Dietikon

Für ihren Start in der Hotelbranche braucht sie viel Kampfgeist

Mit frischer Motivation und einer Portion Kampfgeist: Chiara Frapolli, die neue Geschäftsführerin des Sommerau-Ticino an ihrem Lieblingsort im Restaurant. Bild: Lydia Lippuner

Mit frischer Motivation und einer Portion Kampfgeist: Chiara Frapolli, die neue Geschäftsführerin des Sommerau-Ticino an ihrem Lieblingsort im Restaurant. Bild: Lydia Lippuner

Chiara Frapolli übernahm das «Sommerau-Ticino» in Dietikon im April. Sie lernte im Sport durchzuhalten.

Chiara Frapolli steht in der Küche des Hotels Sommerau-Ticino in und schneidet Brot. Mit dem grauen Blazer und den schwarzen Faltenhosen kann sie auch sofort in den Service wechseln und einem Stammkunden den Kaffee auftischen. Auf dem Papier ist Frapolli jedoch weder Kellnerin noch Köchin, sondern Geschäftsführerin des Traditionshotels. Seit April leitet sie den Betrieb im Dietiker Zentrum in der vierten Generation.

Im Hintergrund ist immer noch ihr Vater Ezio Frapolli der Inhaber des Unternehmens tätig. Auch die Mutter ist aktiv im Betrieb: Sie steht regelmässig hinter der Bar und bewirtet die Gäste. Der Rollenwechsel von der Tochter zur Chefin sei nicht immer einfach und führe oft zu Diskussionen. «Meine Mutter ist diejenige, die zwischen den Ansichten vermittelt», so Frapolli. Doch auch ihr Vater vertraue ihr und wisse, dass er sie machen lassen müsse. Sonst könne man im beinahe 90-jährigen Unternehmen die junge Handschrift nicht erkennen. Beispielsweise führe sie anders als ihr Vater. «Ich habe eine lockere Du-Kultur unter den Angestellten eingeführt», sagt sie.
Auch sichtbare Veränderungen waren Chiara Frapolli wichtig; sie führte bereits einige kleine Änderungen wie ein neues Layout der Menükarte ein. Und die weissen Tischtücher sind einem Tischläufer gewichen. «Das Angebot bleibt aber traditionell, wir haben es nur neu interpretiert», sagt Frapolli.

Herausfordernder Start für die junge Geschäftsführerin

Kaum hatte Frapolli ihr Amt angetreten, rollte die Corona-Welle mit voller Wucht über die Schweiz. Auf diese Herausforderung konnten sie weder die Hotelfachschule in Passugg bei Chur, die sie nun bald abschliesst, noch die langjährige Familienerfahrung vorbereiten. «Ich musste mir alles selbst beibringen», sagt Frapolli. Sie meldete ihre Mitarbeiter für Kurzarbeit an und hielt das Hotel mit minimem Personalaufwand in Schuss. Zimmer richten, Küche aufräumen, Lohnabrechnungen schreiben und Personalgespräche führen: Alles gehörte mit einem Schlag zu ihrem Alltag. Frapolli hatte aufgrund der ausbleibenden Gäste auch bald die schwere Aufgabe, Leute zu entlassen. «Das war sehr unangenehm, da es langjährige Mitarbeiter waren», sagt sie.

Die Hotel- und Restaurantgäste nahmen aber derart drastisch ab, dass ihr nichts anderes übrig blieb. Momentan hat sie statt der üblicherweise 80 Hotelgäste noch durchschnittlich 25 – wobei sich dies ständig ändere. «Die Gäste wurden viel spontaner. Auf einmal rufen wieder 20 neue Leute an», sagt Frapolli. Dasselbe gelte auch für den Restaurationsbetrieb. Zurzeit ist abends nur noch das hintere, helle Restaurant offen. Das Grotto ist nur morgens und mittags geöffnet. Bankette finden nur wenige statt. «Einige wollten ihre Konfirmationen oder Firmungen nachholen», sagt sie. Caterings, die das Unternehmen früher für 15 bis 1500 Personen organisierte, fanden kaum mehr statt. «Wer will in diesen Tagen schon einen grossen Firmenanlass veranstalten.» Das «Sommerau-Ticino» kämpfte folglich wie viele Gastrobetriebe in den letzten Monaten mit existenziellen, finanziellen Sorgen. Doch an der Spitze steht nun eine Frau, die sich starke Gegner gewohnt ist.

Die Motivation und den Durchhaltewillen, den Frapolli als ehemalige Tennisspielerin an den Tag legen musste, kann sie nun gut gebrauchen. «Ich setze den 100-prozentigen Einsatz, den ich auch auf dem Platz zeigte, hier wieder voll ein», sagt sie. Manchmal sei sie gar ein wenig zu verbissen, schiebt sie nach und lacht. Nebst Studium, praktischem Anpacken und der Führung des Hotels bleibt ihr nicht mehr viel Zeit für anderes. «Dass das Hotel Sommerau-Ticino wieder hochkommt, ist mir wichtiger als meine Freizeit.»

Spontanität wurde zur Normalität

Die Coronakrise hatte aus Frapollis Sicht aber nicht nur Nachteile. «Wir kamen ganz auf das Kerngeschäft zurück. Es dreht sich nun alles um den Gast, nicht mehr um IT oder Ähnliches», sagt sie. Sie seien dankbar für jede und jeden, der komme. Um mehr Gäste zu begrüssen, nehme sie auch einmal einen grösseren Aufwand auf sich. Auch mit spontanen Absagen oder Anmeldungen gehe das Team sportlich um. Trotz Covid-19 will Frapolli es den Gästen so gemütlich wie möglich machen. Das sei wichtig: «Wenn die Gäste kommen, wollen sie es auch wirklich geniessen.»

Das Ziel Frapollis ist, dass die Sommerau wieder zu einem bekannten Treffpunkt im Limmattal wird. «Die Leute sollen hierherkommen, statt dass sie nach Zürich gehen», sagt Frapolli. Um dies zu erreichen, brauche sie noch mehr Vernetzung, ein dynamisches Team und persönliche Kontakte. Diese pflegt sie auch über Instagram, wo sie #sommeraumoments postet. Das Bild mit dem Lunchgate Guest Award, den das Hotel dieses Jahr gewann, erhielt einige Herzli. Auch der Küchenhit, das Sommerau-cordon-Bleu, und besonders das Familienfoto der Frapollis wurde mit viel Liebe bedacht.
Sollte ein Kunde mit der Dienstleistung nicht zufrieden sein – etwa weil er, nachdem er 50 Jahre vorne im Grotto sass, nun ins hintere Restaurant wechseln musste – ruft Chiara Frapolli auch einmal persönlich zu Hause an. Dann übernimmt sie die Aufgabe einer Vermittlerin und klärt die Gäste so gut es geht über die Lage auf. «Wenn man den Leuten die Situation erklärt, verstehen sie diese.»

Dietikon stark betroffen
Schweizweit sind die Logiernächte im ersten Halbjahr um knapp die Hälfte zurückgegangen. Noch schlimmer traf es den Bezirk Dietikon, hier brachen die Logiernächte im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um mehr als 71,4 Prozent ein, teilte das Statistische Amt Zürich auf Anfrage mit. Die geöffneten Betriebe verbuchten über die Sommermonate Juni bis August insgesamt 5527 Logiernächte. Das sind 17508 Übernachtungen weniger als in der selben Periode im letzten Jahr – ein Rückgang von 76 Prozent. Sogar im August wurden noch 71 Prozent weniger Übernachtungen als im Vorjahr registriert. 2019 wurden sieben Hotelbetriebe im Limmattal betrieben, in diesem Jahr waren zwei davon zumindest zeitweise geschlossen. (lyl)

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