Fahrweid

Bei ihnen läuft nichts ohne Bacalhau — was die Portugiesen an Weihnachten auftischen

Eine grosse Mehrheit der im Limmattal wohnhaften Ausländer stammt aus Portugal. Laurentina De Sousa Cerqueira und António Luis Manso Moreira servieren in ihrem Restaurant Katequero in der Fahrweid Spezialitäten aus der Heimat. Sie wissen, was bei den Portugiesen an Weihnachten auf den Tisch kommt.

Der erste Gast bestellt ein «Sagres» und blickt zum Fernseher hoch. Die 18-Uhr-Nachrichten flimmern über den Bildschirm – auf Portugiesisch selbstverständlich. Bilder an der Wand wecken das Fernweh: Sie zeigen den berühmten Praça do Comércio in Lissabon, das Douro-Tal, den Wallfahrtsort Fatima und Aveiro, das portugiesische Venedig. Hinter dem Tresen stapeln sich auf einer grossen Arbeitsfläche beinahe künstlerisch Kaffeetassen-Teller griffbereit für den Service. Neben der Vitrine, in der sich verschiedenfarbige Cremen in Dessertschälchen und die portugiesischen Patisserie-Klassiker Pastel de nata drängen, thront ein geschmücktes Plastiktannenbäumchen. Über allem schwebt die portugiesische Flagge. Wer das Restaurant Katequero in der Geroldswiler Fahrweid betritt, verlässt die Schweiz und bricht für einen Abend, für eine Mahlzeit, für einen Moment auf in das südwesteuropäische Land am Atlantik.

Mit einem breiten Lächeln erscheint António Luis Manso Moreira aus der Küche. Er und seine Frau Laurentina De Sousa Cerqueira sind die Gastgeber und zwei von 4089 im Limmattal wohnhaften Portugiesen. «Heute haben wir zwei Reservationen», sagt Manso Moreira. Der Abend verspricht ein ruhiger zu werden. Das Ehepaar bewirtet seit eineinhalb Jahren Landsleute und vereinzelt auch Schweizerinnen und Schweizer in ihrer Gaststätte. Sie haben sich hier ihr eigenes Stück Portugal erschaffen. «Meine ganze Familie lebt in Porto. Vor allem an Weihnachten vermisse ich sie sehr», sagt De Sousa Cerqueira. Die 55-Jährige steht am Herd und rührt Milch, die sie mit Zitronenschale in einem Topf erhitzt.

Das zweite Weihnachten in der Schweiz

Es ist das zweite Weihnachtsfest, das sie nicht in der Heimat verbringt. Sie und ihr Mann stammen aus der malerischen Stadt am Douro-Fluss, die bekannt für den gleichnamigen süssen und gehaltvollen Wein ist. «Die Weinkeller und Portweinproduktionsfirmen befinden sich aber auf der anderen Seite des Flusses, das ist nicht mehr Porto, sondern bereits Vila Nova de Gaia», präzisiert die gelernte Köchin.
Zubereitet werden an diesem Abend «Rabanadas», ein typisches Festtags-Dessert. Der portugiesische Name klingt bedeutend schöner als der Schweizerdeutsche Ausdruck «Fotzelschnitte». Die Machart ist jedoch die gleiche. De Sousa Cerqueira tränkt Weissbrotscheiben mit der Flüssigkeit und lässt sie in die Masse einziehen. Derweil füllt sie die Pfanne mit ordentlich Frittieröl. «Eine Spezialität aus Porto ist zum Beispiel die Francesinha. Das ist ein Sandwich aus Toastbrot, das mit Schinken, einer Räucherwurst sowie einem Steak belegt und mit geschmolzenem Käse bedeckt wird. Darüber giesst man eine Sauce aus Tomaten, Bier und Senf. Manchmal kommt noch ein Spiegelei obendrauf», erklärt De Sousa Cerqueira. Bekannt seien auch der Kutteleintopf nach Porto-Art sowie diverse Gerichte mit Bacalhau.

Mmmh, in der Küche brutzeln die Rabanadas.

Mmmh, in der Küche brutzeln die Rabanadas.

Der gesalzene und luftgetrocknete Stockfisch ist der Inbegriff der portugiesischen Küche. Er wird roh, mariniert, gegrillt, frittiert oder gekocht gegessen. Man verarbeitet ihn in Suppen, Salaten, Vorspeisen und Hauptgerichten. Kulturell ist der Stockfisch so fest mit dem Land verknüpft wie die Seefahrer Vasco da Gama oder Bartolomeu Dias, für die der lang haltbare Bacalhau auf ihren Entdeckungsreisen unentbehrlich war. Auf der Speisekarte im «Katequero» darf der Fisch deshalb nicht fehlen. Zur Auswahl stehen «Bacalhau à Braga» und «Bacalhau com Broa». «Bei der ersten Speise wird der Stockfisch frittiert und mit einer Zwiebelsauce serviert», erklärt Manso Moreira. Beim zweiten Gericht werde der Fisch mit einer Brotkruste überbacken. Beim Wirtepaar kommt an Weihnachten auch Bacalhau auf den Tisch. «Bacalhau mit Kartoffeln gibt es bei uns immer. Typische Weihnachtsgerichte sind zudem Tintenfisch und Crevetten mit Kartoffeln und Gemüse sowie Truthahn», sagt der 53-jährige gelernte Koch. Je nach Region würden die Speisen variieren.

Bacalhau com Broa: Stockfisch mit einer Brotkruste überbacken

Bacalhau com Broa: Stockfisch mit einer Brotkruste überbacken

Die Brotscheiben tanzen derweil im heissen Öl um die Wette. De Sousa Cerqueira wendet sie und legt die goldbraunen Stücke in eine Schüssel mit Zucker und Zimt. Eine besondere portugiesische Note erhalten die «Rabanadas» durch die Sauce aus Portwein und Zimt. De Sousa Cerqueira kocht das Ganze so lange ein, bis der Alkohol verdampft ist. Sie hat gerade die letzten Fotzelschnitten aus dem Öl gefischt, als ihr Mann in die Küche eilt. Die ersten Bestellungen sind eingegangen. Jetzt muss es schnell gehen. Der Grill-Ofen wird angeheizt. Manso Moreira schneidet Schweinefleisch und legt die gesalzen Stücke auf die heisse Grill-Platte, während seine Frau Spiegeleier in runden Blechförmchen anbrät. Rauch erfüllt die Küche, die sich im Nu in eine Sauna verwandelt. Die Gäste bekommen Bitoque de Porco, Schweinesteaks mit Ei, Reis, Pommes frites und Salat. Manso Moreira und De Sousa Cerqueira sind ein eingespieltes Team. Seit 32 Jahren sind sie verheiratet. «Den ganzen Tag mit dem Partner zu verbringen bei der Arbeit und Zuhause bin ich mir gewohnt. Manchmal kann es etwas anstrengend sein», sagt De Sousa Cerqueria und lacht.

Trotz harter Arbeit war das Geld knapp

Unterdessen steht auch Tochter Ana im Einsatz. Die 22-Jährige unterstützt ihre Eltern im Service. Das ist an diesem Abend auch nötig, denn immer mehr Gäste betreten das Restaurant. Die junge Frau hat in Porto Tourismus studiert und ist zusammen mit ihrer Mutter vor zwei Jahren in die Schweiz gezogen. «Mein Vater und meine ältere Schwester Joana kamen bereits vor vier Jahren hierher.» Die Wirtschaft im Heimatland sei eine Katastrophe. Auch wenn Portugal bei Touristen immer beliebter werde, gebe es sehr wenig und wenn dann nur sehr schlecht bezahlte Arbeit, sagt sie. «Meine Eltern führten zwei Restaurants in Porto und schufteten Tag und Nacht.» Trotzdem sei es finanziell manchmal knapp gewesen. «Ein Freund, der in Genf ein Restaurant betreibt, brachte mich auf die Idee, es in der Schweiz zu versuchen», sagt ihr Vater, als er mit ein paar leeren Tellern zurück in die Küche kommt. Zwei Jahre arbeitete er für eine Reinigungsfirma in Dietikon, bis er das Geld zusammenhatte, um ein Restaurant zu eröffnen.

Neben dem Festmahl steht das Zusammensein am Heilig Abend im Zentrum.

Neben dem Festmahl steht das Zusammensein am Heilig Abend im Zentrum.

Auch die ältere Tochter, die 28-Jährige Joana, hilft im Familienbetrieb mit. Derzeit weilt sie aber in Porto bei der Familie. «Sie ist bereits nach Portugal verreist, sie wird dort Weihnachten feiern und für Neujahr wieder in die Schweiz zurückkehren», sagt Ana und klingt dabei etwas neidisch. Sie feiert Heilig Abend mit ihren Eltern zu dritt.

Die Familie wohnt gleich hinter dem Restaurant. «Wir haben am 24. Dezember tagsüber offen und schliessen abends, damit wir etwas Zeit für uns haben», sagt ihre Mutter. Neben dem Festmahl steht das Zusammensein am Heilig Abend im Zentrum. «Wir spielen Karten oder Monopoli und singen Lieder», sagt De Sousa Cerqueira. Auch wenn sie am 25. Dezember wieder ganz normal geöffnet hätten, finde die Bescherung traditionell portugiesisch erst um Mitternacht statt.

Die Gaststube ist nun bis auf den letzten Platz gefüllt. Am Fernseher läuft ein Fussballmatch. Am Fifa Club World Cup in Qatar 2019 spielt die brasilianische Mannschaft CR Flamengo gegen den saudischen Fussballclub Al-Hilal. Als alle Gäste bedient sind, verfolgt Manso Moreira einige Spielminuten. Danach kehrt er hinter den Tresen zurück, füllt Oliven in eine Schale und bestreicht Brotscheiben mit Knoblauchöl.

Ana macht derweil Kaffee für die Gäste und serviert die Gerichte, die ihre Mutter aus der Küche schickt. Sie habe bereits alle Geschenke eingekauft, sagt sie. «Meine Mutter macht uns immer tolle Geschenke und mein Vater gibt uns meistens Geld, weil er nicht weiss, was wir uns wünschen.» Manso Moreira zuckt mit den Achseln. «Mit unseren Töchtern habe ich meiner Frau das grösste Geschenk gemacht», sagt der Wirt und lacht. Er selbst brauche keines. «Ich bin glücklich, dass ich mir den Traum von einem eigenen Restaurant in der Schweiz erfüllen konnte.»

Autor

Sibylle Egloff

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