Abstimmung
Zürcher Stimmvolk entscheidet über 330-Millionen-Kredit für den Ausbau der Fernwärmeversorgung

Fernwärme soll in Zürich den Weg zum CO2-neutralen Heizen mit ebnen. Den nächsten Ausbauschritt veranschlagt der Stadtrat auf 330 Millionen Franken. Am 28. November entscheidet das Stimmvolk darüber.

Matthias Scharrer
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Zürichs Fernwärme kommt aus dem Holzheizkraftwerk Aubrugg (im Bild) und aus der Kehrichtverwertungsanlage Hagenholz.

Zürichs Fernwärme kommt aus dem Holzheizkraftwerk Aubrugg (im Bild) und aus der Kehrichtverwertungsanlage Hagenholz.

zvg

Die für den Klimawandel massgeblichen Treibhausgasemissionen auf Zürcher Stadtgebiet sind seit 1990 um einen Viertel gesunken. Doch noch immer liegt der CO2-Ausstoss pro Kopf bei 4,5 Tonnen. Das ist weit entfernt vom Netto-Null-Ziel, das der Stadtrat bis 2040 erreichen will. Nun ist ein Ausbau der Fernwärmeversorgung für 330 Millionen Franken geplant. Das Stadtzürcher Stimmvolk entscheidet am 28. November darüber. Das Projekt soll wesentlich dazu beitragen, das Netto-Null-Ziel zu erreichen, wie der Stadtrat festhält. Denn Häuser, die ans Fernwärmenetz angeschlossen sind, brauchen in Zukunft kein Heizöl oder Erdgas mehr, wenn es nach den Plänen der Stadtregierung geht.

Insofern ergänzt sich die Stadtzürcher Vorlage mit der kantonalen Vorlage zum Energiegesetz, über die gleichentags abgestimmt wird. Letztere sieht den Ersatz von Öl- und Gasheizungen durch CO2-neutrale Heizsysteme vor. So wird der 28. November für das Zürcher Stimmvolk zu einem klimapolitischen Stichtag.

Es geht um jährlich 36'000 Tonnen CO2

Hauptquellen für die Fernwärme sind in Zürich die Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Hagenholz und das Holzheizkraftwerk Aubrugg. Von dort aus wird die Wärme in Form von heissem Wasser oder Dampf durch lange Rohre verteilt. Knapp ein Viertel des Stadtzürcher Siedlungsgebiets erhält heute auf diese Weise Fernwärme von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ). Dies spart, verglichen mit Ölheizungen, jährlich rund 200'000 Tonnen CO2 ein. Mit dem nun zur Abstimmung kommenden Ausbau stiege die Fernwärmeabdeckung auf 30 Prozent des Zürcher Stadtgebiets. Dadurch liessen sich gemäss Stadtrat jährlich nochmals 36'000 Tonnen CO2 einsparen.

Das Vorhaben knüpft an Bestehendes an: Zuletzt beschloss das Stadtzürcher Stimmvolk 2018 den Bau einer über sechs Kilometer langen Fernwärmeverbindung von der KVA Hagenholz nach Zürich-West für 235 Millionen Franken. Sie versorgt Zürich-West auch nach dem Ende der KVA Josefstrasse mit Fernwärme. Nun sollen bis 2040 die angrenzenden Quartiere Aussersihl, Zürich-West/Sihlquai, Wipkingen, Oberstrass, Unterstrass und Guggach daran angeschlossen werden. Dafür sind die 330 Millionen Franken gedacht, über die das Stimmvolk nun entscheidet. Der Kredit soll bis 2050 durch die Einnahmen aus der Fernwärme in die Stadtkasse zurückfliessen.

Zürichs Fernwärmenetz: Die schraffierten Gebiete sind bereits angeschlossen, die flächig-blauen sollen hinzukommen, wenn das Stimmvolk am 28. November 2021 dem entsprechenden 330-Millionen-Kredit zustimmt.

Zürichs Fernwärmenetz: Die schraffierten Gebiete sind bereits angeschlossen, die flächig-blauen sollen hinzukommen, wenn das Stimmvolk am 28. November 2021 dem entsprechenden 330-Millionen-Kredit zustimmt.

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Nach Defiziten gab es zuletzt jährlich knapp 10 Millionen Franken Gewinn

Die erste Fernwärmeleitung entstand in Zürich 1927. Heute ist das städtische Fernwärmenetz über 150 Kilometer lang und bedient 6400 Liegenschaften. Nachdem die Fernwärme wegen der hohen Investitionen Ende der 1990er-Jahre defizitär war, warf sie zuletzt laut Stadtrat jährlich einen Gewinn von knapp 10 Millionen Franken ab.

Ganz ohne Treibhausgas wärmt sie allerdings noch nicht: Aktuell ist die Zürcher Fernwärme lediglich zu 70 Prozent CO2-neutral. Bei besonders hohem Heizbedarf wird zusätzlich fossil eingefeuert. Letzteres soll bis 2040 wegfallen, wobei in Spitzenzeiten auch Biogas zum Einsatz käme. Voraussetzungen dafür sind der geplante Bau einer dritten Verbrennungslinie in der KVA Hagenholz und die Erneuerung des Holzheizkraftwerks Aubrugg.

Doch der nun zur Abstimmung kommende Kredit hat damit nur indirekt zu tun: Er dient dem Anschluss der erwähnten Quartiere ans gewachsene Fernwärmenetz. Die Bauarbeiten dafür will der Stadtrat mit anderen Strassenbau- und Werkleitungsprojekten so koordinieren, dass die Zahl der Baustellen möglichst tief bleibt.

Allein die SVP ist gegen den 330-Millionen-Kredit

Das Zürcher Stadtparlament hiess den 330-Millionen-Kredit mit 102:17 Stimmen gut. Dagegen ist allein die SVP. Sie kritisiert das Fernwärmenetz als ineffizient und forderte stattdessen direkte Stromproduktion zum Heizen. Gemäss ERZ-Angaben beträgt der Wirkungsgrad vom Verbrennen des Kehrichts in der KVA Hagenholz bis in die Heizungen der angeschlossenen Häuser 75 Prozent. Der zuständige Stadtrat Richard Wolff (AL) betonte im Parlament, es sei am sinnvollsten, Wärme direkt als Wärme zu verwenden, da jede Energieumwandlung mit Verlusten verbunden sei.

Zudem stört sich die Opposition daran, dass das heutige Fernwärmesystem nicht ohne Erdgas und Heizöl auskommt. Unklar sei ausserdem, wie sich die Tagesspeicherkapazitäten, die Holzenergie und der Einsatz von Biogas künftig entwickeln.

Auch süddeutscher Abfall wird zu Zürcher Fernwärme

Auch belaste die teils überregionale Anlieferung des Abfalls an die KVA Hagenholz die Umwelt. Allerdings ist kantonal vorgeschrieben, den Abfall dort zu verbrennen, wo die Wärme am effizientesten nutzbar ist, wie Stadtrat Wolff entgegnete. Und in einer Grossstadt sei die Dichte an Abnehmerinnen und Abnehmern von Wärme nun mal am grössten.

Laut ERZ-Angaben waren von den 250'000 Tonnen Abfall, die 2020 im Hagenholz verbrannten, 40 Prozent Siedlungskehricht aus der Stadt Zürich. 18 Prozent stammten von Vertragsgemeinden im Kanton Zürich und 42 Prozent von Privaten und Unternehmen, hauptsächlich ebenfalls aus dem Kanton Zürich; letztere Kategorie umfasst aber auch 8000 Tonnen aus dem süddeutschen Landkreis Waldshut, mit dem ein langjähriger Abfall-Liefervertrag besteht.

250'000 Tonnen Abfall werden jährlich in der KVA Hagenholz verheizt.

250'000 Tonnen Abfall werden jährlich in der KVA Hagenholz verheizt.

Keystone

Ein weiterer Kritikpunkt der SVP zielt auf die Wirtschaftlichkeit der Fernwärme ab. Diese hängt davon ab, wie viele Gebäude angeschlossen sind. Der Stadtrat rechnet langfristig mit einer Anschlussquote von über 70 Prozent; heute liege sie in den bereits erschlossenen Gebieten bei 60 Prozent. Die höhere künftige Quote will der Stadtrat erreichen, indem Gas durch Fernwärme ersetzt wird, Gemeinschaftsanschlüsse forciert und Hausanschlüsse in Neubaugebieten vorinstalliert werden.

Daher drohe früher oder später eine Anschlusspflicht, warnte die Opposition im Gemeinderat. Die Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer sollten aber laut SVP frei entscheiden können, welches Heizsystem sie nutzen. Diese Freiheit stellt auch die kantonale Vorlage zum Energiegesetz in Frage. Der Kampf gegen den Klimawandel habe jedoch Vorrang gegenüber dem Recht auf freie Heizungswahl, findet die Mehrheit der Parteien.

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