Coronavirus

Vom Kirchengestühl auf das Sofa – Limmattaler Kirchen streamen ihre Gottesdienste live

Die Kirchen im Limmattal gehen wegen den Corona-Beschränkungen neue Wege: Unter anderem die katholische Kirche Dietikon (Vordergrund) und die reformierte Kirche Dietikon (Hintergrund) streamen ihre Gottesdienste live.

Die Kirchen im Limmattal gehen wegen den Corona-Beschränkungen neue Wege: Unter anderem die katholische Kirche Dietikon (Vordergrund) und die reformierte Kirche Dietikon (Hintergrund) streamen ihre Gottesdienste live.

Die Kirchen im Limmattal haben auf den Corona-Lockdown reagiert: Viele sind online gegangen und streamen ihre Gottesdienste live.

Die Worte zum Auftakt ähneln sich: «Wir feiern unseren Gottesdienst – physisch zwar getrennt, aber im Glauben verbunden», beginnt Christian Morf, reformierter Pfarrer in Schlieren. «Wieder ein Sonntag mit Corona, aber leider wieder ohne Euch. Dennoch sind wir mit Euch verbunden», sagt Adrian Sutter, katholischer Pfarrer in Dietikon. Und Ivan Walther, reformierter Pfarrer in Urdorf, zeigt sich ebenfalls erfreut, «dass Sie mit uns feiern». Er begrüsst aber seine Gemeinde – wie Morf in Schlieren und Sutter in Dietikon – nicht wie gewohnt direkt in seiner Kirche, sondern über den Bildschirm. «Herzlich willkommen zum Corona-Stream», sagt Walther.

Die Kirchen in der Region stehen derzeit in der Regel zwar für ein stilles, einsames Gebet offen. Doch öffentliche Gottesdienste und weitere kirchliche Veranstaltungen mit mehr als fünf Personen dürfen wegen des Coronavirus seit Wochen nicht mehr stattfinden. Sie bleiben vorerst noch bis und mit Sonntag, 7. Juni, untersagt.

Dass sich die Gemeinden am Sonntagmorgen nicht in der Kirche versammeln können, sei für das kirchliche Leben ein schwerer Schlag, sagt Heinrich Brändli, Kirchgemeindeschreiber der drei zusammenarbeitenden reformierten Kirchgemeinden Dietikon, Schlieren und Weiningen. Allerdings gewinnt er der Situation etwas Positives ab: «Für die Kirche bedeutet dies auch die Möglichkeit und die Chance, den Sprung ins digitale Zeitalter zu schaffen.» 

Interaktive Gottesdienste mit eingeblendeten Liedtexten

In der Tat haben viele Kirchgemeinden oder deren Pfarrpersonen, Behördenmitglieder oder einfache Gemeindemitglieder auf den Corona-Lockdown reagiert; sie haben viele neue Angebote geschaffen. Darunter finden sich neben traditionellen Nachbarschaftshilfen, Bastelanleitungen, Rätsel und dergleichen auch zahlreiche virtuelle.

So halten die drei reformierten Kirchgemeinden Dietikon, Schlieren und Weiningen – letztere umfasst auch die Gebiete der politischen Gemeinden Geroldswil, Oetwil und Unterengstringen – fest: «Leider können Sie nicht mehr zu uns kommen – also kommen wir nun direkt zu Ihnen, in die gute Stube.» Sie haben einen eigenen TV-Sender lanciert. Auf Carillon.tv, das nach der eigenen regionalen Kirchenzeitschrift benannt ist, werden unter anderem Gottesdienste live übertragen und als Aufzeichnungen für später zur Verfügung gestellt. Die Gottesdienste werden von den Pfarrern in leeren Kirchen gehalten, einzig ein Organist oder weitere Musiker unterstützen sie. Die Liedtexte werden eingeblendet, sodass die Zuschauer zuhause mitsingen können.

Auch die katholische Kirche Dietikon ist im Internet vertreten: Die täglichen St. Agatha-Gottesdienste werden auf der gemeindeeigenen Internetseite live übertragen und stehen danach auf Youtube zur späteren Ansicht und Andacht zur Verfügung. Am vergangenen Sonntag wurde die heilige Messe auch interaktiv gestaltet; zwei Familien wurden von Zuhause live dazu geschaltet, um die Lesungen zu halten.

Die drei wöchentlichen Gottesdienste der katholischen Kirche Schlieren von Dienstag, Mittwoch und Sonntag lassen sich ebenfalls im Internet verfolgen. Diese können aber nur live erlebt werden; «es gibt keine Aufzeichnung, die später im Internet abrufbar ist», heisst es auf der Internetseite der Pfarrei. Einzelne Predigten, auch aus Zeiten vor Corona, sind aber als Audio-Files aufgeschaltet und können so nachträglich angehört werden.

Der Urdorfer Pfarrer Ivan Walther beschränkte sich derweil nicht auf die Übertragung der sonntäglichen Gottesdienste. Er stand auch unter der Woche vor der Kamera; er lud dabei unter anderem zu einem Sing-Workshop ein oder führte mit einem Gast – etwa seiner Coiffeuse – ein Gespräch. Seit 18. März streamte er jeweils um 17.45 Uhr für eine Viertelstunde oder etwas länger aus der Neuen reformierten Kirche. Nach 40 Ausgaben beendete er am Montag seine täglichen Auftritte: «Die Zahl 40 passt ja zu Quarantäne», sagt Walther schmunzelnd.

Die Live-Aufnahmen schaffen Nähe und Unmittelbarkeit

Walther hat bewusst auf Live-Aufnahmen gesetzt, ohne nachträgliche Bearbeitungen oder Schnitte. «Es gab deshalb zwar ein paar Holperer», sagt er rückblickend. «Dafür war alles authentisch, so konnte eine gewisse Nähe und Unmittelbarkeit geschaffen werden.» Dass er dabei in der leeren Kirche keine Zuhörer vor sich hatte, sondern in eine Kamera sprechen musste, stellte für ihn keine grosse Umstellung dar: Bei den Gottesdiensten sei ersichtlich gewesen, dass mehrere Personen live zusehen würden. «Ich sprach also nicht in den luftleeren Raum, ich wusste, es gibt auf der anderen Seite der Kamera Menschen, die zuschauen.»

Der Aufwand für die Video-Sequenzen sei grösser gewesen als ursprünglich gedacht. Nicht nur bezüglich Technik habe er anfänglich fast bei Null begonnen – die ersten Aufnahmen fanden noch mit einem Tablet und dem kleinen darin integrierten Mikrofon statt. Auch inhaltlich sei es eine Herausforderung gewesen, täglich eine Viertelstunde zu füllen. «Der Aufwand hat sich aber gelohnt», zeigt sich Walther überzeugt. Dies würden die vielen positiven Rückmeldungen zeigen. «Viele haben es geschätzt, dass sich die Kirche in dieser ausserordentlichen Zeit nicht zurückzieht, sondern neue Wege beschreitet.» Es sei fantastisch zu sehen, wie rasch und kreativ die Kirchen landesweit reagiert hätten.

Walther hat nun zwar seinen täglichen Corona-Stream beendet. Doch will er weiterhin Online-Gottesdienste abhalten und auch sonst hin und wieder inhaltliche Inputs zum Hören und Sehen ins Internet stellen.

Bei den drei reformierten Kirchgemeinden Dietikon, Schlieren und Weiningen hat sich der Aufwand ebenfalls gelohnt, wie Heinrich Brändli sagt. Anfänglich sei es zwar hektisch gewesen; so hätten zunächst auch private Kameras eingesetzt werden müssen. Dass sie aber gleich einen Online-TV-Sender mit Logo aufschalten konnten, hatte mit einem auf Sommer 2020 geplanten Projekt zu tun: «Wir wollten Carillon.tv ganz unabhängig vom Coronavirus ohnehin starten», erklärt Brändli. Vorarbeiten, etwa ein paar angedachte Konzepte oder Ideen, seien deshalb bereits vorhanden gewesen. «Jetzt wurden wir ins kalte Wasser geworfen», sagt Brändli lachend. «Aber wir können nun in einer Art Feldversuch wichtige Erfahrungen sammeln.» Es zeige sich beispielsweise, welche Formate wie ankommen. Neben den Gottesdiensten werden auf Carillon.tv unter anderem auch Worte zum Tag sowie kurze Musikstücke – etwa ein Ständchen vor einem Altersheim – gezeigt.

Online-Angebote könnten für die Kirche eine wichtige Funktion übernehmen, ist Brändli überzeugt. Er denkt dabei nicht nur an ältere oder kranke Personen, denen der sonntägliche Gang in die Kirche schwer fällt. «Mit einem Videostream können wir auch Junge oder Erwachsene erreichen, die nicht jeden Sonntagmorgen in der Frühe aufstehen wollen.» Den traditionellen Gottesdienst brauche es selbstverständlich weiterhin, sagt Brändli. Aber wenn dieser als Liveübertragung oder als zeitversetzte Aufzeichnung zusätzliche Leute erreiche, sei das für die Kirche doch eine gute Entwicklung.

Bis 70 Personen sind am Sonntagmorgen live dabei

Gemäss ersten Erkenntnissen kommen die aufgenommenen Gottesdienste gut an. Auch wenn sie auf den sozialen Medien gar noch nicht richtig angekündigt und beworben wurden, seien die Klickzahlen vielversprechend, sagt Brändli. Einzelne Gottesdienste würden ein paar hundert Mal angeschaut. «Und dabei sitzen oft mehrere Personen vor dem Bildschirm.» So gebe es beispielsweise auch in Altersheimen Übertragungen im Fernsehzimmer.

Es werden sowohl die Liveübertragungen als auch die Aufzeichnungen der Gottesdienste genutzt. «Am Sonntagmorgen verzeichnen wir beim Läuten der Kirchenglocken bis 70 Zugriffe gleichzeitig», sagt Kirchgemeindeschreiber Heinrich Brändli. Einen weiteren Höhepunkt werde am Sonntagnachmittag gegen 17 Uhr verzeichnet, wenn offenbar bei vielen Personen oder Familien ein Zeitpunkt der Ruhe einkehre. «Aber auch drei, vier Wochen nach einem Gottesdienst greifen immer wieder Personen auf eine Aufzeichnung zu.»

Die Kirchgemeinden im Limmattal finden nicht nur bezüglich der Gottesdienste neue Formen. Sie versuchen, dass sie auch ihre kleineren Angebote und Dienstleistungen aufrechterhalten können. So informierte beispielsweise der Schlieremer Pfarrer Christian Morf zum Schluss eines seiner aufgezeichneten Gottesdienste, dass das Bibelgespräch auch in Corona-Zeiten weitergeführt werden soll – nun halt über eine Videokonferenz. Und dann lud er die Zuschauer auch gleich noch zum traditionellen Chile-Kafi ein: Jeder, regte Morf an, soll sich doch ein feines Getränk machen und dann jemanden, den er lange nicht mehr gesehen und gesprochen habe, anrufen.

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