Während sich am WEF in Davos während der letzten Tage Gäste aus aller Herren Länder zusammensetzten, traf auch in Dietikon eine internationale Runde zusammen. Allerdings ging es dabei nicht um die Aushandlung von Freihandelsabkommen, sondern um viel Grundsätzlicheres: das Erlernen Schweizerischer Kultur und Grundwerte. Wer hier aufwächst, weiss: Man sagt sich Grüezi, schaut sich in die Augen und gibt sich dabei die Hand. Man kennt Schweizer Eigenschaften wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit und weiss über unser einzigartiges politisches System mit all seinen Abstimmungen und dem jährlich wechselnden Bundespräsidenten Bescheid.

Aber was ist, wenn man dies alles neu, komplett von Anfang an lernen muss, wenn man noch nie an einer Abstimmung teilgenommen oder einen Gemeinderat gewählt hat und Pünktlichkeit nicht diesen Stellenwert hat, dass eine S-Bahn bereits ab drei Minuten als verspätet gilt?
Dieser Frage haben sich die vier Dietiker Kirchen im Verband Connect Dietikon angenommen. Sie organisieren Kulturschul-Nachmittage für Asylsuchende. Das Ziel der jeweils drei Nachmittage zu je zwei Stunden ist, den Asylsuchenden die hiesige Kultur und die Lebensweise näherzubringen und Wissen zu Land, Politik und Leuten zu vermitteln. «Damit die Integration gelingen kann, müssen wir den Asylsuchenden unsere Kultur vermitteln. Dies ist essenziell, damit sie sich hier zu Hause fühlen», sagt Brigitte Bärtschiger, welche die Kurse zusammen mit ihrem Mann organisiert und leitet.

Doch das Vermitteln einer Kultur ist nicht einfach. Wie verwirrend es für die 27 anwesenden Männer aus verschiedensten Herkunftsländern sein kann, plötzlich mit Meinungsfreiheit und der gelebten Demokratie konfrontiert zu werden, zeigt die Abstimmung, ob man sich in der Klasse duzen oder siezen soll. Nur wenige verstehen, dass sie ihre Meinung einbringen und damit auch entscheiden dürfen. Sie sind ab dieser Tatsache fast überfordert, bedenkt man, dass viele der Männer sich in ihrem Leben noch nie politisch einbringen durften. «Als Schweizer hat grundsätzlich jeder das Recht, abzustimmen und zu wählen», erklärt Michael Bärtschiger den Männern und erzählt mehr über das politische System der Schweiz.

Simultan auf Tigrinya übersetzt

Immer wieder wird er von einem der Männer unterbrochen, es werden viele Fragen gestellt: «Was macht eigentlich der Bundeskanzler?» – «Seit wann genau gibt es jetzt die Schweiz?» Bärtschiger erklärt es, gibt Beispiele und versucht zu vermitteln. Doch die sprachlichen Barrieren sind manchmal ein Hindernis. Während die beiden Dozenten auf Hochdeutsch referieren, wird im Saal simultan mit Mikrofon und Kopfhörer übersetzt: auf Englisch, Syrisch, Persisch und Tigrinya – die Sprache Eritreas.

Oft sei es daher einfacher, den Asylsuchenden visuell zu zeigen, was es zu lernen gebe, sagt Daniel Gerber, Sozialdiakon der reformierten Kirche. Was bei abstrakteren Themen wie Staatskunde schwieriger ist, eignet sich bei einfacheren Themen des hiesigen Lebens besser. Brigitte und Michael Bärtschiger zeigen vor der Klasse, wie man sich begrüsst, dass ein Händeschütteln höflich, die drei Küsschen auch zwischen Männern und Frauen normal und Augenkontakt sehr wichtig ist. Denn diese Dinge seien typisch Schweiz, so Brigitte Bärtschiger. «Wir wollen euch nicht sagen, dass hier alles am besten ist, aber ihr müsst verstehen, wie die Dinge funktionieren und wie man mit Schweizern zusammenlebt.»

Nur so, mit Verständnis, Ehrlichkeit und Toleranz, könne dieses Land dann auch zur Heimat der Männer werden, denn diese Dinge seien elementar, sagt sie. Einer der anwesenden Asylsuchenden hebt die Hand, der Dolmetscher übersetzt: «Wenn Ehrlichkeit hier so wichtig ist, sind die Politiker in diesem Land denn alle ehrlich mit den Bürgern?» Bärtschiger erwidert, dass sie dies nicht beantworten könne, zudem müsse sie sehr aufpassen, was sie nun sage – und sagt nichts.

Die besprochenen Themen sind jedoch nicht nur lockere Kost. Den Asylsuchenden wird auch verständlich gemacht, dass sie in der Schweiz in vielen Belangen zwar mehr Freiheit haben, dies aber auch mit Pflichten zusammenhängt, die beachtet werden müssen. So sprechen Brigitte und Michael Bärtschiger über die Religions- und die Ehefreiheit, aber auch über die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Dinge, wie die beiden sagen, über die man unter keinen Umständen hinwegsehen dürfe und könne.

Die Frage der Verantwortung

Die Kulturschule gibt es seit dem letzten November. Die Dietiker Kirchen haben das Konzept nach dem bereits existierenden Thuner Vorbild übernommen und unter der Leitung des Ehepaars Bärtschiger aufgebaut. «Uns geht es bei diesen Kursen darum, Kultur und Wissen zu vermitteln und eine nachhaltige Integration zu ermöglichen», sagen die beiden.

«Nach meinen Angaben beziehen rund 80 Prozent aller Asylsuchenden, die bereits zehn Jahre in der Schweiz leben, immer noch Sozialhilfe. Das kann es ja nicht sein. Weder für sie noch für uns Schweizer.» Aus diesem Grund versuche man nun, diese Situation zu verbessern und die Menschen richtig zu integrieren. «Die Kirchen haben diesen Auftrag übernommen, weil sich sonst kaum jemand darum kümmert», sagt Gerber. «Beim Flüchtlingswesen schiebt jeder die Verantwortung auf den anderen ab, obwohl es Aufgabe des Staates wäre, für eine angemessene Integration zu sorgen.» Doch stattdessen würden Asylsuchende vom Bund aufgenommen und an die Gemeinden weiterverteilt werden, denen dann die Kapazität und oftmals auch das Geld zur Betreuung fehlen würden.

Für Gerber ist dies der falsche Weg. Denn die Betreuung der Asylsuchenden sei sehr wichtig. «Wir brauchen den Kontakt mit diesen Menschen, damit wir Schranken abbauen und soziale und kulturelle Probleme – auch im Bezug auf die Religion – verhindern können.»