Zwei Schlieremer Stadtpolizisten stehen heute vor dem Zürcher Obergericht. Dieses soll klären, was sich an einem Juniabend im Jahr 2011 im Schrebergarten an der Ifangstrasse abspielte. Die Beamten griffen damals in einen Nachbarschaftsstreit unter Gartenpächtern ein. Ungeklärt ist bis heute, ob sie dabei mit massiver Gewalt gegen den einen, randständigen Gärtner vorgegangen sind, oder ob lediglich eine «Routinekontrolle» etwas ruppig verlaufen ist, wie dies die Angeklagten schildern. Sowohl der Kläger als auch das erstinstanzliche Urteil des Bezirksgerichts Dietikon widersprechen zumindest der Version der Polizisten.

Laut Staatsanwaltschaft sollen sie den angetrunkenen Privatkläger in seiner Laube eingesperrt, zehn Minuten lang abwechselnd verprügelt und genötigt haben. Um den heute 48-Jährigen dazu zu bringen, ein angebliches Marihuana-Versteck zu verraten, hätten sie erneut Gewalt angewendet, so die Anklage. Dann hätten die Beamten den Randständigen verjagt und mit dem Patrouillenfahrzeug verfolgt. Schliesslich seien sie zum Schrebergarten zurückgekehrt und hätten ihn ohne das Wissen des Pächters durchsucht. Der IV-Rentner suchte vier Tage nach dem Vorfall einen Arzt auf, drei Monate später erstattete er Strafanzeige.

Zu 16 Monaten bedingt verurteilt

Das Bezirksgericht Dietikon verurteilte die beiden heute 44- und 54-jährigen Männer im Dezember 2013 wegen Amtsmissbrauchs, Nötigung, Körperverletzung, Hausfriedensbruchs sowie geringfügiger Sachentziehung zu bedingten Freiheitsstrafen von je 16 Monaten sowie 500 Franken Busse. Auf eine Schadensersatz- und Genugtuungsforderung des Randständigen von acht Millionen Franken ging das Gericht jedoch nicht ein. Der Gerichtsvorsitzende Stephan Aeschbacher erklärte damals, dass die Aussagen des Klägers «detailliert, widerspruchsfrei, differenziert und plastisch» ausgefallen seien. Den Arztbericht stufte das Gericht als belastendes Beweismittel ein, weil das Verletzungsbild des Geschädigten mit seinen Schilderungen des Tathergangs übereinstimmten. Demgegenüber kamen die Verteidigung und die nicht geständigen Angeklagten schlecht weg: Mehrere Passagen der Anwalts-Plädoyers erachtete Aeschbacher als wilde Spekulation, die Aussagen der Polizisten als stereotyp und anpasserisch. Letztere legten gegen das Urteil Berufung ein.

Der ältere der beiden Beamten hatte wegen des belastenden Strafverfahrens bereits im August 2013 seinen Dienst quittiert und arbeitet heute als Immobilienberater. Sein Mitangeklagter blieb bis zum Urteil im Dienst der Stadtpolizei. Nach dem Schuldspruch stellte ihn die Stadt zwar frei, er arbeitet jedoch weiterhin befristet beim technischen Support der Zürcher Gemeindepolizeien – sein Gehalt bezahlt die Stadt Schlieren.

Vergangenen Dezember gelangten der Kläger und die Angeklagten schliesslich vor das Zürcher Obergericht. Dieses beschloss einen ungewöhnlichen Prozessauftakt: Drei Oberrichter, die Prozessparteien und Medienvertreter nahmen an der Ifangstrasse einen Augenschein vom Tatort. Dabei wurde unter anderem das Gartenhäuschen besichtigt. Weil mehrere mit dem Kläger zerstrittene Anwohner, die am Tattag die Polizei alarmiert hatten, von den Übergriffen nichts mitbekommen haben wollen, liess der Gerichtsvorsitzende Daniel Bussmann einen akustischen Test durchführen: Der Gerichtsschreiber musste in der Gartenlaube laut schreien, um das Prügelopfer nachzuahmen – seine Schreie war auch draussen deutlich zu hören.

«Nichts falsch gemacht»

Bei der Befragung im Anschluss an den Augenschein beteuerten die Beschuldigten erneut ihre Unschuld. Sie hätten den betrunkenen, nach Marihuana riechenden Randständigen nur an den Armen gepackt, weil er sich gegen die Aufnahme seiner Personalien mit Schimpftiraden und einer Spuckattacke gewehrt habe. «Menschlich wie polizeilich», hätten sie aber nichts falsch gemacht, sagte der jüngere Polizist. Die beiden Verteidiger Valentin Landmann und Max Birkenmaier forderten volle Freisprüche, die Staatsanwaltschaft und die Rechtsvertreterin des Privatklägers hingegen die umfassende Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils.

Die Fragen der Oberrichter drehten sich nach dem Augenschein vor allem um den eingeklagten Hausfriedensbruch. Bei der heutigen Verhandlung werden nun der Kläger und Zeugen vernommen. Bei der Urteilsverkündung, die voraussichtlich am Abend erfolgt, zeigt sich, ob und wie weit das Gericht den Schuldspruch der ersten Instanz bestätigt.