Zürich

Aus Angst vor Rassismus verschwieg sie jahrelang ihre Identität

Die Erinnerung an den Holocaust verblasst: Eine Frau betrachtet das Bild einer KZ-Inhaftierten.

Roma wurden Hunderte Jahre verfolgt und diskriminiert. Eine Betroffene erzählt, wie sie den Holocaust der Roma, überlebte und wie es ist, als Roma in der Schweiz zu leben.

Über Unglück zu reden, bringt Unglück. Das ist eine alte Lebensregel der Roma. Entsprechend wird der Holocaust der Roma kaum thematisiert. Doch das Schweigen geht noch weiter, viele verschweigen ihre Herkunft. Mit gutem Grund: «Es sind nur wenige Jahre her, da verloren drei Roma ihre Stelle, nur weil sie sich ‹outeten›», sagt Erika Tamm (Name geändert).

Doch aus ihrem Mund sprudeln heute viele Geschichten und Anekdoten. Von Zeit zu Zeit macht sie schnelle Bewegungen mit den Händen und schlägt auch mal mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass der Ring auf die Holzplatte knallt. Die grauen Haare hat die Zürcherin zu einer Frisur zusammengebunden. Das Büchergestell, das sich über die ganze Wand erstreckt, ist bis auf den letzten Platz ausgefüllt. Auf dem Tisch liegen: die «WoZ», «Die Zeit», «NZZ» und «Tagi» – und ein iPad. Wenn sie dieses zur Hand nimmt, wandert die rote Brille vom Haar auf die Nase.

Dass Tamm seit mehr als zehn Jahren pensioniert ist, würde man ihr so nicht ansehen. Sie sieht sich auch selbst nicht so. Vor wenigen Jahren lief sie wieder aus einem Klassentreffen raus: «Ich dachte, diese ‹Greisen-Gruppe› kann kaum meine ehemalige Klasse sein.»
Tamm wollte sich nie verstecken. Trotzdem will sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Denn jedes Mal, wenn ihr Name öffentlich erschien, füllte sich ihr Briefkasten mit Drohbriefen. Zu viele Male hat sie sich schon über diese Diskriminierung aufgeregt. Zu viele Male brachte sie, letztlich vergeblich, die Briefe zur Polizei. «Gegen diesen Rassismus ist die Polizei machtlos», sagt sie.

Holocaust wurde zum Fremdwort

In Gesprächen mit Jugendlichen merkte Tamm, dass viele Jugendliche nicht mehr wussten, was der Holocaust ist. Da beschloss sie, selbst aktiv zu werden. Sie liess sich in Schulen einladen. Denn für die Überlebende kommt es nicht infrage, dass dieses Thema aus dem Gedächtnis der Bevölkerung gelöscht wird. Die genaue Zahl der ermordeten Sinti und Roma ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass Hunderttausende sogenannte Zigeuner während des Zweiten Weltkriegs in den Fängen der Nazis landeten. Roma und Sinti verschwanden ebenso in Konzentrationslagern beispielsweise in Polen und Deutschland wie Juden, Behinderte und religiöse Minderheiten. Sie wurden geächtet, verfolgt und getötet

«Mein Vater wurde umgebracht und ich floh an der Hand meiner Grossmutter durch Europa», sagt Tamm, die ursprünglich aus Russland stammt. Wenn sie über dieses Kapitel ihres Lebens spricht, wird ihre Stimme eine Spur brüchiger und sie beginnt am goldenen Ring an ihrer Hand zu drehen. Wohl will sie darüber reden, doch die Erinnerungen scheinen übermächtig und beinahe unwirklich. Nur die Tatsache, dass ihr Vater hingerichtet wurde und zahlreiche Familienmitglieder ins KZ nach Bergen-Belsen verschleppt wurden, geben den dunklen Erinnerungen ein Gesicht.

Eines Tages kam sie in eine Razzia der Nazis: Tamm wurde mit ihrer Grossmutter in einen Raum gesperrt. Die Oma habe gesagt, sie solle ein wenig schlafen. «Ich fragte mich, weshalb ich einfach so auf dem Boden schlafen sollte», sagt sie. Doch als der Nazi-Soldat gekommen sei, habe er nur gesagt: «Wenn ihr hier schlaft, seid ihr bestimmt weder Juden noch Roma.» Er liess sie laufen. Auf die Frage, wie das alles für sie gewesen sei, zuckt sie die Schultern. «Lange dachte ich, ich hätte einfach Glück gehabt. Ich war nicht traumatisiert wie andere, doch vor einigen Jahren, als ich schwer krank wurde, kamen auf einmal alle Bilder hoch», sagt sie. Nachdem sie einige Therapiesitzungen mit einem Trauma-Psychiater hatte, ging sie zu einer Organisation für Holocaust-Überlebende. Diese kennen sich aus in der Traumabewältigung. «Dort nahm ich auch ein Tonband meiner Geschichte auf, das ich dann meinen Nachkommen hinterlassen will. Das half mir sehr.»

Als «Tschingg» in der Schweiz

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es rund 40 Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Auch Roma leben seither verstreut über die ganze Welt.

Ursprünglich wollte Tamms Mutter in die USA. Doch es kam nie dazu, sie landeten nach Italien in der Schweiz. Tamm fiel auf in der Deutschschweiz: Sie war die Einzige mit Kurzhaarschnitt und Pony: «Alle anderen trugen lange, dicke Zöpfe.» Da sie zuvor einige Jahre in Italien und im Tessin waren, redete sie nur italienisch und kein Deutsch. Sofort nannten die Kinder sie «Tschingg». Als sie das zu Hause erzählte, sagte die Mutter nur: «Das ist doch super. Solange sie nicht wissen, was du sonst noch alles bist, passt das ja wunderbar.» So kam es, dass sich Erika Tamm jahrelang als «Tschingg» vorstellte.

Als der Lehrer in der Schule auf den Holocaust zu reden kam, sagte er: «Nun ja, die Juden hätten wirklich alle gründlich verbrannt werden müssen.» Das war zu viel für Tamm. Sie stand auf: «Zum Glück sind wir nicht im Krieg, sonst müsste man Sie jetzt erschiessen.» Diese Aussage überspannte wiederum die Nerven der Schulleitung. Es folgten lange Gespräche mit dem Rektor und eine Verwarnung. Auch wenn Tamm sich selten einschüchtern liess, verheimlichte sie jahrzehntelang, Romni zu sein.

Herrin in Haus und Gemeinschaft

«Die Roma sind ursprünglich ein Matriarchat», sagt Tamm. Das heisst, die Mutter hat zu Hause sowie in der Gesellschaft das Sagen. Gleichzeitig prägen der Respekt vor dem Alter und Reinheits-Rituale den Alltag der Roma.

Tamm wollte der ganzen Welt zeigen, was sie kann. Sie bewies, dass das Vorurteil der stehlenden, bettelnden, dreckigen Romni nicht stimmte. Als junge Frau studierte sie Politikwissenschaften in Genf und später Sprachwissenschaft in London. Sie schlug sich als alleinerziehende Mutter durch. Dank ihren Studiengängen und der Flucht als Kind redet sie heute fliessend acht Sprachen. Das verhalf ihr auch zum Posten in einer internationalen Organisation. Sie flog von Land zu Land. «In den meisten östlichen Ländern Europas sind zehn Prozent der Bevölkerung Roma. Doch auf einer Peru-Reise sah ich zu meiner Überraschung ebenfalls Roma. Ich sprach sie auf Rromanes an, das hörte mein Mitarbeiter, und so kam es, dass ich meine Herkunft öffentlich machte.» Im Ausland sei dies meist kein Problem gewesen, doch in der Schweiz spürte sie den Gegenwind sofort.

Nach ihrem Outing in den 1990er-Jahren erhielt Tamm Drohbriefe. «Darin hiess es, ich solle das Land verlassen. Doch wohin soll ich gehen? Ich bin ja Schweizerin.» Freunde von ihr halten ihre Roma-Identität deshalb zeitlebens bedeckt. Ein befreundeter Arzt sagte ihr einmal. «Weshalb sollte ich mich outen? Reicht es nicht, dass ich ‹Jugo› bin, soll ich nun auch noch Roma sein?»

Nachdem sie es öffentlich machte, dass sie Romni ist, wurde Tamm zu vielen Vorträgen und Veranstaltungen eingeladen. Bei diesen sollte sie jeweils über Roma reden. Doch selbst da wurde sie verunglimpft, öfters sagten die Veranstalter: «Sie brauchen ja keinen Beamer, da sie sowieso nicht lesen können.»

Doch solche Vorurteile vertiefen mittlerweile höchstens ihre Lachfalten. Was Tamm weit mehr zu schaffen macht, sind die zunehmenden rassistischen Äusserungen, die sie selbst von Freunden zu hören bekommt. «Vor einigen Jahren hätte man noch nicht mit einem derartigen Hass auf die Roma und Juden gerechnet.»

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