Bezirksgericht Dietikon
Er verbreitete Bilder im «Pädo-Chat» – bei der Masoala-Halle schnappte die Falle zu

Ein Informatiker, der 2019 einer verdeckten Fahnderin der Kantonspolizei Zürich ins Netz ging, stand vor dem Bezirksgericht Dietikon.

David Egger
Merken
Drucken
Teilen
Dem Cybercrime-Kompetenzzentrum der Zürcher Staatsanwaltschaft gelang letztes Jahr ein Treffer in einem Pädophilen-Chat. Im Bild ein Mini-Wasserfall in der Masoala-Halle, wo sich der Mann zwecks Sex verabredet hatte. Bild: Keystone (Archiv)

Dem Cybercrime-Kompetenzzentrum der Zürcher Staatsanwaltschaft gelang letztes Jahr ein Treffer in einem Pädophilen-Chat. Im Bild ein Mini-Wasserfall in der Masoala-Halle, wo sich der Mann zwecks Sex verabredet hatte. Bild: Keystone (Archiv)

Keystone

Es geht um Kindesmissbrauch. Der rund 50 Jahre alte Mann ist frisch rasiert, macht einen aufgeräumten Eindruck. Aus dem schwarzen Rucksack, in dessen Seitentasche an diesem nassen Tag ein Knirps steckt, nimmt er sein stilles Valser-Wasser und ein schwarzes Etui. Er legt seine Sachen auf den Tisch vor ihm. Seinen schwarzen Mantel hat er ausgezogen. Blaues Hemd, graue Jeans, über den schwarzen Ledergurt lappt der Bauch. Schwarze Haare, braune ­Lederschuhe und eine Brille komplettieren die aufgeräumte Fassade. Und dahinter? Wie tief ist der Abgrund?

Es gibt Fakten, die niemand anzweifelt, auch nicht der Angeklagte und sein Verteidiger. Es geht um Kindesmissbrauch, der für immer dokumentiert wurde. Bei der Hausdurchsuchung im Aargau fanden die Ermittler verschiedene Datenträger. Darauf gespeichert zwei ­Videos und 278 Bilder mit kinder­pornografischem Inhalt. Klar unter 16-jährige ­Mädchen. Geknechtet von Männern. Der Missbrauch beginnt ­immer wieder von vorne. Klick, klick, und die Bilder verbreiten sich weiter – im Darknet, das im Gegensatz zum ­gängigen Internet nicht jedermann einfach so zugänglich ist. Es braucht etwas Fachwissen. An diesem mangelt es dem Angeklagten nicht. Er ist Informatiker, im Einsatz für bekannte Firmen, verdient gut. Zweimal hat auch er solche Bilder mit klar unter 16-jährigen Kindern weiterverbreitet. Er gibt das zu, genauso wie den Besitz der 280 Dateien mit kinderpornografischem Inhalt.

Wieso er solche Bilder anderen ­weitergeleitet habe, will der Dietiker ­Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher wissen. Der Angeklagte atmet tief aus, doch die Frage steht unumstösslich im Raum. Es ist eine gute Frage, auf die es keine gute Antwort geben kann.

«Ich habe die Links zu den Bildern weitergeschickt, um auch mal etwas gepostet zu haben», sagt der Angeklagte. Man will ja nicht nur an sich denken, auch nicht im ­«Pädo-Chat». So heisst übersetzt die Plattform im Darknet, auf der er sich bewegte. Als er den Namen ­dieses Chats sah, hätte er den Stecker ziehen können. Doch er tat es nicht.

«Wieso?», fragt Aeschbacher erneut. Wieso hat der Vater eines ­Kindes Dateien ­kinderpornografischen Inhalts herunter­geladen? Wieso? «Aus Neugierde», sagt der Mann.

In den E-Mails äusserte er eine Lust, die er vor Gericht verneint

Das Anschauen der Bilder und ­Videos hat die Neugierde offenbar noch nicht befriedigt. «Wieso haben Sie die Dateien nicht gelöscht?», fragt Aeschbacher. «Keine Ahnung, das frage ich mich auch», sagt der Angeklagte.

«Haben Sie das auch aus sexueller Lust gemacht?», hakt Aeschbacher nach. «Nein», gibt der Angeklagte, der sich nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft in ­therapeutische Behandlung begab, zu Protokoll.

Neben den Video- und Bilddateien haben die Ermittler auch E-Mails ge­funden, die der Mann von einer deutschen E-Mail-Adresse aus an eine nicht näher bekannte Person mit einer russischen E-Mail-Adresse geschickt hatte. Diese Person gab sich als Frau aus und schickte ihm ein Bild ihrer angeblichen Töchter. Die beiden unter 16-jährigen Mädchen waren darauf leicht bekleidet. Bikinis. In zwei E-Mails schrieb der Angeklagte, wie er zu diesem Bild seinen Gelüsten nachging. Dann lenkte er die Unterhaltung in eine bestimmte Richtung, sagte der Frau, er habe reales Interesse daran, mit ihr und den beiden Töchtern verschiedene sexuelle Handlungen vorzunehmen. Auf die Nachfrage, wie genau er sich das vorstelle, wurde er immer konkreter. Eine bestimmte sexuelle Handlung erwähnte er häufiger als alle anderen, mindestens fünfmal. Sie wird später noch bedeutsam.

Auch seine Ex-Partnerin sagte vor Gericht aus

«Wieso haben Sie diese Unter­haltung mit dieser Person geführt?», fragt der Richter. Der Angeklagte atmet einmal mehr tief aus. «Es war ein Rollenspiel», sagt er dann. Er erklärte, wie er schon seit Teenager-Zeiten gerne normale Rollenspiele spielt, zum Beispiel «Das Schwarze Auge». «Der sexuelle Teil kam erst später dazu, so um die 30, erklärt er weiter.

Als er um die 30 war, lebte er zusammen mit seiner damaligen langjährigen Partnerin im Limmattal. Die Kantonspolizei meldete sich viele Jahre später bei ihr. Denn in einem weiteren E-Mail-Verkehr hatte der Schweizer offenbar geschrieben, er habe «gerne mal seine Ex vergewaltigt». Noch bevor die Polizei ihr sagen konnte, warum sie sich bei ihr meldete, erzählte sie die Geschichte von der Vergewaltigung, die sodann auch in die Anklage aufgenommen wurde. Die Frau, die vom Bezirksgericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt wurde, erklärte aber ihr Des­interesse an einer Strafverfolgung. Sie habe mit der Sache abgeschlossen und fühle sich nicht als Opfer.

Im Chat seinen echten Jahrgang verwendet

Sie habe sich oft seiner Sexbesessenheit gefügt, um ihre Ruhe zu haben. Aber an jenem einen Sommertag habe sie sich gewehrt. Mit den Fingernägeln habe sie ihn am Bauch gekratzt, damit er aufhöre. Er soll sogar geblutet haben. Der Angeklagte erinnert sich auch. Nur halt ganz anders. Ein Vier-Augen-­Delikt, auf dessen Spur die Polizei dank der eigenen Aussagen des Mannes im «Pädo-Chat» gekommen war. Ein Gutachten besagt, dass der Mann damals eine sadistische Störung gehabt habe. Der Mann sagt, er habe sich damals in einer Experimentierphase befunden. Ob eine Vergewaltigung stattgefunden hat, muss nun das Gericht beurteilen.

Hat er sein eigenes Kind missbraucht?

Vermischungen zwischen Realität und Rollenspiel gibt es. Zum Beispiel bei seinem Benutzernamen im erwähnten Chat. Er endete mit seinem Jahrgang. Mit der gleichen Zahl endete auch der Name seiner E-Mail-Adresse, die er für den Kontakt mit der russischen E-Mail-Adresse verwendet hatte. Lässt sich daraus schliessen, dass vieles, was er im Chat und in den E-Mails geschrieben hat, stimmt? Dass es sich nicht nur um Fantasien handelte? Sondern auch um die Erzählung echter Geschehnisse? Eines davon könnte der Missbrauch des eigenen Kindes sein. Der Mann soll an diesem jene sexuelle Handlung vorgenommen haben, die er im Verkehr mit der russischen E-Mail-Adresse selber mindestens fünfmal erwähnt hatte. Dieser Vorwurf, das eigene Kind missbraucht zu haben, entspringt ebenfalls Aussagen, die der Mann in einer Unterhaltung selber getätigt hat. Unabhängig davon, ob sich die Vorwürfe erhärten lassen, liege eine Pädophilie vor, besagt das Gutachten eines Professors. Das Kind wurde untersucht und befragt, es sendete Signale aus, die auf einen Missbrauch hindeuten können, aber nicht müssen. Der Mann streitet ihn ab.

Im «Pädo-Chat» im Darknet lernte er überdies eine weitere angebliche Mutter kennen. Bei dieser handelte es sich in Tat und Wahrheit um eine verdeckte Fahnderin der Kantonspolizei. Er schlug ihr vor, sich im Zürcher Zoo zu treffen, um dort in einem Gebüsch «eine Nummer zu schieben», sein Kind solle «zusehen». Beim vereinbarten Treffpunkt bei der Masoala-Halle tauchte er auf, mit Kind, und da wartete tatsächlich eine attraktive Frau, ­Polizistin in Zivil. Klick, klick, die Handschellen. Er habe nicht damit gerechnet, dass tatsächlich jemand erscheine am Treffpunkt, sagt der Mann nun vor Gericht. Und: «Ich habe keine Ahnung, was mich da geritten hat.»

Verteidiger verlangt, dass sich das Gericht selber im Zoo umsieht

Die Verhandlung hatte noch nicht mal richtig begonnen, da wurde sie bereits ein erstes Mal unterbrochen. Der Verteidiger beantragte nämlich, dass das Gericht im Zoo einen Augenschein nimmt – um sich vor Ort davon zu überzeugen, dass es gar kein geeignetes Gebüsch in der Nähe gebe. Nach zwei Minuten Beratung lehnte das Gericht den Antrag ab. Zuvor hatte es einen anderen Antrag des Verteidigers und der Anwältin des Kindes abgelehnt: Die beiden wollten die Öffentlichkeit ausschliessen. Das Gericht verwehrte diesen Wunsch nach Geheimjustiz, der zum Ziel hatte, die aufgeräumte Fassade des Mannes zu schützen. Nur die Befragung der Ex-Partnerin blieb geheim.

Die Staatsanwaltschaft verlangt für alle Delikte zusammen eine unbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren. Doch soll der Mann nicht in den Knast. Stattdessen soll es vorderhand eine ambulante Therapie richten. Der Verteidiger beantragte eine Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 100 Franken wegen mehrfacher Pornografie. Bezüglich der restlichen Delikte beantragte er Freispruch.

«Ich entschuldige mich bei allen Beteiligten. Mir ist erst im Nachhinein bewusst geworden, was für einen Schaden ich angerichtet habe. Ich werde alles dafür machen, damit das nie mehr passiert», sagte der Mann zum Schluss.

Die Staatsanwältin, der Verteidiger, die Anwältin des Kindes und der Angeklagte, der jetzt wieder in die Rolle des normalen Menschen schlüpft: Sie verlassen den Beton des Bezirksgebäudes. Draussen auf dem Bahnhofplatz vermischt sich das leise Rieseln des Schnees mit dem Stakkato der Stöckelschuhe, dem Brummen der Busse und dem Zischen der Züge. In Licht­geschwindigkeit schwirren derweil die Daten durchs Darknet. Die Türe des Bezirksgebäudes fällt ins Schloss.

Das Urteil folgt nächste Woche.