500 Jahre Reformation

Wie einst Zwingli: Volkshochschule lädt zum gemeinsamen Übersetzen der Bibel

Die Veranstaltungen finden in Gross- (links) und Fraumünster (rechts) statt.

Die Veranstaltungen finden in Gross- (links) und Fraumünster (rechts) statt.

Die Bibel übersetzen als Happening. Das verspricht eine Reihe von vier Veranstaltungen in Frau- und Grossmünster. Vorbild ist die Phrophezey, wie sie Zwingli einst durchführte.

Das Volk möge verstehen, was in der Bibel steht, fand Huldrych Zwingli. So setzte er sich hin und übersetzte sie. – Ganz so einfach war es nicht. Zwar lag bereits die Übersetzung des Neuen Testamentes durch Martin Luther vor, veröffentlicht 1522. Aber es gab noch keine Hochsprache, welche sich über die vielen deutschen Dialekte spannte. Luther lehnte sich ans Sächsische Kanzleideutsch an – das in Zürich niemand verstanden hätte. Kam hinzu, dass Hebräisch (Urtext Altes Testament, neben Aramäisch), Griechisch (Neues Testament) und Latein auch für den gebildeten spätmittelalterlichen Theologen teils knifflige Fremdsprachen darstellten. Auch stimmte das Geschriebene in den drei Sprachen nicht immer überein.

Bei dieser Ausgangslage hätte das Projekt in eine trockene, langwierige und einsame Gelehrtenarbeit münden können. So war es aber nicht, sagt Niklaus Peter, Pfarrer im Fraumünster. Er spricht von «Happenings der Zürcher Bibelübersetzung». Denn Zwingli hielt sich an den 1. Korintherbrief 14.3: «Wer prophetisch redet, spricht zu Menschen: Er erbaut, ermutigt, tröstet.» Und so scharte Zwingli nicht nur Gelehrte um sich, damit sie ihn in seinem Vorhaben unterstützten, sondern er tauschte sich mit ihnen öffentlich aus. Die Sitzungen fanden ab Juni 1525 statt. Orte des Geschehens waren der Hochchor des Grossmünsters und der Chor des Fraumünsters. Der Anlass nannte sich Prophezey. Wer wollte, durfte den gelehrten Geistern zuhören.

Zuerst wurde der Bibeltext in der allen bekannten lateinischen Version (Vulgata) vorgelesen, dann das hebräische Original des Alten Testamentes, dann die griechische Septuaginta-Übersetzung – beim Neuen Testament kam nach der Vulgata gleich der griechische Urtext. Dann wurde auf Deutsch übersetzt und gebetet, oder wie Heinrich Bullinger, Zwinglis Nachfolger am Grossmünster, schrieb: «Zuo letst zeigt ein prediger ouch in Tuetsch an, was in den sprachen gelert ist, mitt zuogethanem gebaett».

Profilierte Mitstreiter

Mehr oder weniger genau so soll der Anlass nun wieder aufleben, und zwar in vier Veranstaltungen der Zürcher Volkshochschule im Rahmen der Feierlichkeiten rund um das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation. Sie finden im Grossmünster und Fraumünster statt. Zwei werden von Pfarrer Peter geleitet, die anderen zwei von Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch. Im Mittelpunkt jeder Prophezey steht ein kurzer Kerntext aus der Bibel.

Peter und Rüsch haben sich profilierte Mitstreiter organisiert, Alttestamentler Konrad Schmid zum Beispiel oder Thomas Muggli-Stokholm, Pfarrer in Bubikon und Gewinner des deutschen Predigpreises 2017, oder Tania Oldenhage, feministische Theologin und Pfarrerin in Fluntern. Aber auch Altphilologe Klaus Bartels wird teilnehmen. «Es darf ruhig auch etwas kontrovers zu und her gehen», sagt Peter. So wie es damals auch gewesen sei. Von den Pfarrern in der Runde erhofft er sich, dass sie in ihrer Gemeinde jeweils eine kleinere oder Grössere Anhängerschaft mobilisieren.

Auf die Verlesung des lateinischen Textes wird der Einfachheit halber verzichtet. Dafür werden die Anlässe musikalisch umrahmt und klingen mit einem festlichen Apéro aus. Da es sich um Veranstaltungen der Volkshochschule handelt, sind sie allerdings nicht gratis, sondern kosten je 30 Franken. Auch die Anmeldung erfolgt über die Volkshochschule.

Neben den Luther-Socken

Peter findet, dass das Reformationsjubiläum teils auch seltsame Blüten treibt. Dass etwa Luther-Socken verkauft werden, findet er eher komisch. Umso mehr liege ihm diese Veranstaltungsreihe am Herzen, sagt er. Denn sie verweise auf den Kern der Reformation, das Wort und die Schrift, und sie zeige auf, dass der Weg dorthin etwas sehr Lebendiges gewesen sei.

Gekrönt wurde er 1531 mit dem Erscheinen der bei Christoffel Froschauer gedruckten Zürcher Bibel. Sie war die erste Gesamtbibel, also mit Altem und Neuem Testament, in deutscher Sprache. Luther war erst drei Jahre später soweit.

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