Hexenprozesse
Limmattaler Hexen: Sie liessen sich mit dem Bösen ein

Katharina Widmer aus Birmensdorf und Anna Schnyder aus Urdorf wurden im 17. Jahrhundert als Hexen verurteilt. Widmers Hinrichtung bildete ein Novum in der Geschichte der Zürcher Hexenprozesse.

Sandro Zimmerli
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Hexenprozesse Zürich

Hexenprozesse Zürich

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Gnadenhalber wurden einige Frauen vor der Verbrennung enthauptet.

Gnadenhalber wurden einige Frauen vor der Verbrennung enthauptet.

KEYSTONE

Ihre Bitten, sie wegen des neu geborenen Kindes doch zu verschonen und sie stattdessen aus dem Land zu verweisen, blieben unerhört. Katharina Widmer aus Birmensdorf musste sterben. Am 28. Mai 1606 wurde sie geköpft und anschliessend verbrannt. Ein Novum in der Geschichte der Zürcher Hexenprozesse. Denn erstmals wurde eine Verurteilte gnadenhalber vor der Verbrennung enthauptet.

Insgesamt 79 sogenannte Hexenprozesse mit Todesurteil im Hoheitsgebiet der Stadt Zürich hat der Historiker Otto Sigg zwischen 1487 und 1701 gezählt. Versammelt sind sie in seiner Aktenedition «Hexenprozesse mit Todesurteil – Justizmorde der Zunftstadt Zürich» aus dem Jahr 2012. Sie werfen einen Blick auf ein düsteres Kapitel der Stadt. Aus den Akten – allesamt Quellen aus dem Staatsarchiv Zürich – geht nicht nur hervor, was den Frauen zur Last gelegt wurde, sondern auch, wie die gewünschten Geständnisse zustande kamen. Mit brutaler Folter.

Katharina Widmer, die im Zürcher Wellenbergturm gefangen gehalten wurde, musste mehrere Verhöre durch die beiden Birmensdorfer Obervögte über sich ergehen lassen. Dabei wurde sie durch Strecken gemartert, bis sie schliesslich gestand, ihre Tat im Namen des bösen Geists begangen zu haben. Das Einlassen mit dem Teufel war denn auch Voraussetzung dafür, ein Todesurteil auszusprechen. Damit jemand hingerichtet werden konnte, bedurfte es eines Geständnisses der Verleugnung Gottes sowie damit verknüpft, ein körperliches Einlassen mit dem bösen Geist, also dem Teufel. Die Strafe war zwingend das Verbrennen durch Feuer.

Diesem bösen Geist war Katharina Widmer gemäss Urteil nach einem handgreiflichen Streit mit ihrem Schwiegervater begegnet. Der böse Geist trat ihr in Gestalt eines jungen Mannes in schwarzer Bekleidung gegenüber. Obschon sie ihn nicht kannte, klagte sie ihm ihr Leid. Gegen den Erhalt von Geld, das sich jedoch als Kot erwies, verleugnete Widmer Gott. Auf Geheiss des bösen Geistes grub sie später eine seit drei Tagen vergrabene Nachgeburt einer Kindbetterin aus und legte diese in ein Fass mit Apfelmost. Dadurch sollten alle, die ihr nicht gewogen waren, beim Trinken sterben. Zudem vollzog Katharina Widmer den Beischlaf mit dem Bösen.

Schuldig wegen Angst oder Neid

Wie die Akten weiter zeigen, wurde der Birmensdorfer Obervogt Thoman Schwerzenbach in einem Brief des Pfarrers, des Sittenrichters und des Untervogts über den Vorfall mit der Nachgeburt informiert. Demnach seien verschiedene Personen nach dem Genuss des Mostes übel erkrankt. Wer dafür verantwortlich zeichnete, wussten der Pfarrer und seine Mitunterzeichner noch nicht. Etliche Personen bezichtigten da aber bereits Katharina Widmer der Tat.

Dieses Muster zieht sich laut Sigg durch eine Vielzahl der Hexenprozesse. Am Anfang der Verfolgung standen oft Argwohn, Missgunst oder Angst der Nachbarn. In der kleinräumlichen Dorfgemeinschaft musste jemand nur durch sein Äusseres, sein Verhalten oder seine Worte aus der Reihe fallen und schon begangen die Tuscheleien oder Verdächtigungen. «Versiegte nun bei einer Kuh die Milch, seuchte ein Schwein dahin, erkrankte ein Mensch, begegnete man an ungewohntem Ort einer Katze, wütete ein Unwetter, waren die angeblich Schuldigen oft rasch ausgemacht», schreibt Sigg. Als eigentliche Täter bezeichnet der Autor aber die Obrigkeiten. Also jene Instanz, der die Gerechtigkeit anvertraut war, und die unschuldige Menschen zum Tode verurteilte.

Zeit geprägt von Gewalt und Not

Dies alles spielte sich vor dem Hintergrund einer von Gewalt und Not geprägten Zeit ab. Auch das lässt sich in den Akten zu Katharina Widmer nachlesen. Sie lebte mit ihrem Mann beim Schwiegervater. Dieser schlug seinen Sohn, der wiederum seine Frau züchtigte. Zudem soll der Schwiegervater ihr und ihrem Kind trotz Hungers Brot vorenthalten und absichtlich ein versalzenes Mus vorgesetzt haben. Dies tat er unter anderem deshalb, weil Katharina angeblich nicht haushalten konnte.

Doch auch die Gewalt, der Katharina Widmer ausgesetzt war, konnte sie nicht vor der Verhaftung und der anschliessenden Qualen retten. Bei ihrer Überführung war sie seit 15 Wochen schwanger. Ihr Kind brachte sie während der Gefangenschaft zur Welt. Bei den Verhören sagte sie zuerst aus, dass sie die Vergiftung mit der Nachgeburt nicht auf Geheiss des Bösen, sondern aus Wut und Verzweiflung begangen hatte. Die Folter machte sie schliesslich gefügig. Auch wenn Katharina Widmer zwischendurch zu Protokoll gab, sie gestehe die ihr zur Last gelegten Verbrechen nur, um Folter und Gefangenschaft zu entgehen.

Es nützte nichts. Wegen des «verruchten, gottlosen, unchristlichen und schändlichen Lebens, als da sie sich Gottes des Allmächtigen verzigen und sich an den bösen Geist ergeben und aus Anweisung desselbigen ganz ungebührliche Sachen verrichtet und Leute zu schädigen begehrt hat», soll der Nachrichter sie hinaus zur Sihl führen. Dort er ihr «ihr Haupt mit einem Schwert von ihrem Körper schlagen, also dass ein Wagensrad zwischen dem Haupt und Körper durch gehen möge, und dann den Körper samt dem Haupt auf eine Hurd in das Feuer werfen, das Fleisch und Gebein zu Asche brennen und die Asche darauf dem fliessenden Wasser befehlen».

Auf dieselbe Weise schied am 26. Juli 1643 auch die Urdorfer Witwe Anna Schnyder aus dem Leben. Sie wurde ebenfalls nach einem unter Folter abgerungenen Geständnis als Hexe verurteilt. Ihr wurde von verschiedenen Zeugen vorgeworfen, sie hätte sie geschädigt – und zwar durch vom Bösen übergebene Samen. So gab etwa die Frau von Hans Bräm zu Protokoll, dass Schnyder ihren eigenen Ehemann, Peter Steiner, im Wirtshaus mit mysteriösen Samen beworfen habe, worauf dieser kurze Zeit später im Spital in Zürich verstorben sei. Im Urteil heisst es , dass fünf Jahre zuvor der böse Geist zu Schnyder gekommen sei und sie aufgefordert habe, sich ihm zu ergeben. Dieser habe ihr Fahrblüemli-Samen ausgehändigt und ihr geraten, diese all jenen anzuwerfen, die sie beleidigen würden. Einige Zeit später sei es im Dietikerberg sogar zu einem Hexensabbat gekommen.

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