Corona
Kesb-Präsident: «Die Pandemie hat Spuren hinterlassen»

Härterer Streit um Besuchsrechte, krumme Touren beim Homeschooling, vereinsamte Alte: Die Kesb Zürich zeigt in ihrer Jahresbilanz Folgen der Pandemie auf.

Matthias Scharrer
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Michael Allgäuer, Präsident Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Stadt Zürich.

Michael Allgäuer, Präsident Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Stadt Zürich.

Matthias Scharrer

Die Zahl der von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) in Zürich angeordneten Kindesschutzmassnahmen ist letztes Jahr deutlich gestiegen: Gab es 2019 noch 382 neue Beistandschaften, so waren es 2020 deren 460. «Das ist ein grosser Sprung», sagte Michael Allgäuer, Präsident der Kesb Stadt Zürich, am Dienstag vor den Medien. Allerdings habe es auch schon in früheren Jahren starke Schwankungen gegeben. Wie weit die Zunahme 2020 auf Corona zurückzuführen sei, bleibe daher unklar.

Klar sei hingegen: «Die Pandemie hat Spuren hinterlassen.» So hätten sich unter getrennt lebenden Eltern die Streitereien um Besuchsrechte nach dem Lockdown verschärft. Teilweise habe die Pandemiegefahr als Argument oder Scheinargument herhalten müssen, um dem anderen Elternteil das Besuchsrecht der Kinder vorzuenthalten. Ein Vater habe etwa gemeint, regelmässiges Händewaschen verursache psychische Schäden beim Kind. Er verweigerte daher der Mutter den Kontakt zur Tochter und verlangte Homeschooling. Dieses fand jedoch nicht statt; stattdessen war die Tochter nur noch am Gamen. Die Kesb gab das Mädchen daraufhin in die Obhut der Mutter.

Doch nicht nur in Besuchsrechts-Streitfällen hinterliess Corona Spuren. So stellte Allgäuer fest:

«Die Pandemie hat auf verletzliche Personen einen starken Einfluss.»

Das zeigten Fallbeispiele, auf die der Kesb-Präsident und Vizepräsidentin Suzanne Otz näher eingingen.

Der Lockdown warf Larissa* aus der Bahn

Da ist etwa der Fall der 14-jährigen Larissa*. Im Herbst 2020 meldete die Schule zunehmende Probleme mit dem Mädchen, deren Eltern getrennt leben. Larissa störte den Unterricht, ihre Leistungen sackten ab. Die zuständige Sozialarbeiterin suchte das Gespräch mit den Eltern. Nachdem diese das Problem offenbar nicht ernst nahmen, schlug sie externes Wohnen für Larissa vor.

Die Situation eskalierte, als das Mädchen an einem Freitagabend nicht wie abgemacht beim Vater auftauchte. Vier Tage dauerte es, bis die Polizei sie fand. Wie sich herausstellte, hatte sie mal da, mal dort bei Kolleginnen übernachtet. Auch der Jugendanwaltschaft war das Mädchen bereits bekannt, wegen Diebstähle und Nötigungen.

In den darauffolgenden Gesprächen klärte sich das Bild laut Allgäuer teilweise: «Larissa erzählte mir, dass sie während des Lockdowns im März/April 2020 oft draussen gewesen sei und dort neue Kolleginnen kennen gelernt habe. Für die Schule habe sie in dieser Zeit nichts mehr gemacht und nach dem Wiederbeginn den Anschluss verpasst.» Die Mutter habe in dieser Zeit den Draht zu ihrer Tochter verloren.

Inzwischen ist Larissa in einem Heim. Allgäuer ist weiter mit ihr in Kontakt und versucht ihr klarzumachen, wie wichtig die zweite Sekundarklasse für den Schulabschluss sei.

Frau Meier* kam nicht mehr aus ihrer Wohnung

Das zweite Fallbeispiel betrifft Frau Meier*. Die Kesb wurde im Januar 2021 auf die allein lebende ältere Dame aufmerksam gemacht. Einer Nachbarin war aufgefallen, dass Frau Meier, die vor Corona täglich einkaufen und spazieren ging, tagelang ihre Wohnung nicht mehr verlassen hatte. Die Polizei wurde alarmiert, und die Sanität fand Frau Meier in ihrem Bett liegend: verwirrt und offenbar nicht mehr fähig, aufzustehen. Sie wurde in ein Spital eingewiesen. Offenbar hatte ein Alkoholentzug mit zu ihrer Lage beigetragen.

Kesb-Vizepräsidentin Otz besuchte sie. Sie erfuhr, dass Frau Meier seit Corona kaum mehr rausgegangen war. Es sei ihr schleichend immer schlechter gegangen. Ausser zur Nachbarin hatte sie keine Kontakte. Schliesslich habe sie widerwillig in eine Beistandschaft eingewilligt und lebe heute noch in einem Pflegeheim.

Suzanne Otz, Vizepräsidentin Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Stadt Zürich.

Suzanne Otz, Vizepräsidentin Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Stadt Zürich.

Matthias Scharrer

«Der Fall zeigt mögliche Gefahren von Corona auf, besonders für Leute, die allein sind und kein soziales Netzwerk haben», erklärte Otz. «Corona verschärfte solche Probleme.» Dennoch blieben die Fallzahlen bei den Erwachsenenschutzmassnahmen trotz Corona konstant. Im Verhältnis zur wachsenden Gesamtbevölkerung habe die Zahl der Personen mit von der Kesb angeordneten Massnahmen über die letzten sechs Jahre hinweg insgesamt sogar abgenommen, sagte Allgäuer. Zum einen liege dies daran, dass es in Zürich ein breites Beratungs- und Unterstützungsnetz gebe. Zum anderen bemühe sich die Kesb wenn möglich, Lösungen auf freiwilliger Basis zu finden und auf behördliche Massnahmen zu verzichten.

*Name geändert

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