Zürich

Das einzige Mädchenhaus der Schweiz: Ein Ort, der nicht nötig sein dürfte

Eine ehemalige Bewohnerin schreibt: «Das Mädchenhaus war für mich sehr wichtig, weil es dort zum ersten Mal um mich ging.»

Eine ehemalige Bewohnerin schreibt: «Das Mädchenhaus war für mich sehr wichtig, weil es dort zum ersten Mal um mich ging.»

In Zürich gibt es das einzige Mädchenhaus der Schweiz. Wie wichtig der Zufluchtsort für missbrauchte junge Frauen ist, erzählt ein Buch.

Sie sind schwer zu verdauen, die sechs Geschichten der mittlerweile erwachsenen Frauen. Sie erzählen auf wenigen Seiten, wie sie als Kinder und Jugendliche geschlagen, sexuell missbraucht, eingesperrt und erniedrigt wurden – und im Mädchenhaus einen Ort fanden, wo sie sicher waren, betreut und unterstützt wurden und teilweise sogar einen Ausweg sahen.

Marion zum Beispiel. Ihr Vater ständig betrunken, die Mutter überfordert, muss die 14-Jährige nach der Trennung der Eltern ein Jahr lang im Kellerabteil schlafen, bis ihr die Mutter vorübergehend eine eigene Wohnung finanziert. Marion lernt kurz darauf ihren ersten Freund kennen. Doch was auf den ersten Blick nach grosser Liebe aussieht, entpuppt sich als Albtraum. Ihr Freund, ein Fussball-Hooligan, misshandelt und schlägt sie.

Die Adresse des Mädchenhauses ist geheim

Marion schweigt, auch als eines Tages die Polizei vor der Tür steht, weil sich Nachbarn über den Lärm beklagen. Ihre Mutter ist ihr keine Hilfe und kann ihr auch bald die Miete nicht mehr bezahlen. Marion bittet das Sozialamt um Hilfe. Dort fällt der Mitarbeiterin das blaue Auge der Frau auf. Sie rät Marion, sich beim Mädchenhaus zu melden. Die Adresse ist geheim. Wer das Mädchenhaus aufsuchen will, meldet sich telefonisch oder schriftlich und trifft sich mit einer Betreuerin an einem vereinbarten Ort. In der Wohngemeinschaft haben sieben Bewohnerinnen Platz. Die Frauen im Alter von 14 bis 20 Jahren dürften maximal drei Monate bleiben. Sie haben ihr Zimmer, teilen sich die Hausarbeit und essen abends zusammen.

Nach Möglichkeit gehen die jungen Frauen weiterhin zur Schule oder ihrer Arbeit nach. Die professionellen Betreuerinnen kümmern sich um sie, hören ihnen zu, beraten sie und vermitteln Fachpersonen oder klären ihre rechtliche Situation ab. Sie begleiten sie zu Gesprächen mit Behörden und Eltern.

1994 von zwei Studentinnen für Soziale Arbeit ins Leben gerufen, hat das Mädchenhaus mittlerweile 1200 junge Frauen aufgenommen und begleitet. Im Durchschnitt bleiben sie 39 Tage. Finanziert wird das als Verein geführte und bis heute einzige Mädchenhaus der Schweiz von Bund, Kanton und durch Spenden. Im Vorwort zum Buch, das der Verein am Donnerstag zum 25-Jahr-Jubiläum herausgegeben hat, schreibt die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr: «Das Mädchenhaus ist eine jener Einrichtungen, die nicht nötig sein dürften und es dennoch sind.»

Marion schreibt: «Das Mädchenhaus war für mich sehr wichtig, weil es dort zum ersten Mal um mich ging.» Doch entgegen dem Rat ihrer Betreuerinnen geht Marion zurück zu ihrem Freund. Erst als er nach einem Fussballspiel erneut randaliert und verhaftet wird, kann sie sich von ihm trennen.

Das Allerschlimmste sei ihr aber erst viel später passiert, schreibt Marion. Als sie schwanger wird, meldet sich ihr Vater. Lange hat sie nichts mehr von ihm gehört. Nun will er wieder Kontakt mit ihr aufnehmen. Marion hat zunächst nichts einzuwenden. Doch dann trifft sie eines ihrer Geschwister und dessen Sohn. Der kleine Neffe erzählt auf einmal, dass er den Grosspapi nicht gerne habe. «Wieso?», fragt Marion nach. «Weil er immer so blöde Sachen mit mir macht.» Marion erschrickt. Plötzlich tauchen die Erinnerungen auf: Bilder, wie sie und ihre Geschwister als ganz kleine Kinder von ihrem Vater sexuell missbraucht wurden. Marion hatte sie die ganze Zeit verdrängt.

Heute kann Marion offen von ihrem Leid erzählen. Anderen ehemalige Mädchenhaus-Bewohnerinnen fällt es schwerer: Ardita, die von Cousin und Onkel missbraucht und statt von ihren Eltern unterstützt als «Schlampe» bezeichnet wird; Lena, die von ihrer überforderten Mutter verprügelt und im Zimmer eingesperrt wird. Das Essen wird ihr spät abends ins Zimmer geschoben, urinieren muss sie in eine PET-Flasche; oder Maria, streng katholisch erzogen, die von ihrer Mutter mit Gürtel und Kabel geschlagen wird und heute sagt, dass nicht die physischen Schmerzen das Schlimmste waren, sondern die ständigen Vorwürfe und Erniedrigungen.

Der Kontakt mit anderen Opfern im Mädchenhaus sei wertvoll gewesen, schreibt Marion in ihrer Geschichte. Vielen sei Ähnliches passiert, man habe sich verstanden. Eine Mitbewohnerin sei ihr besonders geblieben. «Sie sagte: Schau Marion, du musst vergeben, einfach für dich, und dann neu anfangen.» Marion ist es gelungen.

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