Urteil

Schrankbett-Fall: Laut Zürcher Obergericht ist Gastgeber unschuldig

Das Obergericht in Zürich hat den Gastgeber für unschuldig befunden. (Archiv)

Das Obergericht in Zürich hat den Gastgeber für unschuldig befunden. (Archiv)

Während eine Frau darin geschlafen hat, ist ein Schrankbett zugeklappt und hat ihr einen Halswirbel verletzt. Die Eltern der Tetraplegikerin forderten vom Besitzer des Betts eine Genugtuung von 40'000 Franken. Das Bezirksgericht Zürich gab ihnen Recht, doch das Obergericht hat das Urteil nun aufgehoben: Der Besitzer habe die Sorgfaltspflicht nicht verletzt.

Die Frau ging am 29. Dezember 2006 gesund zu Bett. Sie war sportlich, Fallschirminstruktorin und hielt sich in den Bündner Bergen auf, um Snowboarden zu lernen.

Am 30. Dezember erwachte sie unter grossen Schmerzen, weil der Kasten des Schrankbetts, in dem sie übernachtet hatte, auf sie gekracht war. Er hatte einen ihrer Halswirbel verschoben und das Rückenmark verletzt. Der neben ihr schlafende Bekannte blieb unverletzt.

Bis sie aus dem entlegenen Ferienhaus ins Spital gebracht worden war, verging viel Zeit. Die damals 34-Jährige war zur Tetraplegikerin geworden. Sie kann ihre Arme und Beine nicht mehr bewegen. Heute ist sie rund um die Uhr auf Betreuung angewiesen und wohnt wieder bei ihren Eltern.

Vor Gericht kämpft die Mutter eines Sohnes um Genugtuung und Schadenersatz. Das vorliegende Urteil des Obergerichts Zürich befasst sich jedoch mit einer Klage der Eltern der Frau. Sie hatten vor Bezirksgericht eine Genugtuung von mindestens 40'000 Franken eingeklagt. Beklagter ist der Besitzer des Ferienhauses, in dem der Unfall geschah.

Das Bett war nicht angeschraubt

Die Eltern werfen dem Mann vor, das Schrankbett, in dem ihre Tochter übernachtet hatte, nicht ordnungsgemäss aufgestellt zu haben. Eineinhalb Jahre vor dem Unfall hatte der Mann zwei Schrankbetten von einem Nachbarn geschenkt bekommen. Er zerlegte sie, um sie in sein Ferienhaus bringen zu können.

Beim Zerlegen musste er die Betten von der Wand abschrauben, an der sie befestigt waren. In seinem Ferienhaus stellte er die Betten provisorisch auf und verankerte sie nicht in der Wand, weil er der Ansicht war, die Befestigung sei nur während des Herunterklappens dienlich. Sobald die Betten stünden, bestehe keine Gefahr.

Die Eltern sind der Meinung, dass er, durch das Unterlassen die Betten zu fixieren, ihrer Tochter schuldhaft und widerrechtlich einen Schaden zufügte. Das Bezirksgericht befand, der Mann hätte die Gefahr, die von einem nicht fixierten Bettschrank ausgeht, erkennen können. Es urteilte, der Mann habe seine Sorgfaltspflicht verletzt und sprach den Eltern die Genugtuung zu.

Das Obergericht befand jedoch, der Ferienhausbesitzer habe die Gefährdung nicht erkennen können und deshalb sei er nicht haftbar. Laut Obergericht gibt es keine Vorschrift, die einen Schrankbettbesitzer zur Verankerung des Möbels in der Wand verpflichtet. Er habe auch keine Montageanleitung gehabt.

Gefahr war objektiv nicht erkennbar

Ein Gutachten der Empa hatte ausserdem ergeben, dass ein schiefer Bettfuss das Schrankbett aus der Balance gebracht habe und eine Gewichtsverlagerung im Schlaf das Zusammenklappen ausgelöst haben dürfte.

Wenn der Bettfuss richtig aufgestellt und seine Position nicht verändert worden wäre, folgerte das Obergericht, hätte das Schrankbett ohne Fremdeinwirkung praktisch nicht umkippen können. Das ist das Resultat einer detaillierten Analyse, die "einem Durchschnittskonsumenten kaum zugemutet" werden könne.

Dem tragischen Vorfall voraus gegangen war die Frage nach dem Schlafplatz. Der Sohn des Ferienhausbesitzers hatte zwei gemachte Betten auf der umgebauten Heubühne vorgeschlagen, doch die Besucher wollten im Hobbyraum auf einem der Klappbetten übernachten. Der Hausbesitzer sei davon überrumpelt worden, befand das Obergericht.

Der Sohn des Hausbesitzers und sein Kollege, der später mit ihr im Klappbett übernachtete, stellten das Klappbett auf. Einer ist Zimmermann, der andere Schreiner von Beruf, sie prüften die Stabilität des Bettes und waren zufrieden. Laut Obergericht war für den Hausbesitzer vor diesem Hintergrund die Möglichkeit eines Umkippens nicht erkennbar.

Für das Obergericht liegt kein objektives Verschulden vor. Gleichwohl hätten verschiedene Vorkommnisse zu einem "sehr tragischen und gravierenden" Unfall geführt, der "vom Beklagten ohne weiteres hätte vermieden" werden können. Doch sein Verhalten sei nicht sorgfaltspflichtwidrig gewesen.

Bekannter freigesprochen

Die Verunfallte hatte ihren Bekannte, der neben ihr im Klappbett geschlafen hatte, verklagt. Sie verlangte eine Genugtuung. Das Verfahren endete diesen Herbst vor Bundesgericht mit einem Freispruch: Er hätte nicht bemerken müssen, dass das Klappbett nicht an der Wand festgeschraubt war.

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