Dietikon

Über 20 Jahre im Amt: «Ein Altersheim muss eine Heimat bieten»

Als Heimvater angestellt, als Alterszentrum-CEO pensioniert: Christoph Schwemmer freut sich nun auf eine – zumindest vorerst – leere Agenda.

Als Heimvater angestellt, als Alterszentrum-CEO pensioniert: Christoph Schwemmer freut sich nun auf eine – zumindest vorerst – leere Agenda.

Der langjährige Leiter des Alters- und Gesundheitszentrums Dietikon geht in den Ruhestand: Christoph Schwemmer über die enormen Veränderungen im Altersbereich – eine Bilanz und ein Ausblick.

Sie haben 21 Jahre lang eine Institution geleitet, in die eigentlich niemand eintreten will. Oder ist die Hemmschwelle, von der eigenen Wohnung ins Alterszentrum zu wechseln, kleiner geworden?

Christoph Schwemmer: Das hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt. Ganz früher handelte es sich ja noch um sogenannte Anstalten. Und es gab Bürgerheime, in die Menschen ohne Verwandte einfach abgeschoben wurden und in denen sie ein Gnadenbrot erhielten. Diese Zeiten sind längst vorbei, wir führen heute ein modernes, offenes Alters- und Gesundheitszentrum (AGZ). Ich werde aber noch immer hin und wieder gefragt, wie viele Insassen wir denn hätten.

Und was antworten Sie jeweils?

Keine, null! Bei uns leben Bewohnerinnen und Bewohner. Wir führen ein Hotel. Ein Hotel, das auch Pflege und Betreuung umfasst. Der Begriff Altersheim wird heute ebenfalls nicht mehr gern verwendet. Dieser wäre aber an sich positiv geprägt. Er beinhaltet, daheim zu sein. Gerade dies müssen Zentren wie das AGZ doch; eine Heimat für ihre Bewohner bieten.

Beim Begriff Altersheim denkt man aber schon nicht gleich an Heimat.

Ja, noch immer geistern diese Bilder eines dunklen, muffigen Hauses in den Köpfen herum. Viele befürchten zudem, dass sie bei einem Eintritt in ein Alterszentrum ihre Selbstständigkeit verlieren, dass sie bevormundet würden. Aber im AGZ erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner einen eigenen Schlüssel, sie verfügen über einen eigenen Briefkasten, sie können ein und aus gehen, wie sie wollen. Natürlich können sich gewisse Einschränkungen, etwa in der Mobilität, ergeben, aber diese sind altersbedingt und wären auch zu Hause vorhanden.

Dennoch, man tritt doch erst ins Alterszentrum ein, wenn es nicht mehr anders geht?

Dass man so lange wie möglich zu Hause bleiben will, ist verständlich. Den Grundsatz «ambulant vor stationär» begrüsse ich persönlich. Aber es ist auch immer ein Abwägen; will ich in einer Wohnung im dritten Stock ohne Lift leben, wenn ich nicht mehr so mag und deshalb kaum mehr Leute sehe? Einer der häufigsten Sätze, die ich von Bewohnern höre, ist denn auch: Eigentlich hätte ich ja früher umziehen können.

Sie haben viele Veränderungen erlebt: In der Dietiker Personalzeitung hielten Sie fest, Sie seien als Heimvater eingestellt worden, als AGZ-CEO gingen sie nun in Pension.

Der Aufgabenbereich hat sich in all den Jahren in der Tat stark vergrössert. Die Bedürfnisse und Anforderungen der Gesellschaft haben sich spürbar gewandelt. So haben wir mit der Seniorenresidenz, den Pflegewohnungen und der Demenzabteilung neue Angebote geschaffen. Das AGZ ist auch für die offene Altersarbeit zuständig, es ist die erste Anlaufstelle für die Bevölkerung und unterhält eine Internetseite mit allen 60 Dietiker Altersangeboten.

Ist bei all den Veränderungen ein Projekt noch offengeblieben?

Das AGZ ist grundsätzlich sehr gut aufgestellt. Nach über 20 Jahren schadet es aber vielleicht auch nicht, wenn eine neue Leiterin mit neuen Ideen kommt und allenfalls bestehende Muster aufbricht. Ein Projekt ist aber noch offen. Auf dessen Abschluss freue ich mich persönlich sehr. Demnächst wird unser Film fertig, in dem Bewohnerinnen und Bewohner aus ihrem Leben im Limmattal berichten. Sie haben das Drehbuch erarbeitet, haben Episoden gestrichen, andere reingenommen. Das war eine sehr lustvolle Arbeit. Derzeit sind wir am Rohschnitt, die Premiere wird noch in diesem Halbjahr erfolgen.

Welches war die grösste Herausforderung in Ihrer Amtszeit?

Der Um- und Neubau des AGZ. Dieses Projekt erschien uns zunächst unvorstellbar. Die Bewohner mussten umziehen. Wir lebten drei Jahre auf einer Baustelle. Gekocht haben wir in einem Container. Aber alle zusammen haben da engagiert angepackt und wir haben es geschafft. Da ist das ganze AGZ, Mitarbeiter und Bewohner, noch stärker zusammengewachsen.

Und worüber schmunzeln Sie, wenn Sie zurückblicken?

Es gab einmal einen Einbruch. Der Unbekannte mühte sich in meinem Büro mit dem Tresor ab. Als er ihn endlich aufgeschweisst hatte, muss er enttäuscht gewesen sein. Er war leer, ich hatte nie Geld im Tresor drin.

Die AGZ-Mitarbeiter haben Ihnen zum Abschied einen Rucksack gefüllt: Reisen Sie Ende März gleich ab?

Geplant habe ich noch nichts. Ich will zuerst einmal eine leere Agenda geniessen. Aber ich bin gern in den Bergen, ich bin gern am Wasser – die nächste Reise wird kommen. Zudem beabsichtige ich, die freie Zeit auch wieder vermehrt für mein Projekt in Nepal, für mein zweites Alters- und Pflegeheim, zu nutzen. Das musste jetzt arbeitsbedingt leider etwas nebenbei laufen.

Welche Dietiker Erfahrungen bringen Sie in Nepal ein?

Die Verhältnisse lassen sich nicht vergleichen. In Nepal geht es primär darum, eine Unterkunft für ältere Leute zu schaffen, damit sie nicht auf der Strasse leben müssen. Dabei habe ich auch erfahren, wie viel man mit an sich wenig erreichen kann.

Haben Sie einen Tipp für Ihre Nachfolgerin, was sie beachten muss?

Esther Wolfensberger verfügt über viel Führungs- und Praxiserfahrung im Alters- und Pflegebereich. Sie ist nicht auf meine Tipps angewiesen. Und das AGZ ist ohnehin ein guter Boden, es herrscht ein guter Geist. Mein Vorgänger hatte die Leitung während 33 Jahren bis zu seiner Pensionierung inne, ich nun 21 Jahre.

Welches ist die Eigenschaft, die für einen AGZ-Leiter, eine AGZ-Leiterin unabdingbar ist?

In dieser Position muss man auf Menschen zugehen können, man muss zuhören können, man muss einfach Menschen gern haben.

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