Selbst für eine Frau aus Deutschland, die 2011 in die Schweiz kam, gab es anfangs sprachliche Missverständnisse. Als ihr Schweizer Freund sagte, er gehe posten, fragte ihn die 29-jährige Deutsche mit Unglauben: «Warum gehst du zur Post, wenn du den Einkauf machen willst?» Und ziemlich verdutzt war die Deutsche auch, als eine fremde Person sie auf der Strasse mit der Frage anhaute: «Hesch du es Fötzeli?» Beruhigt war sie erst wieder, als sie erfuhr, dass ein Stück Papier gemeint ist.

Lustige Anekdoten und persönliche Geschichten wurden am Samstag unter dem Motto «Geschichten von Fern nach Nah» im Restaurant Mühleacker in Schlieren erzählt. Den Anlass hat der Verein Jass zusammen mit der Integrationsstelle Schlieren organisiert. Dabei befragte Jass-Mitarbeiterin Corinne Germann fünf Zugewanderte aus Italien, Sri Lanka, Indien und Deutschland. «Die Idee des Anlasses ist es, Menschen für sich selbst reden zu lassen. Statt nur über Ausländer zu sprechen, werden Zugewanderte so selbst zu Experten», sagte die Jass-Gesamtleiterin Judith Bühler. Der 2015 gegründete Verein Jass setzt sich für Toleranz und Integration ein.

«Viel Zeit, um mich einzuleben»

Das Konzept des Anlasses kam an. Die Stimmung war gut, die eingeladenen Sprecher erzählten offen und frei. «Ich habe das Gefühl, vor 40 Jahren war es für Migranten in der Schweiz schwieriger als heute», sagte der 50-jährige Schlieremer Maurizio Cannizzo, der 1973 zusammen mit seinem älteren Bruder Giuseppe und den Eltern aus Sizilien in die Schweiz nach Zürich kam. «Zu Beginn war ich schlecht integriert, mein Vater, der als Saisonnier arbeitete, schickte mich in die italienische Privatschule, weil wir dachten, wir würden wieder nach Italien zurückkehren», erinnerte sich Maurizio Cannizzo. Besonders die Sprache empfand sein Bruder Giuseppe als schwierig.

Der 47-jährige Sri Ram Pararajasingam kam 1989 als Flüchtling aus Sri Lanka nach Winterthur. «Die Sprache, die Kultur und das Essen in der Schweiz waren ganz anders. Ich brauchte viel Zeit, um mich einzuleben», sagte der dreifache Vater erwachsener Kinder, der heute im Thurgau lebt und als Koch arbeitet.

Gleich den Sprung ins kalte Wasser wagte der 42-jährige Inder Vivek Nema. 1999 wurde Nema bei Swisscom als Datenanalyst angestellt. Durch die britische Kolonialzeit hat sich Englisch als Landessprache in Indien etabliert, womit Nema einen Sprachvorteil hat. Er führte seine Arbeit so gut aus, dass sein Chef ihn zum Abendessen einlud. Als Hindu war Nema Vegetarier – an jenem Abend kostete er dann aber erstmals Fleisch und Alkohol. Seine erste Zeit in Biel war für ihn gewöhnungsbedürftig: «Es war Winter, ich konnte nicht Ski fahren und es gab keine indischen Filme. Das war nicht einfach», erinnerte er sich.

«Mühleacker» war der passende Ort

Neben kulturellen Unterschieden sprach die Runde über Veränderungen in der Schweiz. «Heute hat es Produkte und exotische Früchte von überall», hielt Giuseppe Cannizzo fest. Mit der Digitalisierung habe sich die Arbeitskultur verändert, fand sein Bruder Maurizio, der selbstständiger Carosserie-Spengler ist. Derselben Meinung war auch Pararajasingam: «Die Leute haben heute weniger Zeit.» Wäre Nema König der Schweiz, würde er Yoga für alle Kinder und Gratisferien für alle anordnen. Er selbst hat durch Hot Yoga 35 Kilos abgenommen und gibt in seiner Freizeit Yoga-Stunden.

Der Anlass fand Anklang. Rosmarie Acklin von der Alterssiedlung Mühleacker schwärmte: «Ich habe auch die Sicht über uns Schweizer neu erfahren.» Ihre Nachbarin Ingrid Höhn sagte: «Allgemein mag ich Lebensgeschichten, weil man daraus lernt, wie man den Rank finden kann. In ein anderes Land zu ziehen, ist etwas sehr Anspruchsvolles.» Dass die Gesprächsrunde im «Mühleacker» stattfand, sei kein Zufall, so die Schlieremer Integrationsbeauftragte Dascha Krizan: «In der Alterssiedlung Mühleacker hat es Bewohnerinnen und Bewohner mit Migrationshintergrund, die sich in den Erzählungen wiederfinden können. Zudem hat die ältere Generation die Entwicklung der Schweiz als Einwanderungsland seit den 1970er-Jahren miterlebt.»

Die Schilderungen der Zugewanderten spiegelten sich auch in der Stellungnahme des Schlieremer Stadtpräsidenten Toni Brühlmann-Jecklin wider. Schlieren könne insgesamt auf eine durchaus erfolgreiche Integrationsgeschichte zurückblicken. Erst durch alarmierende Entwicklungen in den Agglomerationen europäischer Grossstädte habe man die Integrationsaufgabe schweizweit verstaatlicht. Zuvor überliess man sie mehrheitlich Kirchen und Vereinen, wobei die Schule schon immer eine wichtige Rolle übernahm, sagte Brühlmann auf Anfrage.