Eisschnelllauf
Trotz verpasster Olympiaqualifikation: Christian Oberbichler lässt sich nicht unterkriegen

Trotz verpasster Olympiaqualifikation hat der Urdorfer Eisschnellläufer Christian Oberbichler sein grosses Karriereziel immer noch fest im Blick. Zuerst wartet allerdings abseits der Eisbahn ein neues Abenteuer auf ihn.

Pascal Gut
Merken
Drucken
Teilen
Dieses Bild gab es in diesem Winter zu selten zu sehen: Rückenprobleme verhinderten, dass Christian Oberbichler in der aktuellen Saison auf Hochtouren kam.

Dieses Bild gab es in diesem Winter zu selten zu sehen: Rückenprobleme verhinderten, dass Christian Oberbichler in der aktuellen Saison auf Hochtouren kam.

Archivbild: Phil Daenzer

Das Halstuch ins Gesicht gezogen, dreht Christian Oberbichler seine Runden auf der Dolder Kunsteisbahn in Zürich. Seit nunmehr fünfzehn Jahren trainiert er hier. Fünfzehn Jahre geprägt von vielen Erfolgen, aber auch einigen Rückschlägen.

Sport hat im Leben des Urdorfers immer schon eine grosse Rolle gespielt. Vom Laufen übers Schwimmen und Biken bis zum Tennis, er probierte alles aus, auch Curling hat er schon gespielt. Auch seine Mutter war schon als Leistungssportlerin aktiv. Sport war im Hause Oberbichler nicht nur Freizeitbeschäftigung, sondern auch Teil der Erziehung. Vor dem Haus, in dem er aufgewachsen ist, gab es einen zirka 700 Meter langen Rundweg. Wenn die drei Kinder mal wieder nichts anderes als Flausen im Kopf hatten und Unsinn anstellten, wurden sie zur Beruhigung von den Eltern raus geschickt. «Christian, eine Runde laufen!», hiess es dann.

Im Eishockey der Schnellste

Eigentlich deutete anfangs alles auf eine Eishockeykarriere hin. Oberbichler und sein Bruder spielten im Verein und schon damals beeindruckte der heutige Eisschnellläufer mit seiner Schnelligkeit. «Wenn mich ein Gegenspieler checken wollte, flitzte ich davon und liess ihn hinter mir gegen die Bande prallen», sagt er. Unter dem Trainingseifer, den er für den Sport aufbrachte, litten allerdings seine schulischen Leistungen mit der Zeit so sehr, dass sich seine Eltern gezwungen sahen, ihn aus dem Verein rauszunehmen.

Mit elf Jahren, das war 2003, besuchte er zusammen mit seinem Bruder ein Probetraining des Eisschnelllaufclubs Zürich. Die beiden Jungs fanden sofort Gefallen an dem Sport und traten kurz darauf in das neu gegründete Juniorenteam unter der Leitung von Brigitte Riesen ein.

Schon früh merkten sie, dass sie sich auf dem Eis wohlfühlen: Christian Oberbichler (links) und sein Bruder Andreas.

Schon früh merkten sie, dass sie sich auf dem Eis wohlfühlen: Christian Oberbichler (links) und sein Bruder Andreas.

zvg

Ab dann ging alles schnell: Bereits in seiner vierten Saison wurde Oberbichler zum ersten Mal Junioren-Schweizermeister und durfte 2008 die Schweiz an acht Junioren-Weltcups und an drei Junioren-Weltmeisterschaften vertreten.

Mit sechzehn Jahren begann er im gleichen Jahr eine Schreinerlehre. Die körperliche Belastung und die fehlende Freizeit machten dem jungen Sportler zunehmend schaffen. Nichtsdestotrotz lief er an der Junioren-WM 2011 über 500 Meter auf den 15. Rang. Ein Jahr später ging er zum Abschluss seiner Juniorenzeit in Calgary auf einer der schnellsten Bahnen weltweit über 500, 1000 und 1500 Meter auf Rekordjagd. Über alle drei Distanzen erzielte er neue nationale Junioren-Rekorde. Über 500 und 1000 Meter reichte es sogar für den Schweizer Rekord. Damit hatte er die eigenen Erwartungen weit übertroffen.

Die Krux mit der Gesundheit

Das erste Jahr bei den Erwachsenen in der Kategorie «Elite» wurde allerdings zur Bewährungsprobe für den Eisschnellläufer, da er wegen einer Knieverletzung keine Wettkämpfe bestreiten konnte. Immer wieder kehrten die Schmerzen zurück, sobald er nach einer Phase der körperlichen Erholung wieder mit dem Training begann.

Schliesslich traf er eine Entscheidung: «Ich sagte stopp, so kann das nicht weitergehen», erzählt er, «ich mache erst weiter, wenn ich komplett schmerzfrei bin.» Nicht alle unterstützten ihn bei seinem Entscheid. Als er am Sommertrainingslager nicht teilnehmen wollte, kam es zum Streit mit seiner Trainerin. «Aber ich wusste, dass ich jetzt auf meinen Körper hören muss», sagt er.

«Wenn mich ein Gegenspieler checken wollte, flitzte ich davon und liess ihn hinter mir gegen die Bande prallen.»

Christian Oberbichler, Eisschnellläufer

Die Hartnäckigkeit bei der Erholung hat sich ausgezahlt. Im Sommer darauf konnte er wieder voll trainieren und zu Beginn der Saison 2014/2015 qualifizierte er sich für den Elite-Weltcup. In Berlin stellte er daraufhin über 500 Meter einen neuen Schweizer Rekord auf. Nur eine Woche später fuhr er auf den siebten Rang, heimste seine ersten Weltcuppunkte ein und unterbot seine in Berlin aufgestellte Zeit erneut.

Die guten Resultate gaben im Vertrauen: Im Jahr darauf entschied er sich, voll auf den Profisport zu setzen und kündigte seine Stelle als Schreiner. Allerdings folgte 2016 der nächste Rückschlag. Das ganze Jahr über hatte er mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Grippe, Mandelentzündung, Pfeifferisches Drüsenfieber – in diesem Jahr sei einfach alles schiefgegangen, sagt er. Hinzu kam der finanzielle Druck als Profisportler. Auf die Saison 2017/2018 stellte Oberbichler vieles um. Er trennte sich von seiner Trainerin und engagierte einen Ernährungsberater.

Schon als junger Teenager zeigte Oberbichler sein grosses Talent für den Eisschnelllauf.

Schon als junger Teenager zeigte Oberbichler sein grosses Talent für den Eisschnelllauf.

Ruedi Burkart

Gleich zu Beginn der Saison, «zum dümmsten Zeitpunkt», wie er sagt, zog er sich eine Rückenverletzung zu. Die Rückenprobleme hinderten ihn daran, Bestleistungen zu bringen. Folglich verpasst er sein grosses Saisonziel: die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang, auf die er die letzten Jahre über so hart hingearbeitet hatte.

Ein neues Abenteuer wartet

Obwohl die Enttäuschung gross ist, hat er nicht vor, aufzugeben. «Ich weiss ja, was ohne die Verletzung möglich gewesen wäre», sagt er. Sein Karriereziel bleibt: die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen. Die nächste Saison möchte er aber erst mal gemächlich angehen, denn einschneidende Veränderungen abseits der Eisbahn stehen an. Christian Oberbichler wird Vater. «Ein neues Abenteuer», sagt er, «und ich muss schauen, wie ich das alles unter einen Hut kriegen werde.»

In der nächsten Saison würde er gerne mit einem Mentaltrainer zusammenarbeiten. «Im Kopf stimmt es noch nicht ganz», erklärt er. «Es gelingt mir nicht immer, im Kopf das abzurufen, wozu ich eigentlich in der Lage wäre. Das will ich ändern.»