Obergericht Zürich

Rudolf Elmer brachte das Bankgeheimnis zu Fall – vor Gericht kämpft er um ein normales Leben

Whistleblower Rudolf Elmer auf dem Weg ins Zürcher Bezirksgericht 2015. Morgen folgt der Berufungsprozess vor dem Zürcher Obergericht.

Whistleblower Rudolf Elmer auf dem Weg ins Zürcher Bezirksgericht 2015. Morgen folgt der Berufungsprozess vor dem Zürcher Obergericht.

Der Ex-Banker Rudolf Elmer, auspackte aus und brachte das Schweizer Bankgeheimnis mit zu Fall. Am Donnerstag steht der Berufungsprozess um den Whistleblower vor dem Zürcher Obergericht an.

Er ist der Mann, der als Whistleblower dazu beitrug, das Schweizer Bankgeheimnis zu knacken: Rudolf Elmer. Das Bezirksgericht Zürich hatte ihn im Januar 2015 zu einer bedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 150 Franken verurteilt. Zudem verknurrte es ihn zur Übernahme der Gerichtskosten in Höhe von 25 000 Franken.

Die Strafe fiel deutlich milder aus, als von der Staatsanwaltschaft beantragt: Staatsanwalt Peter Giger hatte 42 Monate Haft und ein Berufsverbot für den Ex-Banker gefordert. Dennoch zog Elmers Verteidigung den Fall weiter. Sie hatte auf einen vollen Freispruch für Elmer plädiert. Morgen Donnerstag wird der Fall nun vor dem Zürcher Obergericht nochmals aufgerollt.

Er sorgt seit Jahren auch international für Aufsehen. Über das Urteil des Bezirksgerichts Zürich berichteten unter anderem das «Wall Street Journal» und die «Süddeutsche Zeitung». Für den Termin im Obergericht hat sich nun auch ein Fernsehteam aus Japan angemeldet, wie Elmer per E-Mail mitteilte. Als Prozessbeobachter werde zudem Fabio De Masi, EU-Abgeordneter der Linken, anwesend sein, heisst es in einer Medieneinladung der Alternativen Liste.

Mit seiner Kritik am Missbrauch des Bankgeheimnisses für Steuerhinterziehung hat der Ex-Banker Rudolf Elmer auch politisch eine neue Heimat gefunden: Früher stand er nach eigenen Angaben der FDP nahe; letztes Jahr kämpfte er erfolglos für die AL im Zürcher Unterland um einen Kantonsratssitz. Dahinter steckt eine Biografie voller überraschender Wendungen.

Daten als «Lebensversicherung»

Der Spross einer Arbeiterfamilie aus dem Zürcher Industriequartier machte ab 1987 bei der Bank Julius Bär Karriere. Ab 1994 kümmerte sich der gelernte Wirtschaftsprüfer um deren Geschäfte auf den Cayman Islands. So wurde er allmählich Teil einer «Steuervermeidungsindustrie», wie Elmer es in diversen Interviews nannte. (Auf eine Interview-Anfrage dieser Zeitung kurz vor dem nun anstehenden Obergerichts-Prozess reagierte er nicht.)

Whistleblower Rudolf Elmer erzählt von seinen Erfahrungen

Whistleblower Rudolf Elmer erzählt von seinen Erfahrungen (Januar 2012)

Whistleblower Rudolf Elmer geht davon aus, dass die Schweizer Banken noch vermehrt mit Whistleblowern zu tun bekommen. Die gesundheitliche Situation des Sarasin-Informanten kann er nachvollziehen.

Je mehr er zum inneren Kreis der Bank gehört habe, umso mehr seien Zweifel an der Rechtmässigkeit der von ihm abzuwickelnden Geschäfte in ihm aufgekommen.
Zum Bruch kam es 2002, als die Bank Julius Bär ihn entliess. Aus dem zweifelnden Banker wurde in der Folge ein Whistleblower. Elmer packte aus. Zunächst spielte er Bankkundendaten Steuerbehörden und Medien zu. Sein früherer Arbeitgeber liess ihn und seine Familie von Privatdetektiven beschatten.

Rudolf Elmer im Statement: «Ich will, dass die Gesellschaft weiss, was ich weiss»

Rudolf Elmer im Statement: «Ich will, dass die Gesellschaft weiss, was ich weiss» (Januar 2015)

Excerpt taken from http://www.democracynow.org ( 2011-01-18 ) Rudolf Elmer, 55, headed the office of Julius Baer in the Cayman Islands until he was fired by the bank in 2002. He is scheduled to go on trial in Switzerland on Wednesday (jan 19) for breaching bank secrecy. Rudolf Elmer's statement: "Working in the Cayman Islands I realized that something was wrong... I want to let our society know what I do know because it's damaging our society in a way that money is moved away by financial institutions, multinational conglomerates and high-net-worth individuals, money is hidden in offshore ventures,"

Elmer litt darunter. Bekam psychische Probleme. «Wenn ein Kind sich im Sarg zeichnet und sagt: ‹Papi, das machen diese Leute mit mir› – dann hauts einem den Nuggi raus», sagte er unlängst im SRF-Interview mit Roger Schawinski über jene Zeit. Um sich selbst vor einer Kurzschlusshandlung zu schützen, habe er seine Armeewaffe im Tresor seiner Mutter eingeschlossen. Die Bankkundendaten, über die er verfügte, seien seine «Lebensversicherung» gewesen. Und er machte davon Gebrauch: Ende 2007 lud er einen Teil der Daten auf die damals noch weitgehend unbekannte Internet-Plattform WikiLeaks.

Anfang 2008 wurden Elmers Informationen auf WikiLeaks veröffentlicht. 2009 schrieb er dem damaligen Deutschen Finanzminister Peer Steinbrück und wies ihn auf die Veröffentlichung hin. 2011 überreichte er WikiLeaks-Gründer Julian Assange an einer Pressekonferenz zwei CDs, auf der sich Bankkundendaten befunden haben sollen. Bald darauf wurde er verhaftet. Vor Gericht sagte Elmer, die CDs seien leer gewesen.

Insgesamt 217 Tage hat der Ex-Banker in Untersuchungshaft verbracht, seit er den Tabubruch beging, über Offshore-Bankgeschäfte öffentlich auszupacken. Elmer sieht darin einen Kampf gegen ein weltweites System, durch das der öffentlichen Hand Milliarden an Steuereinnahmen entgehen.

Leichtes Verschulden

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm mehrfache Verletzung des schweizerischen Bankgeheimnisses vor. Zudem wird dem heute 60-Jährigen angelastet, er habe Personen aus dem Umfeld seines früheren Arbeitgebers bedroht. Auch um den Vorwurf der Urkundenfälschung geht es am Donnerstag noch einmal vor Gericht: Elmer soll mit einem gefälschten Schreiben auf WikiLeaks den Eindruck erweckt haben, die Deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel habe ein Schwarzgeldkonto.

Pikantes Detail: Elmer erklärte wiederholt, sein Job auf den karibischen Cayman Inseln habe darin bestanden, dort stattfindende Geschäfte vorzutäuschen, die eigentlich in Zürich abgewickelt worden seien. Vor Obergericht wird es nun nicht zuletzt wieder um die Frage gehen, ob ein Offshore-Banker, der auf einer Internetplattform ohne Schweizer Sitz Daten veröffentlicht hat, überhaupt das schweizerische Bankgeheimnis verletzt haben kann. Das Bezirksgericht bejahte diese Frage, sprach Elmer aber dennoch in mehreren Punkten frei. Es stufte sein Verschulden als leicht ein. Elmer lebt heute als Hausmann mit Frau und Kind im Zürcher Unterland. Arbeit in der Finanzbranche fand er nicht mehr.

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