Schlieren

«Herr Mahmoud, Sie sind ein Schweizer» — Muslime berichteten über Ihre Alltagserfahrungen

Auch kontroverse Themen wurden in der Diskussionsrunde thematisiert.

Auch kontroverse Themen wurden in der Diskussionsrunde thematisiert.

Im Schlieremer Stürmeierhuus berichten Musliminnen und Muslime von ihren Alltagserfahrungen. Der Anlass «Menschen in Schubladen – im Gespräch mit Musliminnen und Muslimen» bot die Gelegenheit, Islam nicht nur als etwas Abstraktes zu erfahren, sondern die Religion im direkten Austausch mit Muslimen kennen zu lernen.

«Wir sind heute nicht so zahlreich, aber Qualität geht vor Quantität», sagte Judith Bühler zur überschaubaren Menge, die sich am Samstag im Stürmeierhuus in Schlieren eingefunden hatte. So wenige waren es, dass die Gründerin von Jass, einer Organisation, die sich für ein friedliches Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen einsetzt, die rund 15 Personen einen Kreis bilden liess.

Man sass sich gegenüber – Schweizer Muslime und Schweizer Nicht-Muslime – und konnte so mehr über den anderen erfahren. Der Anlass «Menschen in Schubladen – im Gespräch mit Musliminnen und Muslimen» bot die Gelegenheit, Islam nicht nur als etwas Abstraktes zu erfahren, sondern die Religion im direkten Austausch mit Muslimen kennen zu lernen.

Nach dem Zufallsprinzip wurden Buchstaben gesammelt, die ein Thema vorgaben, «G» wie Gebet oder «Z» wie Zakat. Rasch gelangte man so auf heikles, potenziell vermintes Terrain. «Sch» lautete ein Buchstabe, «Sch» wie Schlieren, aber auch «Sch» wie Scharia.

Das umfassende Regelwerk, das die Beziehungen zwischen Gott und den Menschen definiert, wurde heiss diskutiert. Schnell wurde klar: Nicht die gesamte Scharia ist mit dem Schweizer Recht in Übereinstimmung zu bringen; andererseits fordert die Scharia aber auch, dass die Grundgesetze des jeweiligen Landes einzuhalten sind. Weiter ging es mit «D» wie «Dschihad», der neben dem Verteidigungskampf, dem sogenannten «kleinen Dschihad», vor allem den «grossen Dschihad» beinhaltet – die innere Selbstzügelung, die zum richtigen Verhalten gegenüber Gott und den Menschen befähigt.

Kopftuch als grosses Thema

Danach erzählten die anwesenden Muslime von ihren Alltagserfahrungen. «Einige Lehrer haben mich akzeptiert, so wie ich war», sagte Abdelraouf Mahmoud, ein junger Mann, dem man seine Religionszugehörigkeit äusserlich nicht anmerken würde. Aber er habe auch Lehrer aushalten müssen, die explizit abwertend über den Islam gesprochen hätten. «Diese Religion hasst uns», verkündete einer im Nachgang der Anschläge vom 11. September – vor der versammelten Klasse. Doch konnte Mahmoud auch von positiven Erfahrungen berichten. Nachdem er ausgeschickt worden war, verschiedene Dokumente zusammenzutragen, habe ihm eine Beamtin ausgerichtet: «Herr Mahmoud, Sie sind Schweizer, Sie brauchen diese Dokumente nicht.» Dass er darüber hinaus vor allem Zürcher ist, sei ihm klar geworden, als er eine Zeit lang in einem anderen Kanton studieren musste.

Ein grosses Thema war das Kopftuch. Eine Muslima berichtete von einem Apothekenbesuch. Bevor sie Gelegenheit hatte, den Apotheker anzusprechen, habe sich dieser von ihr abgewendet – in der Annahme, jene kopftuchtragende Frau sei der deutschen Sprache ohnehin nicht mächtig. Als sie dann doch noch ins Gespräch kam, habe er ihr vorgeschlagen, das Kopftuch abzunehmen, um Vorurteilen wie seinen künftig vorzubeugen.

Esin Ezer berichtete vom Vorwurf anderer Muslime, dass sie den Islam durch ihren Kopftuchverzicht gegen aussen nicht genügend vertrete. Gründe für das unfreiwillige Nicht-Tragen des Kopftuches seien aber die zusätzliche Diskriminierung unter anderem bei der Stellensuche. Sie selbst versuche das Thema Religion bei der Arbeit möglichst zu vermeiden. «Man merkt mir nicht an, dass ich praktizierende Muslima bin.» In der Vergangenheit habe sie die Erfahrung gemacht, dass sich ihre Religionszugehörigkeit negativ auf das Verhältnis mit den Arbeitskollegen auswirken kann. «Sobald sie davon erfahren, distanzieren sie sich.»

Michael Imhof, der als einer der wenigen Nicht-Muslime an der Gesprächsrunde dabei war, äusserte sich positiv über den Anlass. «Meine Sicht auf die Muslime hat sich definitiv geändert. Nur wenn wir einander die Hände reichen, können wir gemeinsam weiterkommen.

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