Die Brisanz der Gerichtsverhandlung von gestern machte schon ein Blick in den grossen Gerichtssaal des Zürcher Obergerichts klar: Der Zuschauerraum war vom Morgen an gut gefüllt. Unter den Anwesenden sass nicht nur der Schlieremer Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher, sondern auch eine grosse Delegation von uniformierte Stadtpolizisten. Im vorderen Teil des Saals zog sich das optische Kräfteverhältnis weiter.

Angesichts der vierköpfigen Anklagebank – darunter die Verteidiger Valentin Landmann und Max Birkenmaier – wirkte der Kläger etwas verloren auf seiner Klägerbank. Umso mehr, weil er alleine da sass, zumal er seiner Anwältin noch vor der Verhandlung das Mandat entzogen hatte. Und wenn denn das Gericht am Ende in vielen Punkten zu seinen Gunsten entschied, so war das wohl nicht auf seinen Auftritt zurückzuführen.

Zu Beginn der Verhandlung befragten Oberrichter Marco Ruggli und Gerichtspräsident Daniel Bussmann den randständigen Geschädigten. Dabei wirkte der 48-Jährige bei vielen Antworten trotzig und zögerlich. Oft verwies er auf die Akten der Beweisaufnahme, in denen seine Aussagen bereits festgehalten waren. Er selbst hatte einen grossen Stapel Dokumente vor sich liegen, aus denen er im weiteren Verlauf immer wieder zitierte.

Was an seinen Antworten aber erstaunte, war die Detailgenauigkeit, mit der er etwa die Tätlichkeiten der Polizisten vier Jahre nach dem Tattag beschrieb. Gerichtspräsident Bussmann merkte bei der Urteilsverkündung denn auch an, dass bei all den Vorbehalten gegen die Glaubwürdigkeit des Klägers ihm doch ein «erstaunliches Gedächtnis» attestiert werden müsse.

Verteidigung trat überzeugend auf

Verglichen mit den Auftritten der Verteidiger der beiden Angeklagten machte der Geschädigte Schrebergärtner jedoch einen wenig überzeugenden Eindruck. Birkenmaier und Landmann traten als erfahrene Redner und gewiefte Kenner ihres Fachs auf. In seinem rund vierzigminütigen Plädoyer schaffte es Landmann, die Glaubwürdigkeit des Klägers stark zu schmälern, indem er das Bild eines alkoholsüchtigen, psychisch erkrankten Randständigen zeichnete. Der Geschädigte selbst beantragte zu Beginn der Verhandlung, dass er den Gerichtssaal während der Reden der Verteidigung verlassen könne.

«Das will ich mir nicht anhören», erklärte er. Das Obergericht willigte ein. Birkenmaier und Landmann versuchten schliesslich auch, die Aussagen der beiden Zeugen – den Hausarzt des Klägers sowie den Betreiber des Bowlingcenters in der Nachbarschaft des Tatorts – zu torpedieren. Sie verwiesen dabei auf ein forensisches Privatgutachten, das darauf schliessen lasse, dass sich der Geschädigte angesichts der von den Zeugen beschriebenen Symptome die Verletzungen nicht am Tattag zugezogen haben konnte.

Im Zentrum des Interesses stand ein hufeisenförmiges Hämatom in der Gegend des Solarplexus. Weil der Hausarzt des Klägers die blauen Flecken und Schürfungen seines Patienten nicht fotografisch dokumentiert hatte, mussten die Zeugen es auf einer Abbildung eines Männerkörpers einzeichnen und farblich beschreiben.

Staatsanwalt referiert emotionsarm

Der leitende Staatsanwalt Hans Maurer stellte dann in einem vergleichsweise emotionsarmen Plädoyer das gefühlsmässige Kräfteverhältnis wieder her. Er verwies darauf, dass ein forensisches Gutachten sich nicht für rechtsgültige Schlüsse eigne, wenn es auf den Beschreibungen von zwei Nichtforensikern beruhe. Er räumte ein, dass der Kläger «kein Einfacher» sei, und zu Übertreibungen neige. «Es geht hier aber nicht um den Geschädigten, sondern um den Vorfall vom Juni 2011. Es ist Sache des Gerichts, in seinen Aussagen die Spreu vom Weizen zu trennen», sagte er. Die Aussagen der Zeugen würden die des Randständigen stützen, was die unverhältnismässige polizeiliche Intervention angehe.

Als das Gericht am Ende zu grossen Teilen im Sinne der Anklage urteilte, kam es in der Vorhalle des Gerichtssaals zu Trostbekundungen gegenüber den beiden Verurteilten. Der Kläger aber zog sich alleine aus dem Obergericht zurück.