Oetwil
Er erzählt die Geschichten hinter den Fotos: Alt-Gemeindepräsident Paul Studer digitalisierte rund 4000 Bilder

Paul Studer digitalisierte und ordnete zwei Jahre lang das Oetwiler Fotoarchiv. Nun ist die Arbeit des neusten Oetwiler Ehrenbürgers vollbracht, und die Bevölkerung kann sich selbst ein Bild vom reichhaltigen Fotoalbum des Dorfs machen.

Sibylle Egloff
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9 Bilder
Die Oetwiler Dorfansicht von 1928 zeigt nicht nur die Seidenzwirnerei am Limmatufer, sondern auch die kahlen Stellen im Altberger Wald nach dem Ersten Weltkrieg.
Paul Studer dokumentierte im Fotoarchiv die Grenzsteine Oetwils. Dass die Gemeinde zum Kanton Zürich gehört, hat sie Napoleon zu verdanken. Er zog 1803 die Grenzen neu. Festgehalten sind im Fotoarchiv auch zahlreiche Gemeindeanlässe.
Dazu zählt zum Beispiel die Einweihung des Dorfplatzes und der Überbauung Chirchhöfli im August 1990. avor standen auf dem Gelände verlassene Bauernhöfe, welche die Feuerwehr für ihre Übungen nutzte.
Hier ist der letzte Neujahrsapéro in der Gemeindescheune zu sehen. Paul Studer organisiert für diesen seit 2001 jedes Jahr eine Ausstellung.
Pferdezucht in Oetwil: Walter Eichenberger betreute die Tiere 1945 auf dem Gutshof Wettstein.
Auch die Natur kommt im Archiv nicht zu kurz. Im Bild ein Jakobskreuzkraut (senecio jacobaea).
Der Klangpfad von Köbi Alt, aufgenommen im Jahr 2017.
Diese Aufnahme zeigt den Garten vor dem Gemeindehaus im Dezember 2017.

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Sandra Ardizzone

Auf dem Bildschirm erscheint eine Dorfansicht von Oetwil aus dem Jahr 1928. Das Schwarz-Weiss-Foto rückt die Seidenzwirnerei, die bis 1981 am Limmatufer stand, ins Zentrum. Historisch bedeutend sind für Paul Studer auch die kahlen Stellen im Altberger Wald im Hintergrund. «In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg benötigte man viel Holz, deshalb wurden grosse Flächen gerodet», sagt er. Der Oetwiler Alt-Gemeindepräsident beschäftigte sich in den vergangenen zwei Jahren mit den Archivfotos der Gemeinde. Er digitalisierte und ordnete knapp 4000 Exemplare. Anfang Dezember konnte er das Projekt beenden. «Die Arbeit hat mir Spass gemacht und ich habe viel Neues erfahren», sagt der 76-Jährige. So etwa, dass der frühere Limmat-Badesteg bei Oetwil legal gebaut worden war auch wenn der Kanton einst das Gegenteil behauptet habe.

Bereits bei seinem Amtsantritt als Gemeindepräsident im Jahr 1998 fielen Studer die Fotokisten auf, die unsortiert im Spycher lagen. «Man sollte da einmal Ordnung reinbringen, habe ich mir damals gedacht.» Als Milizpolitiker hatte Studer jedoch keine Zeit, diese Aufgabe zusätzlich zu stemmen. «Je näher mein Rücktritt als Gemeindepräsident kam, desto mehr befasste ich mich mit dem Gedanken, das Fotoarchiv zu digitalisieren.» Dies auch, weil immer mehr Personen, die noch Auskunft zu den Bildern hätten geben können, gestorben seien, sagt Studer. Er wollte die Fotos nämlich nicht nur digitalisieren, sondern auch historisch einordnen. «Wenn ich nichts mache, dann gehen die Fotos in der Anonymität verloren», sagte sich Studer und begann Mitte 2018 bereits vor seinem Amtsende mit der Arbeit.

Die Beschaffenheit der Bäume half ihm bei der Chronologie

Bilder und Dokumente, die kleiner als A4-Format waren, scannte er ein. Von den grösseren schoss er Fotos. Er unterteilte die Fotos in neun Ordner, welche die Themen Dokumente, Feldarbeit, Gebäude, Gemeindeanlässe, Gemeinderat, Gesamtansichten, Infrastruktur, Landschaften und Persönlichkeiten umfassen. Die Einordnung erwies sich als deutlich aufwendiger als die Digitalisierung. «Armin Bühler hatte das Fotoarchiv aufgebaut und ein Ver­zeichnis erstellt, das über Inhalt und Alter verschiedener Fotografien Kenntnis gibt. Anhand dieser Angaben konnte ich 300 Fotos zuordnen», sagt Studer. Die restlichen 3600 versuchte er mithilfe alter Zeitungsartikel, Protokollen von Vereinen und Beschlüssen des Gemeinderats und der Gemeindeversammlungen zu ermitteln. Manchmal habe er auch Dorfansichten und Luftaufnahmen zu Rate gezogen. «Anhand der Umgebung und der Beschaffenheit der Bäume konnte ich teilweise auf das Jahr schliessen. Auf gewissen Fotos waren die Bäume noch nicht vorhanden, auf anderen waren sie grösser oder kleiner. So schaffte ich es, die Fotos chronologisch zu ordnen.»

Ein Archivfoto aus dem Jahr 1945 zeigt einen lachenden Mann, der zwischen einer Stute und ihrem Fohlen steht. «Walter Eichenberger war bei der Seidenzwirnerei angestellt, gleichzeitig arbeitete er auf dem Gutsbetrieb von Theodor Wettstein und unterhielt eine Pferdezucht», sagt Studer. Er habe Eichenberger persönlich gekannt, lange Zeit sei er sein Nachbar gewesen. «Hätte ich damals bereits von der Pferdezucht gewusst, hätte ich ihn bestimmt danach gefragt.»

Er fand heraus, wieso das Letten- Schulhaus nicht im Dorf steht

Zu einigen Bildern oder Bilderreihen verfasste Studer einen einseitigen Beschrieb. Für die Fotos des Schulhaus Letten hielt er etwa die Vorgeschichte fest. Sie gibt Auskunft über den Standort. «Man kann sich fragen, weshalb das Schulhaus abseits des Dorfes errichtet wurde. Das ergibt auf den ersten Blick keinen Sinn», sagt Studer. Bei seiner Recherche fand er heraus, dass sich die beiden Gemeinden Geroldswil und Oetwil nicht auf einen Standort einigen konnten und die Schlichtungskommission von Zürich deshalb bestimmte, dass man das Schulhaus genau in die geografische Mitte zwischen die beiden Gemeinden stellen sollte. Dass Historisches so viel zum Verständnis der aktuellen Begebenheiten beitragen kann, ist für Studer faszinierend. «Keine Zukunft ohne Vergangenheit ist mein Motto», sagt er. Deshalb sei ihm das Projekt auch so am Herzen gelegen.

Festgehalten sind im Fotoarchiv auch die Grenz- und Gedenksteine Oetwils. «Napoleon zog 1803 die Grenzen der Gemeinde neu und veränderte die Lage der Grenzsteine. Das führte dazu, dass die zusammengeführten Ortsteile Ober- und Unteroetwil fortan zum Kanton Zürich gehörten», sagt Studer. Davor sei Oberoetwil Teil des Kantons Zürich und Unteroetwil Teil des Kantons Baden gewesen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Studer Archivarbeit betreibt. Er war in den 1970er-Jahren im Immobilienbereich für die bekannte Schweizer Unternehmerfamilie Bührle tätig. «Ich wurde von den Bührles gebeten, ihre Kunstsammlung zu inventarisieren, um eine Integration im Kunsthaus Zürich zu prüfen. Sie gaben mir den Schlüssel und ich konnte zu jeder Zeit die Gemälde von Cézanne, Monet oder Renoir anschauen. Das war eine irrsinnig tolle Erfahrung für mich», sagt Studer. Als er vernahm, dass die Werke der Sammlung Bührle nun 2021 im Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich ausgestellt werden, kamen die Erinnerungen an diese Zeit wieder hoch. «Meine Faszination für Historisches und für die Dokumentation der Vergangenheit hat wohl dort begonnen», sagt Studer.

Mücken plagten Ausflügler und die Feuerwehr zündete Häuser an

Nicht alle Bilder im Oetwiler Fotoarchiv stammen aus älterer Zeit, gewisse sind erst vor ein paar Jahren entstanden. «Mir war es wichtig, die Vielseitigkeit Oetwils zum Ausdruck zu bringen», sagt Studer und betätigt die Maus seines Computers. Auf dem Bildschirm taucht ein Bild vom neuen Dorfplatz und der Überbauung «Chirchhöfli» auf. Zahlreiche Festbänke und Menschen sind zu sehen. «Das war im August 1990 bei der Einweihung des neuen Dorfplatzes», sagt Studer. Im gleichen Unterordner befinden sich Bilder, welche die Zeit davor dokumentieren.

«Früher standen an der gleichen Stelle verlassene Bauernhäuser, die für Feuerwehrübungen in Brand gesetzt wurden. Das wäre heute nicht mehr erlaubt», sagt Studer und lacht. Auf dem nächsten Foto ist der zugefrorene Erliweiher im Januar 2019 abgebildet. Im Archiv sind alle Gewässer der Gemeinde festgehalten. Studer weiss auch zum Erliweiher eine Anekdote zu erzählen: «Früher gab es dort eine Grillstelle, doch weil am Weiher so viele Mücken hausten, war der Aufenthalt wenig angenehm und sie wurde in die Eichrüti verlegt.»

Eines der neusten Bilder im Archiv ist ein Foto vom letzten Neujahrsapéro in der Gemeindescheune. Seit 2001 organisiert Studer für die Apérogäste eine Ausstellung, die sich einem speziellen Thema widmet. Wichtig dabei ist der Fokus auf Oetwil. Die letzte Ausstellung beschäftigte sich mit Wildblumen auf dem Gemeindegebiet, vor zwei Jahren präsentierte Studer die neue Dorfchronik. «Der Anlass zieht immer extrem viele Leute an und die Kombination aus Apéro und Ausstellung wird geschätzt.»

Die Bilder sind auf der Gemeindewebsite für alle zugänglich

Am kommenden Apéro wollte er der Bevölkerung das digitalisierte Fotoarchiv vorstellen. Doch weil die Veranstaltung coronabedingt ausfällt, ist das nun nicht möglich. Damit sich die Einwohnerinnen und Einwohner trotzdem ein Bild von Studers Arbeit machen können, ist das Archiv ab heute Samstag auf der Gemeindewebsite für alle Interessierten zugänglich. Für sein Engagement für Oetwil und für seine Verdienste als Gemeindepräsident von 1998 bis 2018 wurde der 76-Jährige vor kurzem an der Gemeindeversammlung zum Oetwiler Ehrenbürger ernannt. «Ich war sehr überrascht und habe mich natürlich gefreut», sagt Studer. Das sei jedoch nie der Ansporn für sein Einsatz gewesen. «Ich war unglaublich gerne Gemeindepräsident und auch die Arbeit an der Dorfchronik, die Digitalisierung des Fotoarchivs und das Organisieren der Neujahrsausstellungen haben mir viel Freude bereitet.» Er fühle sich sehr verbunden mit Oetwil und der Bevölkerung, lebe er doch schon mehr als die Hälfte seines Lebens in der Gemeinde.

«Ich bin 1972 von Zürich hierhergezogen, nicht weil ich unbedingt in Oetwil wohnen wollte, sondern weil ich hier eine Eigentumswohnung fand, die mir gefiel und die bezahlbar war.» Er könne sich noch gut daran erinnern, dass die Wohnungsverkäuferin ihm damals riet, als Eigentümer einer Liegenschaft die Gemeindeversammlung zu besuchen. «Ich war damals noch nicht politisch interessiert, doch ich befolgte ihren Rat. Seitdem habe ich keine einzige Gemeindeversammlung verpasst», sagt Studer und lacht.

Das Fotoarchiv wird weiter ausgebaut

Zwei Jahre später folgte bereits der Einstieg in die Politik. Studer trat 1974 der neu gegründeten FDP-Ortspartei bei und integrierte sich so im Dorf, in dem er nun das Ehrenbürgerrecht hat. Auch wenn die Digitalisierung des Fotoarchivs abgeschlossen ist, wird Studer künftig weiter daran arbeiten. Er hat die Aufgabe gefasst, das Archiv auszubauen und Fotos der neuen Häuser, Gebäude und Siedlungen darin zu integrieren. Für Studer kein Muss, sondern eine Passion. «Es ist wie, wenn andere im Ruhestand sich ihrem Hobby widmen. Ich kümmere mich gerne darum, dass die alten Geschichten und die Identität Oetwils nicht verloren gehen.»