Coronavirus

So kämpft sich die Weininger «Linde»-Wirtin durch die Krise

Maya Grossmann und ihr Team bringen den Gästen das Essen in Coronazeiten bis vor die Haustüre. Auf dem Parkplatz des Restaurants können Kunden zudem die Menüs selber abholen. Die Bevölkerung und Grossmanns Angestellte sind froh über das Angebot.

Das Geschirr versteckt sich unter weissen Tischdecken. Bestellzettel liegen verteilt auf Holztischen im ersten Stock des Restaurants Linde in Weiningen. «Das ist unsere Kommandozentrale», sagt Maya Grossmann und lacht. «Wir versuchen alles mit Humor zu nehmen.» Seitdem die «Linde»-Wirtin ihre Gaststätte wegen der Coronakrise schliessen musste, betreibt sie einen Lieferdienst und einen Take-away-Service. «Hier oben organisieren wir die Bestellungen», sagt die 57-Jährige.

Eine Woche dauerte es, bis das Konzept für das neue Angebot stand. So wie sich die Situation im Tessin und im Ausland entwickelt habe, sei davon auszugehen gewesen, dass die gleichen Massnahmen in der ganzen Schweiz folgen würden. «Doch als der Bundesrat diese dann tatsächlich aussprach, musste ich weinen», sagt Grossmann und ihre Augen werden feucht. Doch die Gastgeberin fasste sich schnell wieder. Sie stellte mit ihren Mitarbeitenden den Lieferdienst und Take-away-Service auf die Beine. Zudem beantragte sie Kurzarbeit für ihre neun Festangestellten und einen Kredit, um die Löhne und Rechnungen weiterhin bezahlen zu können. «In so einer Situation kommt die Macherin in mir zum Vorschein», sagt Grossmann. Sie habe in ihrem Leben schon einige happige Momente erlebt und sich immer wieder fangen können. «Das wird auch dieses Mal der Fall sein.»

«Linde»-Tatar wird nach Hause geliefert

Jeden Tag kochen der «Linde»-Küchenchef Stephan Wegmüller und sein Team nun verschiedene Menüs. «Es gibt täglich ein währschaftes Fleischgericht und eine vegetarische Speise. Immer im Angebot haben wir eine ‹Rundum-Gsund-Schale› mit Gemüse, Salaten und Humus, unsere Haus-Spezialität, das Rindstatar, Spätzli sowie einen Menü-Salat, Suppe und Dessert», sagt Grossmann. Gemeinsam mit Wegmüller kreiert die Weiningerin die Menüs. An diesem Tag stehen mit Ricotta und Speck gefüllte Pouletbrüstli und Teigwaren sowie gefüllte und überbackene Peperoni mit Reis auf dem Menü. In der Küche dampft es bereits aus den Töpfen. Das Poulet brutzelt im Backofen. «Wir haben Take-away-Schalen für das neue Angebot besorgt. Je nach Menü richten wir das Essen in einem einteiligen oder dreiteiligen Plastikgeschirr an», sagt Stephan Wegmüller. Neben dem Herd stehen schwarze Styropor-Boxen. «Darin liefern wir das Essen zu den Leuten», sagt Grossmann.

Bestellungen für den Mittag nimmt man einen halben Tag im Voraus bis 19.30 Uhr entgegen. Bestellungen für den Abend müssen bis 13.30 Uhr eingehen. «Ich habe dafür extra eine neue Nummer eingerichtet. Die Leute können ihre Bestellungen aber auch per E-Mail aufgeben», sagt Grossmann. Die Kunden haben die Möglichkeit, das Essen selbst abzuholen oder es liefern zu lassen. «Die Gerichte und auch Getränke verkaufen wir im Hüttli auf dem ‹Linde›-Parkplatz. Dort hat es genug Platz, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. Die Bezahlung erfolgt bargeldlos, wir akzeptieren alle Karten und auch Lunch-Checks.»

Mittags und abends liefern mindestens zwei Angestellte die Menüs aus. «Manchmal hilft auch mein Sohn aus. Er ist Fahrlehrer und darf im Moment nicht arbeiten. Für uns ist es praktisch, da er sich im Limmattal gut auskennt und Bescheid weiss, wo es Umleitungen gibt», sagt Grossmann. Für Kunden aus Weiningen und der Fahrweid ist der Lieferservice gratis. Lieferungen nach Geroldswil und Unterengstringen kosten fünf Franken. In Höngg, Oberengstringen und Oetwil zahlt man 7 Franken, in Schlieren und Dietikon 15 Franken. Lieferungen nach Urdorf betragen 20 Franken. Bezahlt werden muss das gelieferte Essen nicht sofort. «Wir schicken den Kunden eine Monatsrechnung per E-Mail oder per Post. Ich vertraue ihnen» sagt Grossmann.

«So kriege ich einmal am Tag eine rechte Mahlzeit»

Es ist 12 Uhr. Ein Bauarbeiter holt sich gerade sein Mittagsmenü ab. Für ihn sei dieses Angebot super praktisch. «Morgen machen wir den Belag rein, dann habt ihr Ruhe», sagt er zu Grossmann und verschwindet hinter einer Walzmaschine auf der Badenerstrasse. Der nächste Kunde ist Philipp Locher, Inhaber der Drogerie Locher in Geroldswil. «So kriege ich einmal am Tag eine rechte Mahlzeit. Ich kann nicht immer nur Sandwiches essen, jetzt wo alles zu ist», sagt der Drogist, als er die Tragetaschen entgegennimmt. Mit Grossmann tauscht er sich auf dem Parkplatz über die Schutzmaskenpreise aus. «Früher kosteten sie 50 bis 60 Rappen pro Stück, derzeit kriegt man die billigsten für 1.50 Franken», sagt Locher. Falls eine Maskentragepflicht eingeführt wird, verspricht er, Grossmann einige für das «Linde»-Team auf die Seite zu legen. Vom Take-away Gebrauch macht auch der Weininger Goldschmied Pierre Niederer, der gerade über den Parkplatz läuft. «Er hat einen fixen Tisch bei uns und kommt normalerweise jeden Mittag zum Essen vorbei. Es ist schön, dass er uns auch jetzt unterstützt», sagt Grossmann.

Das Angebot kommt gut an. «Wir verkaufen 70 bis 100 Essen am Tag. Am Ostersonntag waren es sogar über 200», sagt Grossmann. Einen Ruhetag gibt es im Moment nicht. «Unsere Kunden haben ja auch am Montag Hunger.» Bestellen würden nicht nur ältere Leute aus dem Dorf, sondern auch jüngere und Menschen aus der ganzen Region. «Viele von ihnen gehören zu unseren Gästen. Wir spüren derzeit sehr viel Solidarität», sagt Grossmann. Bei einer Lieferung in Weiningen habe ihr jemand sogar einen Strauss Rosen vor die Türe gestellt. «Das war so herzig, ich habe mich sehr gefreut.»

Dankbar zeigen sich aber nicht nur die Bevölkerung, sondern auch Grossmanns Angestellte. «Ich habe das beste Team der Welt. Sie sind so froh, dass sie immer noch arbeiten können und haben sich bei mir bedankt. Zwei Mitarbeitende haben mir sogar eine riesige Merci-Schoggi geschenkt.» Auch wenn der Lieferdienst und der Take-away gut laufen, hofft sie, dass sie das Restaurant bald wieder aufmachen kann. «Jedoch erst dann, wenn die Gefahr einer zweiten Welle ausgeschlossen werden kann. Es ist besser, wenn die Massnahmen länger befolgt werden, als dass wir wieder schliessen müssten. Das wäre ein Horror-Szenario.»

Grossmann schmiedet bereits Pläne für die Zeit nach der Coronakrise. «Als Erstes will ich die Mineure im Gubrist besuchen und ihnen ein feines Znüni mitbringen.» Die Wirtin ist seit Baustart der dritten Röhre Tunnelpatin und stellt die irdische Vertreterin der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, dar. «Ich hatte geplant, im Frühling vorbeizugehen, doch nun ist dieses Virus dazwischengekommen», sagt Grossmann. Wenn die Pandemie überstanden ist, hat die Gastronomin zudem vor, die «Linde» mit einem kleinen Fest wiederzueröffnen. Wann genau dieses stattfindet, stehe noch in den Sternen, sagt Grossmann. «Doch eines kann ich mit Sicherheit sagen. Es wird auf jeden Fall ein freudiger Anlass sein.»

Autor

Sibylle Egloff

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