Wer auf das Wahlprotokoll der Gemeinderatswahl in Dietikon schaut, erschrickt. Von den 5654 am Sonntag gezählten Wahlzetteln wurden 1722 ungültig eingelegt. Das ist eine Quote von über 30 Prozent. Zum Vergleich: 2014 wurden nur 33 Wahlzettel als ungültig eingelegt gezählt. Das sind 52-mal mehr. Was ist also passiert? Haben die Dietiker etwa verlernt, wie man wählt?

Karin Hauser, Stadtschreiberin und Sekretärin des Wahlbüros, sagt: «Viele Wählerinnern und Wähler haben anstatt einer einzelnen Parteiliste mehrere oder sogar alle zehn Listen in ihr Wahlcouvert gelegt.» Damit ist der Wählerwille nicht mehr erkennbar. «Praktisch alle ungültig eingelegten Stimmen sind darauf zurückzuführen», sagt Hauser. «Wir sind auch erschrocken, als wir die vielen Kuverts mit mehreren Listen gesehen haben», sagt Hauser. Die Stimmbürger waren offenbar kreativ: «Einige haben alle zehn Listen unverändert gelassen, andere nur vier, wieder andere haben alle Zettel bearbeitet und ins Kuvert gelegt», sagt Hauser.

Ein Bürger, zehn Stimmzettel

Jede einzelne Parteiliste, die zusammen mit anderen Parteilisten in ein Kuvert gelegt wird, wird als ein einzelner ungültig eingelegter Wahlzettel erfasst. So kann ein unwissender Stimmbürger alleine zehn ungültige Wahlzettel produzieren. Also haben nicht 1722 Dietiker falsch gewählt, wie man es zunächst annehmen würde, sondern eher 172.

An der Zählweise hat sich gegenüber 2014 nichts geändert. Dennoch gab es damals 52-mal weniger ungültige Stimmzettel. Vier Jahre davor, im Jahr 2010, wurden 499 Wahlzettel ungültig eingelegt. Immer noch über dreimal weniger als dieses Jahr. Die Stadt weiss nicht, woher die plötzliche Explosion kommt. Hauser sagt: «Wir können uns das nicht erklären. Wir haben beim Versand der Parteilisten im Vergleich zu den Wahlen davor nichts geändert.» Auch das Layout sei noch das Gleiche wie vor vier Jahren gewesen.

Deutlich weniger Ungültige in Schlieren und Urdorf

In Schlieren gab es nur 21 ungültig eingelegte Wahlzettel. Das sind 82-mal weniger als in Dietikon. Hinzu kommen noch sogenannte gültig eingelegte, aber trotzdem ungültige Wahlzettel: In Dietikon waren es 13, in Schlieren 67.

Die Schlieremer Stadtschreiberin Ingrid Hieronymi sagt: «Wir beobachteten nur sehr selten, dass Wähler mehrere Listen in ihr Wahlkuvert gelegt haben.» Auch wenn man die Anzahl Stimmbürger einrechnet: In Schlieren wählen die Bürger also offenbar treffsicherer als in Dietikon.

In Urdorf, der dritten Limmattaler Gemeinde, in der am Sonntag gewählt wurde, gab es bei der Gemeinderatswahl ebenfalls nur wenige ungültige Wahlzettel, nämlich 16. Dort handelte es sich aber um eine Exekutivwahl ohne vorgedruckte Listen. Auch in Dietikon ist zu sehen, dass die Stadtratswahlen, bei denen man einfach bis zu sieben Namen aufschreiben konnte, problemloser waren. Bei 4703 eingegangen Wahlzetteln waren nur 23 ungültig.

Ungeübte Wähler

Hans Jürg Podzorski, juristischer Sekretär der kantonalen Direktion der Justiz und des Innern, sagt: «Es ist ein bekanntes Phänomen, dass bei Proporzwahlen deutlich mehr Menschen ungültige Wahlzettel einlegen als bei Majorzwahlen oder Abstimmungen zu Sachthemen.» Es sei nicht ungewöhnlich, dass durchschnittlich etwa 10 bis 15 Prozent der Wahlzettel als ungültig gezählt werden, weil die stimmende Person das ganze Wahlzettel-Set zurückschickt.

Eine eindeutige Erklärung, warum die ungültigen Stimmen in Dietikon plötzlich so nach oben geschossen sind, kennt Podzorski nicht. «Allenfalls könnte eine Erklärung sein, dass viele Personen zur Wahl gingen, die dies normalerweise nicht tun und darin nicht geübt sind», sagt er.

Die Wahlbeteiligung war heuer (32,1) tiefer als 2014 (35,2 Prozent). Es ist aber möglich, dass die No-Billag-Initiative auch Menschen mobilisiert hat, die sonst nicht abstimmen oder wählen.