Auf dem Parkplatz vor dem Bildungszentrum Limmattal in Dietikon stehen Autos mit allen möglichen Kantonswappen. Sogar eine Delegation aus Hamburg ist angereist. Lehrpersonen, Rektoren und Interessierte quetschen sich in die Aula. Diese ist laut Rektorin Claudia Hug selten so voll gewesen. Grund dafür ist die Vorstellung des neuen Lernsystems n47e8, dass den Lernenden das Büffeln wieder schmackhaft machen soll.

Nach einer Einführung ins nach den GPS-Koordinaten Dietikons (n47e8) benannte System sind die Schulzimmer für die Besucher geöffnet. Jugendliche sitzen mit Laptops auf dem Schoss im Zimmer.

Die Paletten, auf denen sie Platz genommen haben, weisen auf ihren Beruf hin: Sie sind alles angehende Logistiker. Sie loggen sich auf ihren Lernprofilen ein und erhalten dort ihre Aufträge. Die Feedbacks der Schüler sind positiv: «Ich kann in meinem eigenen Tempo arbeiten», sagt ein Lernender. Einige diskutieren in Zweiergruppen, andere klicken sich alleine durch das Programm.

Sieben Pilotklassen des Bildungszentrums Limmattal lernen seit August 2018 nach dem System. Das Programm, bei dem die Lernenden Lern-, Fach-, Selbst- und Nachhaltigkeitskompetenz erlernen ist auf sogenannten Missionen aufgebaut. Mit diesen Aufträgen, die sich über einige Lektionen hinziehen, werden sie individuell durch den Schulstoff geleitet.

Ziel ist, dass die Lernenden Selbstverantwortung wahrnehmen. «Überdies sollen sie mehr Begeisterung am Lernen haben», sagt Projektleiterin Denise Merz. Zusammen mit einem Kernteam entwickelte sie das Lernsystem in den letzen Jahren.

Auch wenn die Lehrpersonen mit diesem Programm in den Hintergrund treten, überflüssig werden sie keineswegs. Sie sind weiter Ansprechpartner, wenn die Schüler nicht weiterkommen, und halten täglich Workshops. Die hausinterne Auswertung hat ergeben, dass sich die Schüler bei Fragen vermehrt an Mitlernende wenden. Ein Berufsschullehrer erklärt: «Ich habe nun mehr Zeit für die schwächeren Schüler.»

Schulzeiten und Klassen bleiben

Auch wenn die Lehrlinge ihren Lernprozess nun individuell gestalten können, heisst das nicht, dass sie nach Belieben erscheinen oder verschwinden können. «Wir schafften die Blockzeiten nicht ab, schliesslich haben wir nebst den Pilotklassen auch noch konventionelle Klassen», sagt Rektorin Claudia Hug. Auch der Klassenverband sei immer noch existent. Denn gerade mit den zusätzlichen Freiheiten bräuchten die Lernenden momentan noch einen gewissen Rahmen, um sich gut zu entfalten.

Die Lernenden scheinen dies zu schätzen. Einer sagt: «Dieses Projekt gewährt viel Abwechslung, man kann viel variieren.» Er erfüllt seine Mission nach Möglichkeit im Zweierteam. Sei er einmal krank, sei dies nicht weiter tragisch für seinen Lernfortschritt, sagt er. Schliesslich könne er auch online weiterlernen. Der ganze Stoff, den die Jugendlichen erlernen sollten, ist auch im Internet abgelegt. Einige haben das Programm gar auf ihrem Handy installiert.

Der Schulstoff auf den Wänden

Ein Nachteil der Umstellung vom konventionellen Unterricht zum Lernsystem n47e8 sei die Anforderung, ständig mitzumachen. Denn es ist nicht mehr möglich, im Unterricht zu schlafen, wenn man sich gleichzeitig als Lehrer seiner selbst engagieren soll.

Der Unterricht findet nicht nur in den vier Wänden des Schulzimmers statt: Einige Gänge des Schulhauses erstrahlen in einem knalligen Pink-Violett. Darauf sind blaue Symbole aufgezeichnet: Wenn die Lernenden diese abfotografieren, kommen sie auf eine hinterlegte Website, die ihnen noch mehr Lerninhalte vermitteln soll. «Der Lernraum wird erweitert ins ganze Schulhaus», sagt Merz.

Die bisherigen Auswertungen des Projekts haben ergeben, dass sich die Lernenden in der Pilotgruppe genau richtig belastet fühlten, mit einer leichten Tendenz zur Überforderung. Die Lernenden in den konventionellen Klassen dagegen waren eher leicht unterfordert.

Das bestätigt die Entwickler von n47e8 in ihrer Arbeit. «Wir werden diesen eingeschlagenen Weg weiterverfolgen», sagt Hug. Modernes lernen sei ihr überaus wichtig. Sie wolle auf keinen Fall, dass die Lernenden nach dem Abschluss in der Sek in die Lehre kommen und dort «ins Mittelalter zurückfallen».