Antiviral

Schutz gegen Corona: Dank diesem Start-up aus Schlieren bleiben Textilien virenfrei

HeiQ-CEO Carlo Centonze (links) und Virologe Thierre Pelet präsentieren eine mit «HeiQ Viroblock NPJ03» ausgerüstete Maske.Bild: zvg

HeiQ-CEO Carlo Centonze (links) und Virologe Thierre Pelet präsentieren eine mit «HeiQ Viroblock NPJ03» ausgerüstete Maske.Bild: zvg

Ein Schlieremer Start-up hat eine Textilveredelungstechnologie gegen Coronaviren entwickelt. 300000 Schutzmasken sind schon unterwegs.

Überraschend kündigte das Schlieremer ETH-Spin-off HeiQ Materials kürzlich an, eine antivirale und antibakterielle Textilveredelungstechnologie entwickelt zu haben, die auch gegen das Coronavirus wirksam ist. Dabei geht es nicht um theoretische Zukunftslösungen. Zusammen mit einem chinesischen Gesichtsmaskenhersteller wurde die Produktion bereits gestartet.

Obwohl der Versand aus China in der aktuellen Lage alles andere als einfach sei, sollen die ersten 300000 Masken laut HeiQ-CEO Carlo Centonze innerhalb dieser Woche in der Schweiz eintreffen, um in Spitälern genutzt zu werden. Sie sollen helfen, Kreuzkontaminierungen zu reduzieren. «Wir wollen dazu beitragen, unser Pflege- und Gesundheitspersonal an der Front gesund zu halten», sagt er.

"Der Maskenverbrauch ist ziemlich gross": Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten BAG. (30.3.2020)

Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten BAG, am Montag: "Der Maskenverbrauch ist ziemlich gross." (30.3.2020)

Täglich würden zwischen ein und zwei Millionen Masken gebraucht werden. Es seien aber genügend Masken für Pflegepersonal vorhanden.

«Wir haben alleine in der letzten Woche rund 600 Anfragen erhalten», sagt Centonze, der vor dem Telefongespräch mit der «Limmattaler Zeitung» gerade vom Interview mit CNN kommt. Derzeit absolviere jeder in der Firma Überstunden und auch am Wochenende werde viel gearbeitet. «Ich bin sehr stolz, wie mein Team sich voll ins Zeug legt und an einem Strang zieht, um bei der Bewältigung dieser Krise aktiv mitzuhelfen», sagt er.

Weltweit einzigartige Technologiekombination

In einem nächsten Schritt sollen neben Masken auch medizinische Kleider und Bettwäsche in Spitälern oder Altersheimen mit dem lancierten «HeiQ Viroblock NPJ03» ausgerüstet werden. «Wir überlegen uns, unsere Technologie auch an kompetente Mitbewerber weiterzugeben, um überhaupt mit der Nachfrage mithalten zu können», sagt Centonze. Bei der Verbreitung der Technologie stelle er immer wieder fest, wie extrem bürokratisch die Welt sei. Gerade in einer solchen Ausnahmesituation sollten Landesregierungen mehr Unterstützung leisten, um technokratische Hürden zu senken und damit den Prozess zu beschleunigen.

«HeiQ Viroblock» kombiniert Silber- und Vesikeltechnologie. Die Silbertechnologie wurde ursprünglich von Centonzes Gründungspartner, dem chemischem Ingenieur Murray Height, zur Geruchsreduktion von sportlicher Funktionskleidung entwickelt. Sie ist aber auch effizient im Einsatz gegen Bakterien und habe auch eine antivirale Wirkung. Die von Virologe Thierry Pelet, der im wissenschaftlichen Beirat von HeiQ sitzt, entwickelte Vesikeltechnologie könne diese antivirale Wirkung verstärken und sorge dafür, dass sich eine viruzide Wirkung innert Sekunden entfalten kann, erklärt Centonze. Die Kombination dieser Technologien sei bisher weltweit einzigartig. Laut Tests ist die Virusinfektiosität von behandelten Masken 99,99 Prozent tiefer als bei unbehandelten. «Wir wollen verhindern, dass Textilien zu einer Kontaktoberfläche für die Verbreitung schädlicher Viren und Bakterien werden», sagt er.

Vor Jahren keine Nachfrage nach antiviralen Textilien

Dass HeiQ so früh nach Ausbruch der Corona-Pandemie eine marktreife Technologie für Coronaviren-resistente Textilien präsentieren konnte, hängt mit der geleisteten Vorarbeit und der Geschichte der Firma zusammen. Bei einer Bergtour vor 15 Jahren kamen Centonze und Height dank ihren schlecht riechenden Polyestershirts auf die Idee, etwas dagegen zu unternehmen. Nicht umsonst erinnert der Firmenname an «hike», das englische Wort für «wandern». Weil die entwickelte Silbertechnologie auch gegen Bakterien und Viren wirkt, sei das Unternehmen auch schnell in den Medizinaltechnologiebereich reingerutscht. 2011 bis 2013 arbeitete HeiQ bereits an antiviralen Technologien und entwickelte eine wissenschaftlich validierte Lösung. Mangels Nachfrage verschwand diese aber wieder in der Schublade.


«In der Krise konnten wir auf unser Konzept und die vielen gesammelten Daten von damals zurückgreifen», sagt Centonze. Die grösste Herausforderung sei es gewesen, mit Ausbruch der Krise die ganze Produktion hochzufahren, um innerhalb von kurzer Zeit viel grössere Mengen herzustellen. «Das braucht normalerweise neun bis zwölf Monate, aber wir haben es in knapp zwei geschafft», sagt Centonze, dessen Firma heute rund 90 Mitarbeitende in zwölf Ländern beschäftigt und neben jenen in der Schweiz auch Produktionswerke in Australien und den USA betreibt. Das Ziel ist, die in Schlieren entwickelte Technologie in über 50 Länder zu vertreiben, in denen HeiQ operativ tätig ist.

Alltagskleider könnten mit Spray behandelt werden

«Aber unser oberstes Ziel ist es, etwas beizutragen, damit unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht und wir unserem Pflegepersonal in der logistischen Unterstützung zur Hand gehen», sagt Centonze. Dass die Firma soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit ernst nimmt, zeigt ein Blick auf ihre Geschichte und ihren CEO, der 2002 die gemeinnützige Stiftung Myclimate mitgründete. 2019 wurde HeiQ mit dem Schweizerischen Umweltpreis der Wirtschaft ausgezeichnet für die Entwicklung einer Technologie, mit der beim Färben von Polyester bis zu 35 Prozent weniger Wasser, Energie und Zeit verbraucht und damit weniger CO2-Emissionen verursacht werden. 2010 beteiligte sich die Firma nach der Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko an der Entwicklung des Vliesstoffs Oilguard, um die Öl-Kontamination einzudämmen.

In Zukunft könnte «HeiQ Viroblock» auch für im Alltag getragene Kleider interessant werden. Derzeit bleibt die Technologie auch auf normalen Kleidern während zehn Waschgängen wirksam. HeiQ ist
bestrebt, diese Zahl deutlich zu erhöhen. Zusammen mit zwei grossen Firmen sei man dran, eine Spray-Applikation für bestehende Kleider zu testen. Dann könnten Kleider dereinst wie beim Imprägnieren von
Jacken oder Schuhen immer wieder nachbehandelt werden. Centonze sagt dazu: «Die ersten Tests haben gezeigt, dass es grundsätzlich funktioniert. Aber bis eine solche Anwendung kommerzialisiert werden kann, wird es noch dauern.»

Meistgesehen

Artboard 1