Bildung

Von Lehrerin zur Coiffeuse — mit 55 Jahren startet diese Dietikerin wieder eine Lehre

Waschen, legen, föhnen: Iris Nydegger lernt mit 55 Jahren das Einmaleins des Frisierens.

Waschen, legen, föhnen: Iris Nydegger lernt mit 55 Jahren das Einmaleins des Frisierens.

Die Theologin und Pädagogin Iris Nydegger beginnt mit 55 Jahren die Lehre als Coiffeuse in Dietikon. Zuvor arbeitete sie als Lehrerin.

Iris Nydegger sprüht Wasser auf den Kopf vor sich. Dieses tropft langsam über die glatten Haare auf den Boden. Währenddessen bemüht sich die Coiffeuse im ersten Lehrjahr, den Lockenwickler ins Haar zu drehen. Die Puppenaugen blicken stoisch in eine Richtung, während die 55-Jährige die nächste Strähne in Angriff nimmt.

Nydegger, die ursprünglich aus Dietikon stammt und heute in Luzern lebt, gehört zu den Personen, die im späten Alter noch eine Lehre angefangen haben. Und das nicht etwa, weil sie ihre Arbeit verloren hat oder zu wenig verdiente. Im Gegenteil, wie sie beteuert: «Ich hatte einen spannenden, erfüllenden Job», doch 30 Jahre als Lehrerin seien eine runde Sache. Und sie empfinde es als spannend im Alter, in dem die Flyer «Bereit fürs Pensionsalter» in den Briefkasten flattern, nochmals ganz neu anzufangen. Zum Beginn ihrer Lehre hat sie sich auch eine neue Frisur gegönnt, die langen blonden Haare wurden auf die Schultern gekürzt.

Bereits im Alter von 30 Jahren habe sie gedacht, die Zeit als Lehrerin sei nun abgeschlossen, sie müsse noch etwas anderes machen. Doch nach dem Besuch der Bäuerinnenschule im Kloster Fahr empfahl ihr der Berufsberater ein weiteres Studium. So promovierte sie noch in Theologie und Judaistik. Danach leitete sie an der Pädagogischen Hochschule Zug die Fachschaft für Ethik und Religion. «Als Dozentin redete man darüber, was Menschen glücklich macht, und nun mache ich es», sagt sie. Es sei folglich einfach ein neuer Weg für das, was sie bereits seit langem mache.

Das Leben lang Lehrerin und jetzt Lehrling

«Haare haben für mich durchaus etwas mit der Würde des Menschen zu tun», sagt sie. Mit dieser Aussage hat sie vor einigen Monaten ihren Lehrmeister und Chef René Ungricht überzeugt. Er sei am Anfang ein wenig skeptisch gewesen, als er die Anfrage der älteren Frau erhielt, ob sie noch eine Lehre bei ihm starten könne.

Doch Iris Nydegger habe ihn restlos überzeugt. «Es ist unglaublich, was sie uns bringt», sagt der Inhaber und Geschäftsführer der Ungricht Coiffeure in Dietikon. Den Entscheid, eine Frau kurz vor der Pension noch zur Coiffeuse auszubilden, bereue er überhaupt nicht. Am herausforderndsten sei das ganze Unterfangen wohl für ihre Mitlernenden gewesen, sagt Nydegger. «Sie kommen von der Schule in die Lehre und dann kommt jemand zu ihnen, der das ganze Leben lang nur Schule gegeben hat. Das muss ein Albtraum sein», sagt sie und lacht. Doch auch wenn sie bereits viel mehr Schuljahre auf dem Buckel hat, weiss Nydegger sehr wohl, dass sie gerade handwerklich noch sehr viel aufzuholen hat. Eben: «Wickeln, waschen, schneiden.» Sie zeigt die Bewegungen dieser Tätigkeiten mit den Händen, während sie spricht. Dabei fällt auf, dass sie am Finger ein Pflaster hat. «Genau hier hab ich mir in den Finger reingeschnitten.» Sie müsse gerade feinmotorisch aufholen. Kaum hat sie das gesagt, beginnt Nydegger von den Hirnregionen zu reden, die sie nun lange nicht mehr gebraucht habe und die ebenfalls ausgebildet werden.

Bei alldem sei es ihr wichtig, sich ganz hinten anzustellen. Um das sichtbar zu machen, siezt Nydegger ihre Ausbildner, obwohl diese teilweise bis zu 29 Jahre jünger als sie sind. Sie selbst wird von ihnen mit «Sie» und «Iris» angeredet. «Doch alles andere wäre nicht recht. Ich sitze mit den Lehrlingen im Boot», sagt sie. Tatsächlich verdient sie auch einen Lehrlingslohn: «Ferien und auswärts essen liegen nur noch selten drin.» Sie drückt nun auch einmal pro Woche mit den 17-Jährigen die Schulbank. Anfangs sei sie prompt als die neue Lehrerin begrüsst worden.

Zu ihren Ämtli gehören nun Einkäufe tätigen, Kaffeemaschine auffüllen und putzen: die täglichen Beschäftigungen einer Lernenden im ersten Jahr. Doch das mache ihr meist gar nichts aus. Wohl habe sie manchmal beinahe Angst vor ihrem Mut, dann denke sie: «Was mache ich da überhaupt?» Doch diese Zweifel halten jeweils nicht lange an. Die Begeisterung ihrer Ausbildner und der Mitlernenden für den Coiffeurberuf wirke ansteckend und motivierend auf sie. «Auch wenn ich Überstunden machen müsste, wäre mir das egal», sagt sie. Es sei eine andere Art von Sein. Als Dozentin und Lehrerin hat sie viel mehr Verantwortung gehabt, nun ist sie nur noch für sich selbst und ihr eigenes Lernen verantwortlich.

Sie erfüllt den Wunsch einer Jugendfreundin

Die Frage, die sich den meisten Kunden aufdrängt, wenn sie die Lehrtochter im ersten Jahr sehen, ist wohl: «Weshalb lernt sie Coiffeuse? Und warum erst jetzt?» Darauf scheint es verschiedene Antworten zu geben: Nydeggers Jugendfreundin wollte
mit 50 noch eine neue Ausbildung starten: «Doch dann bekam sie nochmals Krebs und starb innert weniger Monate.»

Zudem habe ihre Mutter letztes Jahr einen Hirnschlag gehabt und sei deswegen länger im Spital gewesen. Dort habe sie jeden Abend die Haare ihrer Mutter mit dem Lockenwickler gebändigt und gebüschelt. Mit der Zeit hätten immer mehr Damen nach ihren Diensten gefragt. Auch sei Coiffeuse bereits als Kind ihr Traumberuf gewesen. Doch damals schickte man sie wegen ihrer guten Noten ins Unterseminar. Danach war ihr Weg in den Lehrberuf praktisch vorgezeichnet. Für 30 Jahre sei das auch gut gewesen, doch nun sei Zeit für etwas Neues.

«Neue Wege», das sind Worte, die Nydegger häufig verwendet. Damit meint sie jedoch keineswegs, dass sie alles, was hinter ihr liegt, vergisst. Ganz im Gegenteil: Parallel zur Ausbildung macht sie zurzeit einen Abschluss in Spiritual Care an der Universität Basel. Es gehe ihr dabei darum, die verschiedenen Welten zu verbinden. Künftig schwebt Nydegger vor, ihre Erfahrung als Theologin mit dem Coiffeur-Handwerk zu verweben. Denn wem erzähle man die Sorgen? «Wohl am ehesten der Coiffeuse».

Somit sei diese die am häufigsten besuchte Seelsorgerin. Dank ihrer Lebens- und Schulerfahrung ist sie in diesem Bereich natürlich kein Lehrling mehr. «Eine meiner Dozentinnen nannte einen solchen Dienst Coiffeur-plus», sagt sie und lacht. Mit diesen Plänen komme die Seelsorge schliesslich auf neuen Wegen zur Bevölkerung.

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