Kunst

Was von einem grossen Künstler übrig bleibt — die Familie öffnet die Tore des Ateliers

Ab heute Samstag zeigt die Familie des 2018 verstorbenen Plastikers Jürg Altherr Arbeiten, die in seinem Schlieremer Atelier zurückblieben. Der für grosse und schwere Werke bekannte Altherr zeigt dort auch seine filigrane Seite.

Die Trauernden sollten nicht zu Boden schauen, sondern nach oben, wo der Himmel von seiner Skulptur umrahmt wird. Mit dieser Leitidee gestaltete Jürg Altherr 2010 das Gemeinschaftsgrab des Friedhofs Albisrieden. Die meterhohen Eisenstangen des Windrechens, so der Titel der Skulptur, sorgten für Aufruhr bei der Quartierbevölkerung. Es ging sogar so weit, dass sich Altherr in einer öffentlichen Veranstaltung erklären musste. «Zahlreiche seiner Werke erzürnten die Bevölkerung – das war zwar hart, aber für ihn war das nichts Neues», sagt Johanna Altherr. Die Tochter des 2018 verstorbenen Plastikers steht gemeinsam mit ihrer Mutter Thea Altherr im Atelier ihres Vaters auf dem Schlieremer Gaswerk-Areal. Hier hat Johanna Altherr nicht nur immer wieder gemeinsam mit ihrem Vater gewirkt, sondern seit rund einem Jahr mit Kunsthistoriker Stefan Wager den Nachlass ihres Vaters aufgearbeitet. Noch bis vor wenigen Wochen war das Atelier mit alten Werken, Modellen und Skizzen gefüllt, heute ist alles angenehm übersichtlich. Wie viele Werke genau geblieben sind, will Johanna Altherr nicht preisgeben. Aber: Eines davon ist das Modell des Windrechens im Massstab eins zu zwanzig.

Ab kommendem Samstag öffnen die beiden Frauen die Tore des Ateliers an drei Wochenenden. Denn bis zum kommenden März muss das Atelier geräumt sein, da Kunstschaffende der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB) nachrücken und den Raum in Beschlag nehmen wollen.

Die Archivierung solcher Werke ist sehr kostspielig

«Anhand der Werkdokumentation, mit der ich seit dem Tod meines Vaters beschäftigt bin, wollten wir uns einen Überblick über das Vorhandene schaffen, sodass wir mit Kulturinstitutionen in Kontakt treten können.» Optimal wäre es, wenn solche Institutionen etwas kaufen würden oder eine Schenkung oder Dauerleihgabe annehmen würden, sagt Johanna Altherr. Denn: «Die fachgerechte Archivierung solcher, teils übergrosser, Werke ist kostspielig.»

Die wohl harteste Arbeit sei das Loslassen von gewissen Werken gewesen, sagt Johanna Altherr. «Besonders schmerzhaft war etwa die Entsorgung von zwei Kartonwänden, die wir zusammen gebaut hatten. Doch gehörten sie schlichtweg nicht zu jenen Arbeiten, die sich derzeit weiterverwenden lassen.»

Die Werke, die im ganzen Raum und auf zwei Zwischengeschossen verteilt stehen, verschaffen einen Querschnitt durch Altherrs Schaffen. Die Arbeiten aus seinen jungen Jahren muten tollkühn an. Dies zeigen etwa die Fotos der Wasserplastik, die er gemeinsam mit seinen Studenten 1979/80 unter der Kuppel der ETH erstellte. Eine Plastikfolie, einen halben Millimeter dick, wurde mit gespannten Stahlseilen unterlegt und anschliessend mit mehreren Hektolitern Wasser gefüllt, sodass die entstandene Skulptur, die augenscheinlich in der Kuppel schwebte, als Schwimmbad genutzt werden konnte. «Rückblickend ist dies eines der Schlüsselwerke meines Mannes», sagt Thea Altherr.

Jürg Altherr im Jahr 2013.

Jürg Altherr im Jahr 2013.

Der Turm von Uster hätte eigentlich begehbar sein sollen

Die Werke, die in seinen letzten Schaffensjahren entstanden, waren weitaus weniger waghalsig. Eine seiner letzten Arbeiten im Jahr 2014 ist der rund vier Meter hohe Uterus Altar aus Karton. Ein Material, das er trotz seiner allmählichen Altersschwäche gut bearbeiten konnte. «Karton gab ihm die Möglichkeit, viel auszuprobieren,» sagt Thea Altherr, während ihre Tochter Johanna ins innere der kokonartigen Skulptur tritt und erklärt, dass sich das Werk auch durch seine Farbe Rot von den anderen Arbeiten abhebt. Nun tritt auch Thea Altherr hinein und die beiden Frauen schauen in die Höhe, dann wieder auf die Kartonprismen, aus denen die Arbeit gefertigt ist. Wie kam er wohl auf diesen Titel? «Keine Ahnung. Die Namen seiner Werke hatten immer ein Denkanstoss», sagt Thea Altherr und verlässt den Uterus Altar.

Auch nach dem Tod des Künstlers schlug sein Schaffen hohe Wellen. Besonders sein Turm von Uster, wie er zwischenzeitlich genannt werden könnte, schaut auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Die Auftragsarbeit wurde erst von der Bevölkerung von Wald, wo sie ursprünglich hätte aufgestellt werden sollen, bekämpft. Schliesslich schenkte sie der Besitzer der Stadt Uster, die aber erst keinen Standort dafür fand. Nachdem die 12-Tonnen-Skulptur diesen Sommer auf dem Ustermer Zeughaus-Areal aufgestellt werden konnte, kam der herbe Rückschlag. Zwei Seile, sie wiegen rund 60 Kilogramm, lösten sich und fielen zu Boden. Aus Sicherheitsgründen wurde der Turm rückgebaut. Derzeit wird er saniert.

Seine Arbeiten sollten an die Grenzen der Physik gehen

Das erste Modell des Ustermer Turms ist im Schlieremer Atelier zu finden. Doch bemerkt man erst auf den zweiten Blick, dass es sich um eine Vorstufe des besagten Projektes handelt. «Ursprünglich hätte der Turm rund 30 Meter hoch und begehbar sein sollen», sagt Nora Altherr, die zweite Tochter, die zwischenzeitlich dazugestossen ist. Er wird nicht etwa durch ein Fundament gehalten, sondern vom Gewicht der Stahlseile. Das Modell lässt sich sogar bewegen und hätte jenen, die sich auf die Spitze getraut hätten, sicher viel Mut abverlangt. «Mein Vater wollte mit zahlreichen seiner Arbeiten die Grenzen der physikalischen Gesetze ausloten», sagt Johanna Altherr.

Dies zeigte auch ein Werk, das in Schlieren zu sehen war. Der Schlitz, eine sechs Meter hohe, schräg stehende Stahl-Plastik, die aus Sicht des Betrachters beinahe zu kippen drohte, wurde im Rahmen der Ausstellungsreihe Skulptur Schlieren vor dem Stadthaus ausgestellt, wo er bei Betrachtern und Passanten für viel Gesprächsstoff sorgte. Heute hat das Werk seinen festen Platz im appenzellischen Teufen.

«Solche Diskussionen um die Werke meines Vaters gehörten bei uns halt einfach dazu», sagt Johanna Altherr. Der Künstler fand seine letzte Ruhe übrigens dort, wo er einst für die wohl grösste Unruhe gesorgt hatte: im Gemeinschaftsgrab des Friedhofs Albisrieden unter dem umstrittenen Windrechen.

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