Dietikon

In ihrer Moschee hat es Platz für Spirituelles und Spass

Ersin Tan und Cihan Gökgöz von der Islamischen Gemeinschaft Dietikon sprechen bei einem Rundgang durch ihr Gotteshaus über Ängste, Frieden und Darts.

Der Boden ist ausgelegt mit einem rot-blauen Teppich. Ins Auge stechen die zwei gelben Bilder mit schwarzer arabischer Schrift, die prominent gegenüber dem Eingang an der Wand hängen. «Allah steht auf dem rechten Bild geschrieben und auf dem linken Mohammed», sagt Ersin Tan. Dazwischen befindet sich ein grünes Gemälde, das ebenso mit arabischen Lettren versehen ist. «Darauf ist unser Glaubensbekenntnis zu lesen: Es gibt kein Gott ausser Allah», erklärt Tan. Der Präsident der Islamischen Gemeinschaft Dietikon steht mit Cihan Gökgöz im grossen Gebetsraum der Dietiker Moschee.

«Wenn ich Muslimen aus einem islamischen Land sagen würde, dass das hier eine Moschee ist, würden sie lachen», sagt Tan. Moscheen müssten von Weitem als solche erkennbar sein. Das Haus an der Bergstrasse gleich neben der Reppisch ist von aussen jedoch unscheinbar. Und auch im Innern erinnere es eher an eine Wohnung als an ein Gebetshaus, findet Tan. «Unter uns Gläubigen nennen wir den Ort deshalb lieber ‹Mescid›, was so viel wie Versammlungsort heisst», sagt Gökgöz, der die Kommunikationsarbeit für den 1992 gegründeten Verein übernimmt.

Über 130 Mitglieder zählt die Glaubensgemeinschaft. Vornehmlich besuchen türkische Muslime das Gotteshaus. Das hat damit zu tun, dass die Gründer der Islamischen Gemeinschaft Dietikon aus der Türkei stammen. Doch auch Muslime mit Wurzeln im Balkan, in Nordafrika, im Nahen Osten sowie Gläubige aus Afghanistan, Ghana oder Somalia sind anzutreffen.

Die Predigt wird auch auf Deutsch gehalten

Es sei immer noch so, dass die verschiedenen Islamischen Gemeinschaften vielfach nach Nationen aufgeteilt seien. «Die Gründer in den 1970er- und 1980er-Jahren waren noch stark mit ihren Heimatländern verbunden. Doch für die junge Generation von Muslimen, die in der Schweiz geboren wurde, spielt die Sehnsucht zum Herkunftsland heute keine grosse Rolle mehr», sagt Tan. Er halte die Freitagspredigten deshalb nicht mehr nur auf Türkisch oder Arabisch, sondern immer auch auf Deutsch, damit alle etwas verstehen würden.

Das Haus dient Muslimen aus Dietikon und Umgebung nicht nur als Gebetsstätte, sondern auch als Treffpunkt und Schule. «Wir bieten Islam- und Koranunterricht sowie viele Aktivitäten für Kinder und Jugendliche an. Zudem können sie die Räume in ihrer Freizeit nutzen», sagt Tan und zeigt auf den grossen Fernsehbildschirm, der neben der Kanzel im Gebetsraum angebracht ist. «Darauf spielen die Jugendlichen am Freitagabend zum Beispiel Playstation.» Auch Feste könne man in der Moschee feiern. So etwa die Geburt eines Kindes oder Trauungen. «Manchmal kommen auch Dietiker Schulklassen vorbei und wir geben ihnen einen Einblick in die Moschee. Dieses Jahr waren schon sechs Klassen bei uns», sagt Gökgöz.

Da der Islamischen Gemeinschaft der Austausch mit Andersgläubigen am Herzen liegt, öffnet die Moschee anlässlich der Woche der Religionen kommende Woche am Samstag, 9. November, von 13 bis 15 Uhr ihre Tore für Besucherinnen und Besucher. «Wir führen durch die Moschee, zeigen Interessierten die Räumlichkeiten und beantworten Fragen», sagt Gökgöz. Das Ziel des Anlasses sei es, Brücken zu bauen. «In der Öffentlichkeit und den Medien wird der Islam sehr negativ aufgenommen und bewertet. Wir möchten die Ängste und Vorurteile unserem Glauben gegenüber abbauen. Die Leute sollen wissen, was wir machen und wie es in unserer Moschee aussieht.» Überdies wolle man die Leute motivieren, auch sonst in der Moschee vorbeizukommen. «Wir sind keine Ausserirdischen. Viele von uns sind hier aufgewachsen, haben dieselben Schulen besucht und dieselben Erfahrungen wie unsere nichtmuslimischen Mitmenschen gesammelt», sagt Gökgöz.

An der Tür der Moschee klebt ein Sticker auf dem «Islam ist Friede» steht. Ein schwarzes Schuhregal dominiert den Korridor im Eingang. In der Moschee bewegt man sich barfuss oder zumindest ohne Schuhe. «Muslime ziehen die Schuhe aus, weil sie Allah sauber entgegentreten möchten. An den Schuhen haftet ja fast immer Schmutz», erklärt Tan. Auf der linken Seite befindet sich ein kleiner Gebetsraum, den man aber auch für den Unterricht oder als Spielstätte für Kinder nutzt. «Im Sommer kann man draussen auf der Terrasse sitzen und dem Plätschern der Reppisch lauschen», sagt Tan und zeigt auf den mit einer Pergola überdachten Vorplatz. Man sei gesegnet mit diesem Standort. Vor 24 Jahren zog der Verein an die Bergstrasse. Davor waren die Muslime an der Schöneggstrasse 2 zu Hause.

Unter der Treppe stapeln sich Getränkedosen neben zwei Festbänken und einem Tisch. Auch hier findet Unterricht statt, verrät Tan. «Wir nutzen jeden Zentimeter», sagt er und lacht. Besser einrichten könne man sich derzeit nicht. Es fehlt das Geld. Der Verein finanziert sich über Spenden seiner Mitglieder. «Wir können uns gut über Wasser halten, mehr geht aber nicht.» Das Problem sei, dass der Islam in der Schweiz nach wie vor keine anerkannte Religionsgemeinschaft sei wie das Christentum oder das Judentum. «Die finanzielle Unterstützung fehle, obwohl der Islam nach dem Christentum die zweitgrösste Religion in der Schweiz ist», sagt Tan. Es gehe nicht grundsätzlich um Geld, sondern um die Gleichbehandlung. «Wenn wir die gleiche Arbeit tun wie andere Religionsgemeinschaften, warum sollen wir anders behandelt werden?»

Viel wichtiger sei jedoch die Signalfunktion einer staatlichen Anerkennung, sagt Gökgöz. «Das würde dem Ansehen des Islams helfen und unterstreichen, dass es nichts Schlechtes ist, Muslima oder Moslem zu sein.» Dies sei vor allem in Zeiten von islamistischem Extremismus und Terror von Nöten. «Oft werden wir von Nichtmuslimen gefragt, was wir von den Anschlägen des Islamischen Staats halten würden. Auch wenn diese Frage nicht böse gemeint ist, ist sie für uns Muslime beleidigend und paradox», sagt Gökgöz. Jeder normal denkende Mensch, ob Christ, Buddhist oder Moslem könne diese Taten doch nur abscheulich finden. «Allah verbietet schlechtes, gewalttätiges Verhalten. Unser Prophet Mohammed lebte uns vor, dass man gut mit seiner Familie und seinen Nachbarn umgehen soll», sagt Gökgöz. «Und auch der Begriff Islam, der dem gleichen arabischen Wortstamm wie «Salam» entspringt, was Frieden bedeutet, unterstreicht, dass Friede im Islam im Vordergrund steht. Durch die Hingabe zu Allah soll man Friede mit sich, mit der Welt und Gott finden.»

Heutzutage will jeder ein Koranexperte sein

Kritische Stimmen, die behaupten, dass an vielen Stellen im Koran zu Gewalt aufgerufen werde und zum Beispiel alle Nichtmuslime umgebracht werden müssten, seien mit Vorsicht zu geniessen. «Diese Sätze und Aussagen werden aus dem Kontext gerissen. Zudem haben Wörter im Arabischen viele verschiedene Bedeutungen und je nach Übersetzung können sie anders interpretiert werden», sagt Gökgöz. Heutzutage hätten viele das Gefühl, dass sie Koranexperte seien, wenn sie das Buch einmal gelesen haben. Doch es gehöre mehr dazu. «Zum Studium des Korans braucht es erläuternde Schriften von Gelehrten, die helfen die Heilige Schrift und ihre Rolle in der heutigen Zeit einzuordnen.» Vielfach dauere dies fünf, manchmal sogar zehn Jahre.

Wichtig sei deshalb, dass Andersgläubige Fragen zum Islam an solche Experten richteten. Denn wie bei den Christen seien auch nicht alle Muslime gläubig und könnten Erklärungen liefern. «Ich frage ja auch nicht einen Christen, wieso er Ostern feiert oder wieso es die Kreuzzüge gab. Nicht alle wüssten Bescheid.»

Dass das Lesen des Korans und dessen Interpretation für die Gläubigen in der Dietiker Moschee bedeutend ist, zeigt sich im Gebetsraum. In den Regalen finden sich zahlreiche Ausgaben des Korans in verschiedenen Übersetzungen sowie Erläuterungen dazu von diversen Gelehrten. In der Büchersammlung gibt es aber auch Werke zur Geschichte des Islams. Gegenüber der kleinen Bibliothek befindet sich ein Bogen in der Wand mit einem kleinen Teppich davor. «Das ist die Gebetsnische, die die Gebetsrichtung zum Haus Allahs in Mekka angibt», sagt Tan. Gleich daneben erstreckt sich eine Kanzel, die aus mehreren Treppenstufen besteht. «Sie heisst Minbar. Der Imam hält das Freitagsgebet darauf. Von dort aus können ihn alle Betenden sehen.» Besonders an Gebeten an hohen Feiertagen wie etwa dem Fastenbrechen komme die Minbar zum Einsatz.

Dass die Moschee der Islamischen Gemeinschaft nicht nur ein spiritueller, sondern auch ein weltlicher Ort ist, wird spätestens in der Küche und im Aufenthaltsraum neben dem Gebetsraum ersichtlich. In der Mitte des Zimmers steht ein Billardtisch und die Wand schmückt eine Dartsmaschine. «Auch hier haben die muslimischen Jugendlichen einen Raum, wo sie nach dem Unterricht oder dem Gebet ihre Freizeit verbringen können», sagt Gökgöz. Das sei viel sinnvoller, als am Bahnhof rumzuhängen. Der Islam fokussiere sich nicht nur auf die Glaubenswelt, sondern auch auf das Irdische. «Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht nicht nur Wissen, sondern auch seine Familie, Gesellschaft und Spass», so Gökgöz. Die Aufgabe als Moslem sei nichts anderes, als diese Lebenswelten in Einklang zu bringen und für die Gemeinschaft - die muslimische und die schweizerische - nützlich zu sein.

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Autor

Sibylle Egloff

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