Limmattalbahn

Zeitdruck vor dem Schlierefäscht: Auf der Farbhof-Baustelle läuft jetzt die Intensivbauphase

Der Farbhof ist zur Intensivbaustelle geworden. Die Bauarbeiter sind derzeit bis in die Nacht aktiv, damit die Limmattalbahn pünktlich zum Schlierefäscht losfahren kann.

Der Feierabendverkehr ist längst vorbei. Nur noch vereinzelte Autos kreisen um 22 Uhr um die Baustelle der ersten Etappe der Limmattalbahn am Farbhof in Zürich Altstetten. Die Ampeln sind ausgeschaltet, stattdessen zeigen Sicherheitskräfte in gelben Westen den Automobilisten die Richtung. Wer die Abzweigung verpasst, fährt einige Dutzend Meter geradeaus, bis er wieder über die Gleise der Badenerstrasse fahren und umkehren kann.

«Es ist praktischer, in der Nacht zu arbeiten, da es weniger Leute und auch weniger Verkehr hat», sagt Nils Aegerter, Implenia-Vorarbeiter auf der Limmattalbahn-Baustelle am Farbhof. Doch nicht nur die Tageszeit, auch die Jahreszeit wurde bewusst gewählt. Während sich in den Sommerferien viele am Strand vergnügen, nutzen die Bauarbeiter die Zeit und den Platz, um die Heimat umzugestalten. «Wir hoffen, dass wir während der Sommerferien weniger Anwohner stören», sagt Urs Meierhofer, Bauleiter von Gruner Wepf. Wenn die Urlauber wiederkommen, werden sie den Farbhof wohl kaum wiedererkennen. Dieser wird zurzeit von je 15 Bauarbeitern im Zweischichtbetrieb umgebaut.

Damit die Bauarbeiter alles rechtzeitig bis Ende August fertigstellen können, läuft seit ein paar Wochen die Intensivbauphase. «Vor kurzem sah es hier noch ganz anders aus», sagt Meierhofer. In diesen Tagen verändere sich die Baustelle täglich. Erst vor wenigen Tagen vermeldete die Limmattalbahn AG, dass beim Farbhof die letzten Gleise verlegt und zusammengeschweisst wurden. Auch spätabends bleiben immer wieder ältere Herren an der gestreiften Bauabschrankung stehen und begutachten die Baufortschritte.

Sprachbarriere mit Händen und Füssen überwinden

Aegerter arbeitet bereits seit sieben Jahren auf dem Bau. Als Schweizer gehört er dabei zur Minderheit. Viele Bauarbeiter, die sich um die Schweizer Strassen kümmern, sind Portugiesen. «Mittlerweile kann ich mich auch mehr oder weniger auf Portugiesisch verständigen», sagt Aegerter. Doch die Kommunikation sei meistens amüsant und bestehe aus Worten und Gebärden.

Neben Aegerter fahren Maschinen über den Boden. Ihre vibrierenden Platten verdichten die Erde, damit diese schliesslich dem Drucktest standhält. Dieser Test bestimmt, ob der Boden stark genug ist, um die Gleise mitsamt der Bahn zu tragen.

Strassenbau ist vergleichbar mit einem Gebäude-Umbau

Nicht nur im Nachhinein werden Tests absolviert, bereits vor dem Baustart führten die Bauunternehmungen Testbohrungen durch. Doch nicht alles kann im Vorhinein abschliessend beurteilt werden: «Als wir merkten, dass der Boden unter den alten Gleisen zu einem Grossteil aus Lehm besteht, mussten wir noch mehr als geplant ausheben und ersetzen», sagt Meierhofer. Es sei zwar kein grosses Manöver gewesen, hätte aber ein paar zusätzliche Lastwagen erfordert. Meierhofer ist davon nicht überrascht: «Eine solche Baustelle ist wie ein Umbau eines Gebäudes, man weiss nie, was zum Vorschein kommt.» Alte Stromleitungen, andere nicht vermerkte Leitungen, Schadstoffe oder ein unterirdischer Bach: Alles sei denkbar. Tatsächlich führt direkt neben dem Farbhof ein Bach hindurch. «Diesen haben wir aber bereits vor der Intensivbauphase verlegt», sagt Meierhofer.

Grundsätzlich sei er sehr zufrieden damit, wie der Tief- und Strassenbau am Farbhof laufe. Das ist wichtig, denn der Termindruck, um die Bahn wie versprochen am Schlierefäscht in Betrieb zu nehmen, sitzt den Bauarbeitern im Nacken. Doch auf dem Bau müsse man sich immer an Termine halten: «Man gewöhnt sich an den Zeitdruck», sagt Aegerter. Dieses Mal ist es so, dass die Bahn am 2. September pünktlich losfahren muss, egal was dazwischenkomme. «Selbst wenn sie über Dreck fährt», sagt Meierhofer.

Baggerscheinwerfer ersetzen das Sonnenlicht

Damit es weiter wie geplant läuft, nutzen die Bauarbeiter die verbleibenden Tage und Stunden so gut wie möglich aus. Im Zweischichtbetrieb planieren, vermessen und asphaltieren sie die Baustelle. Sobald die Dämmerung einsetzt, verwenden sie Bagger-Scheinwerfer als mobile Lichtquellen.

Für manche ist es ein Vorteil, nicht am Tag zu arbeiten. «Ich kann dafür am Morgen ausschlafen», sagt der Bauarbeiter Fernando Leite. Zudem sei es nicht ganz so heiss. Der Portugiese arbeitet bereits seit 20 Jahren auf dem Bau. «Auch wenn ich als Lastwagenfahrer arbeiten könnte, so viel Spass wie auf dem Bau hätte ich dabei nicht. Deshalb bin ich hier.» Anderen wie dem Baumaschinenführer Andi Sakowski ist es lieber, wenn die Nachtarbeit die Ausnahme bleibt. «Man hat ja zu Hause auch noch eine Familie. Zudem ist der Mensch eigentlich nicht dafür gemacht, in der Nacht zu arbeiten», sagt er. Solange die Nachtarbeit jedoch nicht zur Regel werde, könne er sich gut damit arrangieren.

Sakowski arbeitet bereits seit über 40 Jahren auf dem Bau. Im Unterschied zu früher sei die Arbeit heute körperlich viel weniger anstrengend, dafür müsse man sich stärker konzentrieren, wenn man Maschinen bediene. Und der Zeitdruck, der sei auch noch da.

Aegerter ist froh, dass es in der Nacht ein wenig kühler ist als tagsüber. «Man muss sich zeitlich ein wenig umstellen, aber dann geht das In-der-Nacht-Arbeiten gut und ist sogar angenehmer, als wenn die Sonne mit voller Kraft auf den Asphalt scheint», sagt er. An so einem Tag werde es in einem Erdgraben schnell sehr warm. «Da trinke ich täglich jeweils etwa 4,5 Liter», sagt Aegerter.

Um 22.30 Uhr weist Aegerter die Baumänner an, «ein wenig Ordnung» auf der Baustelle zu schaffen. Die nächste Schicht wird um 5 Uhr beginnen. Bis dahin löschen die Bauarbeiter die Lichter an den Baggern, verstauen ihre Werkzeuge und verräumen ihre orangen Schutzkleider, die Helme und Sicherheitsschuhe in die Baracken.

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