Neujahrsblatt
Von Krisen und Hunger: Das Neujahrsblatt 2021 wirft einen Blick zurück auf die Coronakrise – und auf frühere Krisen

Das Dietiker Neujahrsblatt 2021 widmet sich der Coronakrise und der Hungersnot von 1816/1817. Zudem beleuchtet es die gastronomische Entwicklung der Stadt und gewährt Einblick ins Ortsmuseum.

Sandro Zimmerli
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Ein Hungerbild aus St. Gallen aus dem Jahr 1817 erinnert an die Not der Menschen in jenen Jahren.

Ein Hungerbild aus St. Gallen aus dem Jahr 1817 erinnert an die Not der Menschen in jenen Jahren.

zvg/Toggenburger Museum Lichtensteig

2020 ist kein gewöhnliches Jahr. Daran erinnert auch das Dietiker Neujahrsblatt 2021. Die neuste Publikation der vom Stadtverein herausgegebenen Reihe befasst sich aus aktuellem Anlass unter anderem mit der Coronakrise und deren bisherigen Bewältigung in Dietikon. In seinem Beitrag zeichnet der Präsident des Stadtvereins, alt Stadtpräsident Otto Müller, nach, wie der Bezirkshauptort bislang mit der Pandemie umgegangen ist. Er erinnert etwa an die Schliessung der öffent­lichen Pärke im April, die Lancierung der Kampagne «Mitenand für Dietike – jetzt erst recht» oder die Mitte August erfolgte Absage aller städtischen Grossanlässe. Zudem wirft Müller einen Blick zurück auf die Jahre 1918 bis 1920, als die Spanische Grippe wütete und weltweit zwischen 20 und 50 Millionen Menschenleben forderte.

Auch damals waren die Dietiker Behörden zu drastischen Massnahmen gezwungen. So ordnete die Gesundheitsbehörde am 2. August 1918 die Einstellung des Schulbetriebs und die Verlängerung der Sommerferien an. Zwei Monate später wurden dann «Volksversammlungen, Festlichkeiten jeglicher Art, Theateraufführungen, Konzerte, Tanzbelustigungen, Schaustellungen, Vereinsversammlungen und Proben» untersagt. Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnung wurden mit einer Busse von bis zu 500 Franken geahndet.

377 Einwohner erkrankten im Februar 1919 an der Grippe

Wie viele Tote die damalige Epidemie in Dietikon forderte, ist nicht bekannt. Aus der Chronik von Pfarrer Karl Tanner geht jedoch hervor, dass alleine im Februar 1919 insgesamt 377 der damals 5813 Einwohner an der Grippe erkrankten. Sieben Todesfälle sind für diesen Monat belegt. Ob sie auf die Grippe zurückzuführen sind, lässt sich jedoch nicht beantworten.

Auch in den Jahren 1816 und 1817 waren die Behörden gefragt, um auf eine ausserordentliche Lage zu reagieren. Eine weltweite Missernte sorgte damals für eine furchtbare Hungersnot, wie der Dietiker Historiker Sven Wahrenberger in einem weiteren Beitrag zum Thema Krise nachzeichnet. Deren Ursprung ist auf der indonesischen Insel Sumbawa zu finden. Am 5. April 1815 ereignete sich dort ein Vulkanausbruch gewaltigen Ausmasses. Die durch die Eruption des Mount Tambora entstandenen Aschewolken gelangten in die Erdatmosphäre und bewirkten eine weltweite Klimaveränderung. Die Temperaturen sanken, das folgende Jahr war aussergewöhnlich nass und kalt in Westeuropa. Es war das «Jahr ohne Sommer». Die Ernteerträge brachen dramatisch ein. Die Bevölkerung litt unter einer Hungersnot – auch in der Schweiz. Im Kanton Zürich war das Oberland besonders stark von der Knappheit an Getreide, Gemüse und Obst betroffen. Die Preise für Lebensmittel stiegen in der Folge rapide an. Bald schon konnten sich die ärmeren Bevölkerungsschichten nicht einmal mehr die Grundnahrungsmittel leisten.

In Bayern kam es zu Schlägereien wegen der Getreidesäcke

Die Kantonsregierung musste handeln. Im September 1816 rief sie eine Kornankaufskommission ins Leben. Diese sollte so viel Getreide wie möglich im Ausland kaufen. In Frage kamen dafür in erster Linie Süddeutschland und Oberitalien, obschon auch dort die Ernten geringer ausgefallen waren als
üblich. So verwundert es nicht, dass die Bevölkerung im bayrischen Memmingen wenig erfreut war über das An­liegen des Kantons Zürich. Wie Wahrenberger schreibt, sei es dort beim Abtransport der Getreidesäcke zu Schlägereien gekommen. Mit Problemen anderer Art sahen sich die Zürcher Behörden in Italien konfrontiert. «Auf dem Comersee fiel Banditen ein ganzes Frachtschiff in die Hände», so Wahrenberger. Kam hinzu, dass auch der Saumpfad über den Gotthard wegen Räuberei nicht sicher war. Deshalb mussten die Händler die Ware über den Splügen transportieren. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es der Zürcher Regierung, ihre Lagerbestände aufzufüllen und das Getreide verbilligt an die Bevölkerung abzugeben.

Mit dem Getreideankauf alleine liess sich jedoch nicht die ganze Not ­lindern. Von den damals rund 185000 Einwohnerinnen und Einwohnern des Kantons Zürich waren inzwischen an die 30000 arbeitslos geworden. Die Regierung ordnete deshalb für den 26. Januar an, in allen Kirchen des Kantons eine Kollekte für karitative Zwecke zu erheben. Mit dem so eingenommenen Geld konnten 63 Gemeinden unterstützt werden. Wobei fast die Hälfte der Einnahmen von 31311 Gulden 23 Schilling und 11 Heller ins Zürcher Oberland floss. Gleichzeitig mit dem Spendenaufruf wurden vielerorts öffentliche Suppenküchen eingerichtet. Diese wurden rege besucht, wie Wahrenberger zeigt. In Bäretswil etwa wurden zwischen dem 13. März 1817 und dem 15. Juli 1817 insgesamt 52655 Portionen Suppe ausgegeben. In Wila waren es im selben Zeitraum 38300. Die grösste Not konnte allmählich gelindert werden. Dabei half auch, dass die Ernteerträge wieder besser ausfielen und die Lebensmittelpreise als Folge davon zu sinken begannen.

Dass das Zürcher Oberland stärker von der Hungersnot betroffen war als andere Region des Kantons, dürfte mit dessen Topografie zusammenhängen. Anders als etwa im Limmattal waren in der hügeligen Gegend die Voraussetzungen für den Ackerbau nicht besonders gut, «weshalb die Frühindustrie dort schon im 18. Jahrhundert weite Teile der Bevölkerung dazu gebracht hatte, sich als Textilarbeiter zu betätigen», wie Wahrenberger schreibt. Die Abkehr vom Ackerbau führte dazu, dass die Bevölkerung im Oberland immer stärker vom krisenanfälligen Nahrungsmittelimport abhing. Im noch
lange bäuerlich geprägten Limmattal hingegen war der Selbstversorgungsgrad mit Grundnahrungsmitteln höher. Das machte die Menschen hier krisenresistenter, obschon auch sie während der Krisenjahre meist gezwungen waren, «sich mit Kleie und Wurzeln statt mit Mehl zu begnügen, um zu überleben».

Die traditionelle Vernissage fällt aufgrund des Coronavirus aus. Das Neujahrsblatt kann unter mherzig@vtxmail.ch bestellt werden.