Buchbesprechung

Zu wenige Wohnungen, zu wenig Verdichtung, zu hohe Steuern: Die Zürcher FDP lässt in neuem Buch Dampf ab

In Zürich Altstetten künden Baugespanne rund um Bahnschuppen die nächste Stufe der Verdichtung an.

Die Stadtzürcher FDP liefert «Liberale Antworten auf urbane Fragen».

Die Zeichen der Zeit sind unverkennbar: Entlang der Limmattalbahn, deren Gleise sich durch Schlieren schlängeln und die Ende August anrollt, wechseln sich alte Arbeiterhäuser mit neuen Büro- und Wohnblöcken ab. In Zürich Altstetten ragen Baugespanne um alte Bahnschuppen in den Himmel und zeigen die nächste Stufe der Verdichtung an. Im Zentrum Zürichs wächst mit der Europaallee ein neuer Stadtteil, der sich in den letzten Jahren schon zusehends belebt hat. Verstädterung und Verdichtung sind in vollem Gang: «Mehr als 80 Prozent der 8,4 Millionen Menschen in der Schweiz wohnten gemäss Bundesamt für Statistik 2016 mittlerweile im städtischen Gebiet», schreibt Kurt Fluri (FDP). Der Stadtpräsident von Solothurn und Präsident des Schweizerischen Städteverbands ist einer der Autoren, die im Buch «Liberale Antworten auf urbane Fragen» zu Wort kommen. Herausgeber ist die Stadtzürcher FDP, die das Buch gestern vor den Medien präsentierte.

Die FDP hat ein Problem: Die Städte wachsen, doch politisch tendieren sie nach links – allen voran Zürich. Zwar konnte die FDP dort letztes Jahr ihren Wähleranteil leicht steigern und wurde dank des Absturzes der SVP zweitstärkste Partei. Doch gleichzeitig errangen SP, Grüne und AL die absolute Mehrheit und können seither noch stärker als zuvor die Politik der Stadt prägen. Entsprechend hat der Zürcher Freisinn einiges zu kritisieren. Die Herausgeber tun dies geballt im Vorwort ihres Buchs: Zu wenige Wohnungen würden gebaut, zu wenig werde verdichtet – und die Steuern senke die Stadt trotz sprudelnder Einnahmen auch nicht. Dafür gängle sie Unternehmen mit peniblen Vorschriften, toleriere rechtsfreie Räume und bremse private Initiativen aus. Wer die Stadtzürcher Politik verfolgt, kennt dieses Klagelied.

«An den Rändern glüht Zürich»

Interessanter sind die darauf folgenden Aufsätze. So fordert Matthias Daum, Leiter des Schweizer Büros der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit»: «Löst die Stadt auf.» Sein Befund: Von Aarau bis Weinfelden, von Schaffhausen bis Luzern entstehe ein städtisches Gebiet. Dabei wachse nicht nur die Stadt ins Umland hinaus, sondern neu auch das Umland in die Stadt hinein. «In Schlieren, in Dietikon oder in Altstetten entstehen riesige Wohnüberbauungen und imposante Hochhaus-Alleen. Nicht in der Innenstadt, an den Rändern und in den Agglomerationen glüht Zürich.»

Im Herzen Zürichs entsteht mit der Europaallee ein zunehmend belebter neuer Stadtteil.

Im Herzen Zürichs entsteht mit der Europaallee ein zunehmend belebter neuer Stadtteil.

Die politischen Strukturen seien für diese Entwicklung nicht geeignet: Die Stadt Zürich mit ihrer traditionell grossen Administration neige zur Überregulierung, während die Vorortsgemeinden schnell überfordert seien, wenn Probleme zu komplex würden. Daums Vorschlag besteht darin, den Grossraum Zürich in Einheiten mit je 50'000 bis 100'000 Einwohnerinnen und Einwohnern aufzuteilen. Als Beispiel nennt er einen Zusammenschluss der Stadtquartiere Albisrieden und Altstetten mit Schlieren, Urdorf und Uitikon. Dies wäre, so Daum, «ein ökonomisches Kraftwerk sowie ein gewichtiger Bildungs- und Forschungsstandort».

Die Aufgaben einer solchen neuen politischen Einheit wären etwa Kinderbetreuung, Primarschule und Gemeindestrassen. Der Kanton übernähme zusätzliche Aufgaben, die er faktisch schon jetzt erfülle – vom öffentlichen Verkehr bis zum Gesundheitswesen.

Heute mag Daums Idee utopisch klingen. Doch utopisch war für die Leute von Altstetten und Albisrieden einst wohl auch die Vorstellung, dass sie einmal zur Stadt Zürich gehören würden.

Interessant am Buch ist auch, wie freisinnige Autoren politischen Strategien des rot-grünen Zürich durchaus Positives abgewinnen: So schreibt etwa Kurt Fluri in seinem bereits erwähnten Essay: «Der gemeinnützige Wohnungsbau kann dazu beitragen, die soziale und altersmässige Durchmischung der Bevölkerung in einem Wohngebiet zu fördern.»

Entlang der Limmattalbahngleise in Schlieren wechseln sich alte Arbeiterhäuser mit neuen Wohn- und Büroblöcken ab.

Entlang der Limmattalbahngleise in Schlieren wechseln sich alte Arbeiterhäuser mit neuen Wohn- und Büroblöcken ab.

Und Balz Hösly, heute Präsident der Standortmarketingorganisation Greater Zurich Area, einst Kantonsrats-Fraktionschef der Zürcher FDP, hält fest: «Kein Unternehmen entscheidet sich heute – wie vielleicht noch vor zehn, fünfzehn Jahren – alleine wegen der Steuern für einen bestimmten Standort.» Entscheidend sei erstens die Lebensqualität, zweitens die Verlässlichkeit des rechtlichen Umfelds und drittens ein unternehmensfreundliches Umfeld. Zum dritten Punkt sagt Hösly: «Im internationalen Quervergleich haben wir wenig Bürokratie und relativ mässige Regulierungen.» Die Stadt Zürich habe allerdings «immer wieder Mühe mit einer vernünftigen Balance von Staat und Gesellschaft».

In öffentliche Räume investieren

Auch Vertreter aus der Wirtschaft kommen im Buch zu Wort: So plädiert Andreas von Euw von der Firma Burri Public Elements, die die Tramstationen der Glattalbahn und der Limmattalbahn ausstattet(e), für Investitionen in eine hochwertige Gestaltung des öffentlichen Raums. Diese würden bei Grossprojekten oft nur einen Bruchteil des Budgets, aber einen Grossteil der Atmosphäre ausmachen – und so die weitere Entwicklung entscheidend prägen.

Punkto Verkehr fordert Thomas Wellauer, Mitglied der Swiss-Re-Geschäftsleitung, mehr Mut zum Risiko. Gemeint sind Anreize, um die Überlastung des Verkehrssystems in den Stosszeiten zu vermeiden. So bezahle Swiss Re ihren Mitarbeitenden einen Teil der Abo-Kosten für öffentliche Verkehrsmittel (öV) und «Publibikes».

Fazit: Das Buch «Liberale Antworten auf urbane Fragen» liefert spannende Denkanstösse, die weit über das im Politalltag übliche Parteiengezänk hinausgehen.

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