Blindenbibliothek

So erhalten Blinde sowie Seh- und Lesebehinderte Zugang zur Welt

In der Schweizerischen Bibliothek für Blinde- Seh- und Lesebehinderte werden Bücher gedruckt, Hörbücher aufgenommen und Spiele hergestellt.

Es ist still in der Druckerei. Die Sonne erwärmt die hohe Fassade des Industriegebäudes, in dem die Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte (SBS) einquartiert ist. Druckerschwärze sucht man in dieser Druckerei zunächst vergebens. Denn das Prozedere läuft hier ganz anders als in konventionellen Druckereien. Statt mit Farbe werden die Wörter mit Stanzgeräten in die Bücher geprägt. Dazu stehen der SBS in der Binz in Zürich unter anderem Heidelberg-Druckmaschinen zur Verfügung. Diese sind teils über 80 Jahre alt. Eine der gusseisernen Maschinen druckte bereits 1977 Musiknoten, sie war eine der ersten in Europa. «Noten werden in einem übergrossen Format gedruckt», sagt René Moser. Er arbeitet bereits seit über 30 Jahren bei der SBS. Da er keine Farben sehen kann, hat er bereits als Kind die Blindenschrift gelernt. Diese erfand der blinde Franzose Louis Braille 1825. Die Schrift besteht aus 6 Punkten, die ein Alphabet mit 64 verschiedenen Zeichen ergeben. «Das ist eigentlich ganz einfach», sagt Moser und fährt mit den Fingerkuppen über die kleinen erhabenen Punkte auf dem weissen Papier. Dabei liest er in flüssiger Sprache den unsichtbaren Text vor. «Bis ein sehender Mensch mit dem Finger Braille lesen kann, braucht es jedoch, wenn er täglich zwei Stunden übt, etwa zwei Jahre», sagt Henrike Strehler. Sie ist Mitarbeiterin Marketing der SBS und hat sich vorgenommen, die unsichtbare Schrift zu lernen.

Die Bedienung der Braille-Schreibmaschine, mit der kleine Erhebungen ins Papier gedrückt werden, ist für Laien eine Konzentrationsübung. «Es gibt auch eine Kurzschrift», sagt Strehler. Diese ist einerseits dazu da, das Lesetempo zu erhöhen und andererseits die Bücher nicht zu dick werden zu lassen. Denn was in einem normalen Taschenbuch Platz hat, füllt in der Brailleschrift drei bis vier A4-Ordner mit dicken, doppelt bedruckten Seiten.

Durch diese Bücher haben auch blinde Menschen die Möglichkeit am kulturellen Leben gleichberechtigt teilzuhaben. Um dieses Ziel zu erreichen, subventioniert der Bund die Hälfte der Ausgaben der SBS. 2018 bezahlte er 5,4 Millionen Franken. Die verbleibenden Kosten wurden von privaten Spendern übernommen. Der Einsatz für Blinde ist Pflicht in der Schweiz: 2004 trat das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft, zusätzlich unterschrieb der Bund 2014 die UNO-Konvention zum Schutz der Rechte von Behinderten. Diese besagt, «dass Menschen mit Behinderungen der volle Genuss dieser Rechte und Freiheiten ohne Diskriminierung garantiert werden muss». Folglich muss die Schweiz dafür sorgen, dass den schätzungsweise 325'000 sehbehinderten Menschen, die in der Schweiz leben, Zugang zu Bildung verschafft wird. Diese soll in möglichst passender Form und Sprache für die Einzelnen zur Verfügung gestellt werden.

Bücher auf Kundenwunsch

Blindenschrift-Leser müssen sich stark konzentrieren, da sie Buchstaben für Buchstaben ertasten und nicht wie bei der sogenannten Schwarzschrift einen ganzen Satz auf einmal sehen. Eine Alternative dazu, ist das Bücher-Hören. Davon können auch Kinder und Jugendliche mit Legasthenie, AD(H)S und anderen Lesebeeinträchtigungen profitieren. Dafür gibt es seit 2014 die Online-Bibliothek Buchknacker mit Hörbüchern und E-Books. Dank dieser sollen Kinder, denen es schwerfällt zu lesen, die Möglichkeit erhalten, in die Welt der Bücher einzutauchen.

Geht man über die langen Flure des Industriegebäudes weiter in den oberen Stock, stösst man auf die Geburtsstätten der Hörbücher: die Aufnahmekabinen. Dort sitzen Schauspielerinnen und Schauspieler in gläsernen Räumen. Vor ihnen liegt ein Buch und vor ihrem Mund hängt ein Mikrofon, in das sie mit klarer Stimme die Geschichte lesen. Wenn sie sich versprechen, drücken sie Pause. Dann holen sie Luft und lesen den Satz nochmals ein. So geht es weiter, bis das ganze Buch in ungekürzter Fassung als Audiospur im Computer gespeichert ist. Ein Buch hat eine durchschnittliche Spieldauer von zehn Stunden. «Die Aufnahmezeit für ein qualitativ hochwertiges Hörbuch beträgt zwei- bis dreimal so lange», sagt Manuel Steccanella. Er ist Aufnahmeleiter bei der SBS. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Sprechenden in ihrer Arbeit zu unterstützen. Er hilft bei technischen Problemen, der Aussprache von Fremdwörtern oder Fragen, die den Inhalt des Buches betreffen.

Abstimmungsbüechli für Blinde

Die Texte, die er hört, sind sehr unterschiedlich: Während eine Leserin einen Roman aufnimmt, liest eine Kabine weiter eine Radiomoderatorin ein Kulturmagazin ein. Auch Zeitschriften, Sachbücher oder Abstimmungsunterlagen werden in der SBS aufgenommen. Damit soll Blinden, Seh- und Lesebehinderten ein möglichst umfassender Zugang zur Welt der Kultur gewährleistet werden.

«Am besten laufen Romane und Krimis», sagt Strehler. Viele Kundinnen und Kunden haben eine Wunschliste mit ihren Lieblingssprechern, -autoren oder –themen hinterlegt. «Wenn ein neues Buch vom gewünschten Sprecher oder Autor erscheint, bekommen sie es automatisch von uns zugeschickt», sagt Strehler. Die Hörbücher können sie auch per CD nach Hause geliefert bekommen. Diese wird in einem gelben Couvert transportiert. «Die Post verschickt Blindensendungen gratis. Dafür dürfen im Couvert oder Paket keine Schwarzschriftunterlagen enthalten sein.», sagt Strehler. Darunter fallen die Hörbuch-CDs und die grossen Braillebücher.

Die Bücher im Grossdruck, die beispielsweise einen 320-seitigen Donna-Leon-Roman in drei gebundenen Büchern enthalten, fallen nicht darunter. Ebenso wenig wie die Kinderbücher, in denen Blinde zusätzlich zum gedruckten Text die Übersetzung in Brailleschrift lesen können.

Ein weiteres beliebtes Segment sind die Spiele, die Sehbehinderte und Sehende gemeinsam spielen können: Auf dem Tisch im Versandraum der Bibliothek liegt ein Rubiks Cube mit Erhebungen, ein Geräusch-Memory und ein Schach bereit. Doch anders als bei einer konventionellen Bibliothek kommen die Kundinnen und Kunden nicht selbst vorbei, sondern bestellen alles per Telefon, E-Mail oder online. Die Medien werden ihnen daraufhin kostenlos zugesandt. Die Kunden bezahlen einzig einen Mitgliederbeitrag von 60 Franken im Jahr, für Kinder und Jugendliche ist die Ausleihe kostenlos. Letztes Jahr machten rund 1300 neue Nutzerinnen und Nutzer vom Angebot Gebrauch. Zusätzlich zum bestehenden Sortiment von über 14'000 Blindenschriftbüchern und 42'000 Hörbüchern können die Kunden auch konkrete Anfragen bei der Bibliothek platzieren. «Wenn ein Buch gewünscht und noch nicht in einem zugänglichen Format erhältlich ist, produzieren wir dies, wenn es möglich ist, gerne», sagt Strehler. Solche Wünsche erfüllt die SBS einige Dutzend Mal im Jahr.

Blinde korrigieren die Bücher

Nachdem ein Buch von der Schwarzschrift in die Brailleschrift übersetzt wurde, muss es erst einmal korrekturgelesen werden. Dazu sitzt Petra Aldridge auf ihrem Bürostuhl, vor ihr liegt eine Computertastatur mit einer angeschlossenen elektronischen Braillezeile. Auf dem Bildschirm erscheinen Zeichen, die Sehende zu Unwissenden machen. Diese Zeichen kann Aldridge mit der Braillezeile lesen. Mit der einen Hand fährt sie über die Blindenschrift des Buches. Findet sie einen Fehler, korrigiert sie diesen mit der anderen Hand direkt in der Druckdatei am Computer. Im Ohr hat sie einen Kopfhörer, der ihr mit Hilfe eines speziellen Bildschirmleseprogramms bei Bedarf eine Website oder ein Dokument vorliest. «Der Zugang zum Internet und die Nutzung des PCs überhaupt helfen mir sehr, Hürden zu überwinden, die Sehende nicht haben, wenn sie an Informationen gelangen wollen», sagt sie.

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