermatt (SP) an, dass wegen des Bevölkerungswachstums bis 2020 sieben neue Schulhäuser gebaut werden müssten. Im Fokus standen vor allem die Quartiere Affoltern, Leutschenbach, Schwamendingen West, Zürich West, Letzi und Manegg, wo zuletzt viele Neubauten entstanden oder Siedlungsgebiete verdichtet worden waren.

Die Kosten für diese Schulraumerweiterungen schätzte die Stadt damals auf eine halbe Milliarde Franken. Diese Zahl ist nun aber längst überholt, wie eine Anfrage beim Schul- und Sportdepartement zeigt.

2000 Schulkinder mehr bis 2020

Ging die Behörde noch vor vier Jahren davon aus, dass 2019/20 insgesamt knapp 29 600 Kinder in der Stadt zur Schule oder in den Kindergarten gehen werden, rechnet sie heute bereits mit 31 600 Schülerinnen und Schülern.

Wegen des Babybooms plane die Stadt langfristig zusätzliche Erweiterungs- und Neubauten, erklärt Ralph Kreuzer, Sprecher des Schul- und Sportdepartements: «Für den Zeitraum bis 2027 sind Erweiterungs- und Neubauprojekte in der Höhe von insgesamt 713,3 Millionen beantragt oder bereits bewilligt.»

Der kurzfristige Raumbedarf der Schulen und Kindergärten werde mit Pavillons abgedeckt, so Kreuzer. Bereits fast fertiggebaut ist das Schulhaus Blumenfeld in Zürich Affoltern, das dieses Jahr bezogen werden kann und insgesamt rund 90 Millionen Franken kostet.

Die steigende Geburtenrate müsste auch die Nachfrage nach Betreuungsplätzen in Kindertagesstätten in die Höhe schnellen lassen. Doch Sozialvorstand Raphael Golta (SP) sieht vorerst keinen Handlungsbedarf.

Die Krippen-Versorgungsrate (siehe Grafik) habe 2014 bei rund zwei Dritteln gelegen – und dies trotz des starken Bevölkerungswachstums, sagt er: «Die Nachfrage ist also gedeckt.» Gemäss dem städtischen «Report Kinderbetreuung» standen vor zwei Jahren 22 164 Kindern im Vorschulalter zwar nur 8603 Krippenplätze zur Verfügung.

Doch zeigt die langjährige Erfahrung des Sozialdepartements, dass ein Krippenplatz erst mit durchschnittlich 1,72 Kindern die ganze Woche über ausgelastet werden kann. Dies, weil die meisten Eltern ihre Kinder nur an zwei bis drei Tagen pro Woche in einer Kita betreuen lassen.

Stadt betreibt nur 300 Kita-Plätze

Den grössten Teil der Krippenplätze bieten private Kindertagesstätten an, die Stadt selbst betreibt nur neun Kitas mit rund 300 Plätzen. In den letzten Jahren habe der Markt schnell auf die steigende Nachfrage reagiert, sagt Golta: «Wir gehen deshalb davon aus, dass das Angebot mit den Geburtenzahlen mitwachsen wird.» Wer regelmässig mit Zürcher Eltern von Kleinkindern zu tun hat, erhält allerdings einen anderen Eindruck: Es gebe zu wenig Krippenplätze, und diese seien schlecht verteilt, heisst es da oft.

Golta verweist auf die Zahlen des Betreuungsreports und betont, von einem Mangel könne keine Rede sein: «Wer einen Krippenplatz sucht, findet in Zürich auch etwas Adäquates.» Natürlich sei es möglich, dass sich ein freier Kita-Platz nicht immer an der gewünschten Lage befinde und am gewünschten Tag frei sei. In dieser Beziehung müssten Eltern halt ein «gewisses Mass an Flexibilität» mitbringen, so Golta.

Auch wenn sie keine neuen kommunalen Krippenplätze plant, investiert die Stadt per 2019 jährlich rund 6,9 Millionen zusätzlich in die Betreuung von Vorschulkindern, wie der Stadtrat gestern mitteilte. Bis Ende 2018 will das Sozialdepartement damit 620 subventionierte Kita-Plätze schaffen und so eine Lücke in der Kinderbetreuung schliessen: «Alle Eltern, die aufgrund ihrer finanziellen Situation Anspruch darauf haben, sollen einen subventionierten Krippenplatz erhalten», sagt Golta.

Anlass bot die vom Kantonsrat beschlossene Abschaffung der Kleinkinderbetreuungsbeiträge (KKBB). Diese kamen Eltern mit geringem Einkommen zugute, die ihre Kinder in den ersten zwei Jahren zu Hause betreuen wollten. Die dafür vorgesehenen Mittel wird die Stadt nun stattdessen für den Ausbau der subventionierten Kita-Plätze verwenden.

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