Pädo-Prozess in Dietikon

Limmattaler Kinderschänder: Verhaftung erfolgte Monate nach der Anzeige

Pädo-Prozess: Ehemaliger CEVI-Leiter teilweise geständig

Pädo-Prozess: Ehemaliger CEVI-Leiter teilweise geständig

Der 51-Jährige stand in Dietikon wegen mehr als 100 sexuellen Übergriffen an Jungen vor Gericht. Der Mann gab einen Teil der Taten zu.

Der 51-jährige Ex-Cevi-Leiter, der mehrere Knaben jahrelang missbraucht hat, stand am Dienstag vor Bezirksgericht. Die Staatsanwältin fordert 13 Jahre Freiheitsstrafe, die Verteidigung 3 Jahre. An der Hauptverhandlung zeigte sich, dass ein Teil der Übergriffe hätte verhindert werden können.

Die Limmattaler Kinderschänder-Hölle war noch schlimmer als bisher bekannt: Nachdem der Fall Ende März durch einen Bericht der Limmattaler Zeitung öffentlich wurde, haben zwei weitere Opfer Anzeige erstattet, weil der Ex-Cevi-Leiter sie missbraucht haben soll. Der eine war sechsjährig, der andere achtjährig und sein Göttibub. Damit hat der früher in Dietikon und zuletzt im Bezirk Affoltern wohnhafte Mann neu nicht acht, sondern mindestens zehn Knaben geknechtet. Staatsanwältin Simone Altenburger hat darum am 12. April eine Zusatzanklage eingereicht. Die Anklage des Schreckens wuchs damit von 42 auf 45 Seiten an.

Die Staatsanwältin forderte vor Gericht 13 Jahre Freiheitsstrafe und geht damit über das grundsätzliche Maximalstrafmass von 10 Jahren für Schändung und sexuelle Nötigung hinaus – dies ist in besonderen Fällen möglich. Die Verteidigung plädiert hingegen auf 3 Jahre.

An der Verhandlung am Bezirksgericht Dietikon zeigte sich, dass die letzten Übergriffe hätten verhindert werden können. Denn die Anzeige eines früheren Opfers, die den Fall überhaupt ins Rollen brachte, datiert vom 30. Juni 2014. Verhaftet wurde der Mann am 27. Januar 2015. Ab 2013 bis zirka Dezember 2014 hat sich der Mann an seinem zuletzt zehnjährigen Opfer vergangen. Es war der einzige Fall, bei dem es nachweislich zu einer Penetration kam. Mit dem Finger; dies ist auf einem der Videos zu sehen, die der Täter von seinem Tun anfertigte.

Betäubungsmittel vom Hausarzt erhalten

Die über zwanzig Filmaufnahmen der Missbräuche liefern zusammen mit den Aussagen der Opfer die Indizien dafür, dass der Mann die Knaben vor dem Schlafengehen betäubt hatte. Ein rechtsmedizinisches Gutachten kam anhand der unnatürlichen Schlaflage und der zumeist totalen Regungslosigkeit der Opfer zum Schluss, dass es wahrscheinlich ist, dass sie sediert wurden – offenbar mit einem rezeptpflichtigen Medikament, das sich der Täter vom Hausarzt verschreiben liess. Die Tabletten soll er jeweils in einer Packung des bekannten Migros-Ice-Teas aufgelöst haben. Einem Getränk, das notabene Koffein enthält. Selber trank der Täter aus einer anderen Packung.

Er bestreitet aber, die Opfer sediert zu haben, sondern will für die Übergriffe jeweils den perfekten Tiefschlaf-Moment abgewartet haben. Gerade in einem Bett wie seinem – einem Wasserbett – schlafe man besonders tief, gab er in der Untersuchung an. Verteidiger Roland Egli sagte zudem, der Täter habe die Filmaufnahmen jeweils abgebrochen, wenn es Anzeichen gab, dass das Kind aufwachen könnte. Darum gebe es nur Videos, auf denen sich die Kinder nicht bewegen.

Weiter plädierte Egli, dass ein Teil der Übergriffe auf die einzelnen Opfer verjährt sei. Die Staatsanwältin argumentiert hingegen, dass es sich um andauernde Delikte handelte und die einzelnen der regelmässigen Übergriffe auf das gleiche Opfer jeweils als Deliktseinheit zu sehen und damit auch nicht teilweise verjährt sind. Den Missbrauch eines der Opfer bestreitet die Verteidigung zudem gänzlich. «Grundsätzlich» würden die Vorwürfe der Anklage aber zutreffen, erklärte der Angeklagte.

«Zu 95 Prozent ein guter Mensch»

Er und sein Verteidiger wiesen zudem daraufhin, dass er während 95 Prozent der Zeit gut zu den Kindern gewesen sei, schliesslich ging er mit ihnen in die Ferien, liess sie auf seiner Xbox spielen und half bei den Aufgaben. Die Staatsanwältin und einer der Opfer-Anwälte entgegneten, dass dies deliktsvorbereitende Handlungen waren – hat doch der Ex-Cevi-Leiter zu allen Opfern zuerst ein Verhältnis aufgebaut. Mit der Mutter eines Opfers hatte er sogar eine Art Beziehung.

Das Bezirksgericht – namentlich die Richter Stephan Aeschbacher, Evelyne Iseli und Reto Dreier – wird sein Urteil am Nachmittag des 19. Mai verkünden. Der Angeklagte verbleibt derweil in Untersuchungshaft im Gefängnis Pfäffikon.

Unter Tränen: Das Schlusswort des Kinderschänders

Zum Schluss der Verhandlung kramte der von der Haft gezeichnete Mann die A4-Zettel aus, auf denen er sein Schlusswort verfasst hatte. Er bedankte sich bei dem Opfer, das Anzeige erstattete. So seien weitere Taten verhindert worden. Er schäme sich unendlich, die Gutmütigkeit und das Vertrauen der Kinder so schändlich für seine niederen Gelüste missbraucht zu haben. Den Eltern der Opfer sagte er, dass sie sich keine Vorwürfe machen müssten, auch wenn sie ihn nicht durchschaut hätten: «Ich habe mich ja selber nicht durchschaut.» Die Knaben seien wie eigene Kinder für ihn gewesen, sagte er schluchzend und mit feuchten Augen, bevor er sich zum Schluss nochmals direkt an die Opfer wandte: «Ich wünsche euch ein glückliches, erfülltes Leben und Gottes Segen.»

Was treibt einen Menschen zu Sex mit Kindern?

Was treibt einen Menschen zu Sex mit Kindern?

Wie wirken sich Missbräuche auf die Kinder in ihrer Entwicklung aus? Der Psychologe und Sexualtherapeut Thomas Spielmann mit Erklärungsversuchen.

Meistgesehen

Artboard 1