Schlieren
"Kinderlieder für Erwachsene": Von Tigerfinken und Liebestragödien

Martin von Aesch trug im Stürmeierhuus «Kinderlieder für Erwachsene» vor. Er sang von der Furcht, sich zu blamieren, und von der tragischen Liebe zu seiner Lehrerin.

Tobias Bolli
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Nachdem Martin von Aesch seine Schuhe gegen die «Tigerfinkli» ausgetauscht hatte, war er bereit für den Auftritt.

Nachdem Martin von Aesch seine Schuhe gegen die «Tigerfinkli» ausgetauscht hatte, war er bereit für den Auftritt.

Tobias Bolli

Einmal, nur einmal werde er sich heute umziehen, kündigte Martin von Aesch an. «Ich werde den Wechsel auch gleich auf der Bühne vornehmen, ihr könnt mir alle dabei zuschauen.» Das Publikum, das schon dabei war, sich höflich abzuwenden, schmunzelte vergnügt. Die Verwandlung fand nur an den Füssen statt, dort aber gründlich: «Tigerfinkli» trug er nun, jene gemusterten Schweizer Finken mit dem knallroten Pompon obendrauf.

Damit war das Hauptthema des Abends lanciert. Im Stürmeierhuus in Schlieren sang von Aesch von der Angst, sich zu blamieren, mit abgesägten Hosen dazustehen – oder eben in knallroten Finken.

Nicht von ungefähr heisst auch das Programm am Mittwoch so: «Tigerfinkli». Er träume von ihnen, hob er singend an, ja könne sich nicht vor ihnen retten! «Schampar süess» seien sie, «und en Traum für mini Füess» – aber eben nicht für die Augen anderer geeignet.

So träumte er davon, im Rampenlicht Hollywoods seinen wohlverdienten Preis zu empfangen – und dann mit diesen Finken auf die Bühne zu schlurfen. Oder als Bundesrat aufzutreten – nur um an seinen Füssen wiederum die «Tigerfinkli» zu entdecken.

Dabei beschrieb der Schlieremer Jugendbuchautor, Primarlehrer und Musiker nicht primär die Reaktion der anderen – ihr schallendes Gelächter, ihr beissender Spott –, sondern die eigene Reaktion auf das Bewusstsein, schlecht dazustehen. Dieses Bewusstsein kann auch nur eine Täuschung sein, hat aber dennoch Macht über uns.

Darauf präsentierte von Aesch «De Fuessballstar», das erste Stück, das ihn zu diesen «Kinderliedern für Erwachsene» inspiriert hatte. «Hinter allne starche Manne stoht e starchi Frau», sang von Aesch und erinnerte sich an eine Mitschülerin, die ihm bei den Hausaufgaben half.

So konnte er tun, wozu er sich eigentlich berufen fühlt: Fussball spielen. Irgendwann liess sich die Schülerin aber nicht mehr von ihm ausnutzen und begann selbst zu kicken. Während er weiterhin in der 5. Liga dümpelte, stürmte sie von Erfolg zu Erfolg.

Und so blieb von Aesch nur noch die Umkehrung seines Ausgangspunkts: «Hinter allne starche Fraue stoht en starche Ma.»

Lieben wie der Präsident

Musikalisch unterstützt wurde von Aesch vom Gitarristen Dani Solimine und Yves Martinek am Piano. Zusammen mit drei Bläsern spielten sie einen wohlgelaunten Jazz, der, wenn es die Lyrics diktierten, auch schmollen und plärren konnte.

So etwa bei einem tragischen Liebeslied. Wie der französische Präsident, erinnerte sich von Aesch, habe er sich einst in seine Lehrerin verliebt. Nur sei diese nicht annähernd so hörig gewesen wie Madame Macron, die sich vom einstigen Schüler ja tatsächlich hatte heiraten lassen.

Von Aesch, der seine starke Präsenz auf der Bühne nicht nur den «Tigerfinkli» verdankte, hob voller Inbrunst an, davon zu berichten. Jeder einzelne Blick dieser Dame habe ihm fast das Genick gebrochen. Derart verliebt in sie, sei er auch noch zum Spalier stehen verurteilt gewesen – nur um die Lehrerin an der Hand eines anderen aus der Kirche schreiten zu sehen. Und so sagte er sich trotzig: «So machts mir nüme Spass / drum wechsle ich etzt d Klass.»

Das vollzählige Publikum hatte am Auftritt der Musiker offenbar viel Vergnügen. Als der Applaus allmählich abebbte, hörte man es aus der hinteren Reihe raunen: «Isch direkt zum Brüele schö gsi.»

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