So mancher schluckte leer, als das 66 Jahre alte Postauto im Wiesentäli auf den Forsthausweg einbog. Fährt der wirklich diesen engen, steilen Kiesweg hoch? Doch Postauto-Profi Urs Christen aus Oberwil-Lieli hatte den alten Saurer im Griff, als er am Samstagmittag die erste Sightseeing-Tour anlässlich des Rebblüetefäscht durchführte. Auch auf dem Beifahrersitz hätte man sich keinen besseren vorstellen können: Alt Gemeindepräsident Hanspeter Haug erzählte als Reiseleiter spannende Anekdoten zur drittgrössten Rebgemeinde im Kanton. Auf dem Forsthausweg sprach er etwa von der 1836 gegründeten Holzkorporation, die 120 Hektaren des Weininger Walds besitzt.

Den Wald oberhalb des Wiesentäli hatte es 1545 noch nicht gegeben. An seiner statt stand Weideland. Wegen der Rechte daran lagen sich die Weininger und Dälliker damals in den Haaren. Die Weininger Kühe bedienten sich am Dälliker Territorium. «Das Kantonsgericht entschied dann, dass die Grenze einzuhagen sei», erzählte Haug. Mit dem neuen Hag kehrte dann der Frieden ein. Der Ort, wo der Frieden damals besiegelt wurde, heisst noch heute Fridhag. Erst letztes Jahr trafen sich Vertreter der beiden Nachbargemeinden wieder beim Fridhag, um auf die freundnachbarschaftliche Beziehung anzustossen, wie Haug weiter erzählte. Mit seinen Geschichten zog er die Postauto-Passagiere in seinen Bann.

Auf den alten Ledersitzen sass viel Limmattaler Politprominenz, die sich davor zum traditionellen Gäste-Empfang getroffen hatte. So etwa die Gemeindepräsidentinnen Sandra Rottensteiner (Urdorf) und Rahel von Planta (Oetwil), die Geroldswiler Schulpräsidentin Daniela Kugler oder die Urdorfer Kantonsrätin Sonja Gehrig. Auch viele Vertreter von Kommissionen, Feuerwehren und weiteren Milizinstitutionen wie zum Beispiel von Vereinen liessen sich den offiziellen Akt vor der Showbühne nicht entgehen, zu dem die Jugendmusik rechtes Limmattal aufspielte, die im November ihr 50-Jahre-Jubiläum feiern wird. «Es ist mir ein Anliegen, darauf hinzuweisen, wie viel Engagement von einzelnen es braucht, damit ein Dorf funktioniert. Die Miliz ist ein Schatz, dem wir Sorge tragen müssen», sagte der Weininger Gemeindepräsident Mario Okle in seiner Rede. Sein Loblied auf die Miliz kulminierte in den Worten: «Ich wünsche allen ganz ein kurzweiliges Festerlebnis, in dem sich Weiningen und seine Miliz von seiner allerbesten Seite zeigt.»

Langjährige OK-Mitglieder geehrt

Zu den besten Beispielen für diese Miliz gehören Walter Frei, Werner Ehrsam und Hans-Heinrich Haug, die sich seit der ersten Durchführung vor 25 Jahren tatkräftig fürs Rebblüetefäscht einsetzen – Haug die letzten 13 Jahre als OK-Präsident. Sein Nachfolger Jakob Haug junior ehrte und beschenkte die drei beim offiziellen Akt auf der Bühne.

Auf die Bühne trat auch Kaspar Reutimann, Präsident des 100 Jahre alten Verbands Wald Zürich. Der Festredner produziert im Stammertal selber Wein. «Ihr Weininger habt natürlich den besten Ortsnamen, den man sich nur denken kann», sagte Reutimann. Dem Gemeindepräsidenten Okle übergab er eine junge Eiche (von der Art Traubeneiche, um genau zu sein), die noch im Dorf gepflanzt werden soll.

Während Okle ein mit Reb-Stickereien verziertes Gewand trug, hatte OK-Präsident Haug eine Rebblüetefäscht-Krawatte umgebunden. Er ehrte in seiner Rede auch die Reben. «Sie präsentieren sich zurzeit von ihrer schönsten Seite und blühen pünktlich zum Fest. Nach einem etwas verhaltenen Start in den Frühling, sind sie jetzt richtig vor Lebensfreude explodiert und in die Höhe geschossen», so Haug. Es ist diese sommerliche Lebensfreude, die sich jedes Jahr auch auf die Festgemeinde überträgt und die es dem OK auch ermöglicht, sich zu erneuern. So waren heuer Fabian Korn (zuständig für die Kommunikation), Harry Landis (Unterhaltung) und Rolf Bärenbold (Finanzen) neu dabei. Die Zusammenarbeit im aufgefrischten OK sei lässig, erklärte Haug.

Rekordverdächtiger Sonntag

Das vielfältige Programm kam denn auch heuer gut an. Angefangen hatte das Fest am Freitag, wo der Auftritt des Zürcher Singer-Songwriters Nickless zu den Höhepunkten zählte. Neben den Postautofahrten waren die Säulirennen einmal mehr ein Publikumsmagnet. Auch das Gewitter am frühen Samstagabend tat der Freude keinen Abbruch, wettersichere Festbeizen gab es schliesslich genug. Es musste aber ein Säulirennen sowie der Auftritt der Zürcher Akrobatik-Künstler Bardogs abgesagt werden. Spontan waren diese bereit, ihren Auftritt gestern Abend nachzuholen. Und als es am Samstag um 22 Uhr weiterhin regnete, feierten die jüngeren Besucher mit Kapuzen und Regenschirmen den Auftritt der Berliner Hip-Hop-Band Smith & Smart bei der Traktor-Bar. Als sich gestern Sonntag das Wetter wieder von seiner guten Seite zeigte, kam es dann zu einem Grossaufmarsch. «Für einen Sonntag ist es Wahnsinn, wie viele Leute gekommen sind. Es war ein Mega-Abschluss, es ist richtig schön», sagt OK-Präsident Haug, der ein zufriedenes, positives Fazit zu den drei Tagen zieht. «Die Stimmung war einmal mehr super. Auch die Rückmeldungen von den Besuchern sind sehr aufbauend und motivierend», so Haug.

Motivierende Rückmeldungen helfen dem OK jetzt. Denn heute starten die Bauarbeiten an der Ortsdurchfahrt, die bis März 2021 dauern (einzig die Arbeiten an der Regensdorferstrasse, die nicht zur Festmeile gehört, dauern bis Dezember 2021). 2020 findet das Fest daher nicht auf der Badenerstrasse statt. Das Rebblüetefäscht-OK wird nun besprechen und abwägen, wie für die nächsten ein bis zwei Jahre geplant wird.