Rückblick

Schon vor 28 Jahren hiess es am Limmattaler Frauenstreik: «Wenn Frau will, steht alles still»

Der Anlass für den Streik war das zehnjährige Bestehen des Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau» in der Bundesverfassung.

Am 14. Juni 1991 Jahren stand ein Teil des Limmattals still.

Am Frauenstreik vor 28 Jahren legten auch viele Limmattalerinnen ihre Arbeit nieder. Auch die Redaktorinnen des Limmattaler Tagblatts verliessen ihren Arbeitsplatz und nahmen an einer Aktion für die Frauen teil. Unter dem Motto «Wenn Frau will, steht alles still» forderten, diskutierten und feierten die Limmattaler Frauen für sich und die künftige Generation. Eine Zusammenfassung des historischen Tages aus Limmattaler Sicht:

  • Die Aktionen im Limmattal: Der Dietiker Kirchplatz war am Frauenstreik voll mit streikenden Frauen, mit Plakatwänden und Ballonen. Am Mittag bekochten und bedienten Männer die versammelten Frauen. «Statt Patriarchat und Matriarchat solidarisches Zusammenleben», stand auf einem der Transparente, das die Frauen aufgehängt hatten. Heidi Meili, Gemeinderätin und Präsidentin der Bürgergemeinde hielt eine Rede. Sie forderte, dass «endlich die Forderungen des Gleichheitsartikels verwirklicht werden müssten». Heute lebt die 80-Jährige in Arbon. Wenn sie sich an den Tag vor 28 Jahren erinnert, bekommt sie Gänsehaut. «Es waren viele Frauen da und die Stimmung war gut», sagt sie. Zeitgleich mit der Aktion auf dem Kirchplatz war das Berufsinformationszentrum (BIZ) ausschliesslich für Frauen geöffnet. In Schlieren trafen sich die Frauen zu einem Aktionstag im Stadthaus. Das «Limmi» offerierte dem mehrheitlich weiblichen Spitalpersonal einen Znüni. In Urdorf sassen die Frauen im Embri-Saal zusammen. Dieser Anlass wurde von den Lehrerinnen organisiert, die die Schülerinnen gleich an die Veranstaltung mitnahmen. An der Kantonsschule Limmattal waren bereits damals Plakate von Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern zum Thema «Frau» zu sehen.
Heidi Meili war Gemeinderätin und Präsidentin der Bürgergemeinde.

Heidi Meili war Gemeinderätin und Präsidentin der Bürgergemeinde.

  • Forderungen der Streikenden: Der Anlass für den Streik war das zehnjährige Bestehen des Verfassungsartikels «Gleiche Rechte für Mann und Frau» in der Bundesverfassung. Die Frauen forderten, dass die Gleichberechtigung, die auf dem Papier bereits verankert war, auch in der Praxis umgesetzt wird. Konkret formulierten sie folgende Punkte: gerechte Arbeitsteilung, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Aufstiegschancen, gut geführte Kinderkrippen und Tagesschulen zu zahlbaren Preisen, Erziehung der Kinder zu Gleichberechtigung und Partnerschaft, Förderung des Wiedereinstiegs von Frauen in die Arbeitswelt, besserer Mutterschaftsschutz, gleiche Krankenkassenprämien, Anerkennung von Betreuungsaufgaben durch die AHV, Teilzeitstellen auf allen Ebenen und Reduktion der Arbeitszeit für alle. In den letzten 28 Jahren sah Heidi Meili einige Verbesserungen in Sachen Gleichstellung. Doch diese seien langsam vonstattengegangen. «Es veränderte sich nicht von einem Tag auf den anderen. Es braucht Zeit und Akzeptanz.» Es sei längst nicht alles so, wie es sein sollte: «Frauen können sich immer noch weniger Fehler erlauben als Männer.»
14. Juni 1991: Limmattaler Frauen forderten, diskutierten und feierten.

14. Juni 1991: Limmattaler Frauen forderten, diskutierten und feierten.

  • Engagement der Jugendlichen: Nicht nur die Kantonsschüler machten sich 1991 stark für den Frauenstreik, auch die Sekundarschülerinnen aus Weinigen nahmen den Tag zum Anlass, sich zu engagieren. Seit Jahren hatten sie pro Woche zwei Stunden mehr Schule als die Buben. Während letztere zwei Stunden geometrisches Zeichnen hatten, mussten die Mädchen vier Lektion handarbeiten. Sie lehnten den Handarbeitsunterricht nicht ab, doch sie sagten: «Wir wollen die Möglichkeit haben, zu wählen und dieselbe Stundenanzahl Schule haben.» Diese Forderung deponierten sie auch bei der Redaktion des Limmattaler Tagblatts, der heutigen Limmattaler Zeitung (siehe erstes Foto). Zudem störte es die Schülerinnen, dass die Knaben einen richtigen Turnlehrer hatten, während sie vom Klassenlehrer unterrichtet wurden.
  • Kritische Stimmen: Der Frauenstreik führte nicht nur zu Solidarität. Einige Frauen störten sich daran: «Sinnvoller als über Gleichberechtigung zu quatschen wäre es, an diesem Frauentag einen Aufruf zu lancieren, den vielerorts vernachlässigten Familien-Zusammengehörigkeitssinn zu pflegen», schrieb eine Frau in einem Leserbrief. Auch waren bei weitem nicht alle Männer als Köche für die streikenden Frauen engagiert. Einige Männer versammelten sich gar zu einer Gegenbewegung. Auf dem Dietiker Kirchplatz stand am späten Nachmittag ein Buffet, auf dem Freibier und Wein ausgeschenkt wurde. Das Ganze war umgeben mit einer Abschrankung aus Schnüren und Plastikbändern, vor denen Plakate mit der Aufschrift «Zutritt nur für Männer» angebracht wurden. «Diese Aktion ist vor allem eine Antwort auf die Vorgehensweise der Frauenstreikerinnen, die eher destruktiv wirkt. Nur in Zusammenarbeit kann man etwas erreichen», sagte der Organisator. An diesem Tag wollten die Männer jedoch nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Heidi Meili kann sich an die Gegenstimmen erinnern, doch diese seien viel weniger stark gewesen und hätten sie nicht allzustark bedrückt.
Weininger Schülerinnen hofften, mit ihren Anliegen Gehör zu finden.

Weininger Schülerinnen hofften, mit ihren Anliegen Gehör zu finden.

  • Folgen des Frauenstreiks: Aufgrund des Frauenstreiks entstand die Limmattaler Frauenlobby, die später zur «Polit Academy» wurde. «Es hat sich einiges geändert, aber es geht in ganz langsamen Schritten vorwärts», sagt Heidi Meili. Ihr Wunsch ist immer noch, dass Frauen mehr Anerkennung erhalten. «Um das zu erreichen, müssen Frauen mehr zusammenstehen, zusammenhalten und sich auch untereinander Anerkennung schenken.» Deshalb ist sie froh, dass dieses Jahr wieder ein Frauenstreik veranstaltet wird.

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