Sexismus

Belaestigt.ch erhält wöchentlich zwei Anfragen

Neben sexistischen Bemerkungen oder Witze über Aussehen, Kleidung sowie die sexuelle Orientierung gehören auch wiederholt unerwünschte Einladungen sowie Berührungen zur sexuellen Belästigung.

Neben sexistischen Bemerkungen oder Witze über Aussehen, Kleidung sowie die sexuelle Orientierung gehören auch wiederholt unerwünschte Einladungen sowie Berührungen zur sexuellen Belästigung.

Die Plattform zur Prävention sexistischer und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz wird seit einem Jahr rege genutzt - wie sich zeigt, auch von Männern.

Belaestigt.ch feiert seinen ersten Geburtstag. Pünktlich zum 21-Jahr-Jubiläum des Gleichstellungsgesetzes ging die Website zur Prävention von sexueller und sexistischer Belästigung am Arbeitsplatz im vergangenen Juli online.

Im Zusammenhang mit diesem Thema spricht Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, von einer «tabuisierten Realität»: «Bis heute zögern viele Belästigte, Unterstützung zu holen – trotz klarer gesetzlicher Schutz-Bestimmungen.»

Trotzdem zieht Derungs nach den ersten zwölf Monaten, in denen das Portal genutzt wird, eine positive Bilanz. Positiv bedeutet in diesem Zusammenhang: Das niederschwellige Angebot des Informations- und Beratungsportals wird genutzt. Das dreiköpfige Team, bestehend aus zwei Frauen und einem Mann, erhält wöchentlich rund zwei Anfragen. «Sie betreffen unangebrachte Bemerkungen, aufdringliches Verhalten oder auch handfeste sexuelle Übergriffe», wie Derungs sagt.

Beispielhaft sind auf der Beratungswebsite Situationen sexueller Belästigung beschrieben. Dazu gehören sexistische Bemerkungen oder Witze über Aussehen, Kleidung sowie die sexuelle Orientierung. Wiederholte unerwünschte Einladungen und unerwünschte Berührungen gehören auch dazu sowie Telefonanrufe, das Versenden von SMS, E-Mails und Briefen mit sexistischem oder anzüglichem Inhalt fallen unter die Definition der sexuellen Belästigung. Nötigung, also das Versprechen von beruflichen Vorteilen, falls Personen in sexuelle Handlungen einwilligen, wie auch die Drohung mit Nachteilen, falls sie es nicht tun, körperliche Übergriffe und Vergewaltigung runden die Beispiele an sexuellen Übergriffen ab.

Letztlich geht es laut Derungs bei sexueller Belästigung immer auch um vorherrschende Macht- und Hierarchiestrukturen. Belästigungen würden sich in vielen Fällen gegen tiefer Positionierte oder Minderheiten im Betrieb richten. Das können Frauen, Lesben oder Schwule, Transmenschen, neue Mitarbeitende oder Lernende sein. «Jede zehnte Person, die sich bei belaestigt.ch meldet, ist männlich», sagt Derungs. Jedoch nur eine Person davon habe dabei für die eigene Partnerin Rat gesucht. «Wir dürfen nicht vergessen, dass auch Männer belästigt werden», so Derungs.

Diverse Branchen betroffen

Die meisten Anfragen stammen aus dem Raum Zürich und der Ostschweiz. Danach folgen Bern, Basel, Luzern und Solothurn. «Ein Drittel der Meldungen sind bisher aus der Stadt Zürich. Dort scheint das Portal bis anhin am bekanntesten zu sein», sagt Derungs.

Weil das Angebot von belaestigt.ch möglichst niederschwellig, aber vor allem anonym ist, kann Derungs lediglich grobe Aussagen zu den beruflichen Hintergründen der hilfesuchenden Personen machen: «Anhand der beschriebenen Situationen arbeiten die meisten Ratsuchenden im Büro, im Detailhandel, in der Gastronomie, in der Hotellerie, im Baugewerbe und im Pflegebereich.»

Dank der Website würden mittlerweile auch Branchen erreicht, wo sonst kaum ein Zugang bestehe. Als Beispiele nennt die Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung den Detailhandel, das Baugewerbe und die Hotellerie.

Nach nun einem Jahr gehen die Verantwortlichen der Website über die Bücher. Derzeit holt die Trägerschaft mit einer Online-Umfrage Feedback bei den bisherigen Nutzerinnen und Nutzern des Portals, aber auch bei der breiten Bevölkerung ein. Zudem wird noch bis zum 26. September in diversen Deutschschweizer Kinos auf das Angebot der Website aufmerksam gemacht.

Die Kernhilfe bleibe weiterhin bestehen, denn über sexuelle und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz werde noch zu viel geschwiegen, ist Derungs überzeugt. Deshalb versuche man, die Bekanntheit des Informations- und Beratungsportals weiter auszubauen.

«Ratsuchende sollen Unterstützung bekommen. Sie erhalten Hilfestellungen fürs weitere Vorgehen. Wir machen auch Angaben zu Beratungsstellen in ihrer Nähe, die für die jeweilige Situation passend sind», sagt Derungs weiter.

Aber nicht nur Direktbetroffene suchten im vergangenen Jahr Hilfe beim Beratungsteam von belaestigt.ch. «Die Debatte #MeToo hatte insofern einen Einfluss auf die Nutzung der Plattform, als wir immer häufiger auch Anfragen von Unternehmen für interne Weiterbildungen für ihr Kader erhalten», so Derungs. In solchen Fällen leite man die Ratsuchenden an entsprechende Stellen von Städten und Kantonen weiter.

Für jede Art der Hilfesuche ist die Erstberatung durch eine Fachperson vertraulich und kostenlos. Im Beratungsteam sind Fachpersonen aus den Trägerorganisationen sowie aus dem psychosozialen und juristischen Umfeld tätig. Sie beraten auf Deutsch, Französisch, Englisch, Portugiesisch, Kroatisch, Bosnisch und Serbisch.

Neben der städtischen Fachstelle für Gleichstellung sind der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner, die Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich und die Gewerkschaft Unia Trägerinnen von belaestigt.ch.

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